Verlagerung der Gefechte Britischer Geheimdienst spricht von neuer Phase des Ukrainekriegs

Seit mehr als fünf Monaten hält die Ukraine dem russischen Angriff stand. Laut Angaben aus Kiew gerät der Verteidigungswall im Donbass ins Wanken. Nach Ansicht der Briten bildet sich zudem eine weitere Frontlinie.
Russische Truppen vor einem Wasserwerk am Dnepr: 350 Kilometer lange Frontlinie

Russische Truppen vor einem Wasserwerk am Dnepr: 350 Kilometer lange Frontlinie

Foto: Uncredited / picture alliance/dpa/AP

Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine tritt nach britischen Informationen in eine neue Phase ein. Das britische Verteidigungsministerium rechnet damit, dass sich die schwersten Gefechte auf eine knapp 350 Kilometer lange Frontlinie verlagern, die sich südwestlich nahe Saporischschja bis nach Cherson erstreckt und damit parallel zum Fluss Dnepr verläuft. Das teilte das Ministerium in seinem regelmäßigen Geheimdienst-Update zum Ukrainekrieg mit.

In Saporischschja befindet sich ein von Russland besetztes ukrainisches Atomkraftwerk, das leistungsstärkste in Europa. Cherson ist über eine strategisch wichtige Zugstrecke mit der besetzten Schwarzmeer-Halbinsel Krim verbunden.

Der britische Geheimdienst geht wohl davon aus, dass sich die russischen Streitkräfte im Süden der Ukraine versammeln. Dort erwarten sie entweder eine ukrainische Gegenoffensive, oder aber sie bereiten sich auf einen möglichen Angriff vor. Lange russische Militärkonvois bewegten sich weiterhin weg von der ukrainischen Region Donbass Richtung Südwesten. Militärische Ausrüstung soll auch aus den russisch besetzten Gebieten Melitopol, Berdiansk und Mariupol sowie über das russische Festland über die Kertsch-Brücke auf die Krim gebracht worden sein.

Russen greifen ukrainischen Verteidigungswall im Donbass an

Dennoch gehen die Angriffe im Donbass weiter. Dort attackieren die russischen Truppen nach Angaben aus Kiew den letzten von Ukrainern gehaltenen Ballungsraum, Bachmut. Das teilte der ukrainische Generalstab in seinem Lagebericht mit. Die prorussischen Rebellen hatten am Vortag vermeldet, es gebe Gefechte bereits innerhalb des Stadtgebiets. Unabhängig können die Angaben beider Seiten nicht überprüft werden.

Seit der Eroberung des Gebiets Luhansk konzentrieren sich die russischen Offensivbemühungen in der Ostukraine auf das benachbarte Gebiet Donezk. Schrittweise konnten die russischen Invasoren in den letzten Wochen die ukrainischen Verteidiger zurückdrängen. Russische Truppen kontrollieren inzwischen etwa 60 Prozent des Territoriums. Das Hauptquartier der ukrainischen Truppen im Donbass befindet sich im Ballungsraum Slowjansk–Kramatorsk, wo vor dem Krieg gut eine halbe Million Menschen lebten. Von Osten her ist dieser Raum durch die Festungslinie Siwersk–Soledar–Bachmut gesichert.

Diese gerät nun an mehreren Stellen ins Wanken. Russische Truppen stehen auch vor Siwersk und Soledar. Die schwersten Gefechte laufen aber derzeit um den Verkehrsknotenpunkt Bachmut, den die Russen mit Artillerie und Panzern beschießen.

Auch direkt vor der ehemaligen Gebietshauptstadt Donezk, seit 2014 in der Hand prorussischer Separatisten, dauern die Gefechte an. Die moskautreuen Truppen versuchen hier, die Ukrainer weiter abzudrängen. Im Raum der Kleinstadt Awdijiwka, nördlich von Donezk, habe es mehrere Angriffsversuche gegeben, diese seien abgewehrt worden, meldete der Generalstab. Großflächig wird das Gebiet mit Artillerie beschossen.

Ukraine meldet Erfolge im Süden

Im Süden des Landes geht die Initiative hingegen auf die Ukrainer über. Dort konzentrierten sich die russischen Truppen darauf, ihre Positionen in den besetzten Gebieten zu verteidigen, heißt es im Lagebericht. Die Kommandostelle Süd des ukrainischen Militärs hatte zuvor bereits berichtet, mindestens sechs russische Waffen- und Munitionsdepots sowie zwei Kommandopunkte im Gebiet Cherson vernichtet zu haben. Auch für diese Angaben gibt es keine unabhängige Bestätigung.

jlk/dpa
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