Krieg in der Ukraine Russische Verluste, Friedensappelle und erste Gespräche – die Lage am Mittag

Präsident Selenskyj appelliert an russischen Soldaten, Kremlchef Putin befasst sich mit »Wirtschaftsfragen«. Zugleich sind Delegationen beider Seiten in Belarus zu Gesprächen zusammengekommen. Der Überblick.
Eine Frau und ein Kind umarmen sich nach ihrer Flucht aus der Ukraine nach Polen

Eine Frau und ein Kind umarmen sich nach ihrer Flucht aus der Ukraine nach Polen

Foto: Yara Nardi / REUTERS

Der russische Angriff in der Ukraine gerät ins Stocken, Moskau gibt erstmals eigene Verluste zu. Am Vormittag sind Delegationen beider Seiten in Belarus zu Gesprächen zusammengekommen. Gleichzeitig wendet sich der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyi in einem neuen Video direkt an russische Kämpfer. Die Nachrichtenlage im Überblick.

Die Lage in der Ukraine

Der Vormarsch der russischen Truppen wird von heftiger Gegenwehr der Ukrainer gebremst. »Die russischen Besatzer haben das Tempo der Offensive verringert, versuchen aber immer noch, in einigen Gebieten Erfolge zu erzielen«, teilte der Generalstab der ukrainischen Streitkräfte am Morgen mit.

Explosionen waren in der Hauptstadt Kiew und der zweitgrößten Stadt des Landes, Charkiw, zu hören. Die ukrainische Seite berichtet über zahlreiche zivile Opfer der Angriffe, weil auch Wohngebiete beschossen würden. Laut Angaben der Nachrichtenagentur Interfax ist die Großstadt Berdjansk am Asowschen Meer in der Hand des russischen Militärs.

Russische Truppen eroberten Angaben aus Moskau zufolge die ukrainischen Städte Berdjansk und Enerhodar im Südosten des Landes. Sie stünden unter russischer Kontrolle, teilte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, mit. Seinen Angaben zufolge hat Russland die Lufthoheit über die gesamte Ukraine erlangt. Dafür gab es von ukrainischer Seite zunächst keine Bestätigung.

Angaben des ukrainischen Gesundheitsministeriums zufolge sind bislang 352 Zivilisten gestorben, darunter 14 Kinder. Zudem wurden demnach 1684 Zivilisten verletzt, 116 davon Kinder. Die ukrainische Armee meldete 5300 getötete russische Soldaten seit Beginn der Invasion. Auch habe das russische Militär unter anderem 29 Flugzeuge, 29 Hubschrauber und 191 Panzer verloren. Die Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen.

Russland bestätigte nach tagelangem Schweigen erstmals eigene Verluste: »Leider gibt es unter unseren Kameraden Tote und Verletzte«, sagte ein Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums. Konkrete Angaben machte er nicht.

DER SPIEGEL

Russland gab außerdem an, 1100 militärische Objekte zerstört zu haben. Das sagte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums Igor Konaschenkow in Moskau. Zudem seien 314 Panzer und andere Kampffahrzeuge sowie 57 Raketensysteme getroffen worden. Auch diese Angaben können aktuell nicht unabhängig überprüft werden.

Zugleich fliehen weiter Menschen vor der Invasion. Laut dem Uno-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) sind seit Kriegsbeginn 422.000 Menschen aus der Ukraine in benachbarte Länder geflohen. Außerdem sei im Zuge der russischen Invasion eine sechsstellige Zahl an Menschen innerhalb der Ukraine vertrieben worden, sagte UNHCR-Sprecher Chris Melzer. Eine genaue Schätzung der Binnenflüchtlinge sei derzeit nicht möglich.

Was Kiew sagt

Am Vormittag hatten sich an der ukrainisch-belarussischen Grenze Delegationen beider Konfliktparteien getroffen. »Ich glaube nicht allzu sehr an ein Ergebnis«, aber »man muss es versuchen«, hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj zuvor über die Gespräche gesagt. Er fordert einen sofortigen Waffenstillstand und den Abzug der russischen Truppen. Bei dem Treffen sind zunächst weder er noch Kremlchef Wladimir Putin zugegen.

Parallel zum Gesprächsbeginn hatte Selenskyj eine neue Videobotschaft auf Facebook veröffentlicht. Darin sprach er ebenfalls von einer hohen Zahl getöteter russischer Soldaten und rief alle übrigen zum Niederlegen ihrer Waffen auf. »Rettet euer Leben und geht heim«, appellierte Selenskyj an die kämpfenden Russen im Land.

An die EU gerichtet, bat Selenskyj um ein Eilverfahren zur Aufnahme in den Staatenbund: »Ich bin überzeugt, dass das gerecht ist. Ich bin überzeugt, dass wir das verdient haben.«

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Was der Kreml sagt:

Von russischer Seite wurde der Gesprächsbeginn in Belarus deutlich begrüßt. Die russische Delegation sei bereit, mit der ukrainischen Seite so lange zu verhandeln, bis eine Einigung erzielt werde, sagte der russische Delegationsleiter Wladimir Medinski am Morgen.

Wie viel die Gespräche bringen werden, ist unklar: Russlands Präsident hatte den Krieg am Sonntag weiter eskalieren lassen, als er die Atomstreitkräfte seines Landes in Alarmbereitschaft versetzte.

Mit Blick auf die einschneidenden Sanktionen sagte Kremlsprecher Dmitrij Peskow, sie seien »hart, sie bereiten Probleme«. »Aber Russland hat das nötige Potenzial, um den Schaden auszugleichen«, fügte er hinzu. Präsident Putin werde sich am Montag mit »Wirtschaftsfragen« befassen und wichtige Minister dazu treffen.

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Was die internationale Gemeinschaft sagt:

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sprach sich am Morgen für einen EU-Beitritt der Ukraine aus: »Auf lange Sicht gehören sie tatsächlich zu uns. Sie sind einer von uns, und wir wollen sie dabei haben.« In der Nacht zum Montag hatte die Europäische Union ihre schwerwiegenden Sanktionen gegen die russische Zentralbank in Kraft gesetzt.

Gleichzeitig zeigen die bereits zuvor verhängten Sanktionen unter anderem von EU, USA, Kanada und Großbritannien erste Wirkung: Der Rubel stürzte am Morgen auf ein Rekordtief. Auf der Handelsplattform EBS stürzte er in der Nacht um fast 42 Prozent ab. Für einen Dollar mussten zeitweise 119 Rubel hingelegt werden.

Am Mittag will in Genf der Uno-Menschenrechtsrat zu seiner regulären Frühjahrssitzung zusammenkommen. Der russische Außenminister Sergej Lawrow hat seine Teilnahme angekündigt. Er steht für Dienstag auf der Rednerliste. Unklar ist, ob er aufgrund der Flugeinschränkungen anreisen kann.

Zugleich rief China alle Konfliktparteien zur Zurückhaltung auf: »Alle Seiten sollten ruhig bleiben, Zurückhaltung zeigen und eine weitere Eskalation vermeiden«, sagte Außenamtssprecher Wang Wenbin in Peking auf Journalistenfragen nach Putins indirekter Drohung mit Nuklearwaffen.

mrc/dpa/Reuters
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