Russlands Krieg gegen die Ukraine Angriff auf Flüchtende am Bahnhof, von der Leyen in Butscha – das war der 44. Kriegstag

In Kramatorsk werden Dutzende Zivilisten auf der Flucht getötet. Ursula von der Leyen verurteilt die russischen Verbrechen. Und: Präsident Selenskyj befürchtet noch schlimmere Gräueltaten. Der Überblick.
Zerstörte Autos außerhalb des Bahnhofs in Kramatorsk

Zerstörte Autos außerhalb des Bahnhofs in Kramatorsk

Foto: FADEL SENNA / AFP

Der Bahnhof in Kramatorsk wurde am Morgen von mindestens einer russischen Rakete getroffen. Nach ukrainischen Angaben gibt es wenigstens 50 Tote, SPIEGEL-Reporter Christoph Reuter, der vor Ort ist, beschreibt das Gebiet um den Bahnhof als »ungeheuer verwüstet«. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat auf ihrem Besuch in der Ukraine auch in Butscha haltgemacht. Sie sprach im Kontext des Massakers an Hunderten Zivilisten vom »grausamen Gesicht von Putins Armee«. Russlands Außenminister Sergej Lawrow schlägt derweil Belarus als Sicherheitsgaranten für die Ukraine vor und die Nato könnte bald ein neues Mitglied bekommen.

Die Entwicklungen im Überblick:

Militärische Lage

Die russischen Streitkräfte haben sich nach britischen Angaben vollständig aus der Nordukraine nach Belarus und Russland zurückgezogen. Zumindest einige dieser Truppen würden in die Ostukraine verlegt, um in der Donbass-Region zu kämpfen, teilt das britische Verteidigungsministerium auf Basis von Informationen des Militärgeheimdienstes auf Twitter mit. Dies werde wohl einige Zeit in Anspruch nehmen.

Truppen der Ukraine haben nach Angaben des Regionalgouverneurs Dmytro Schwyzkyj zudem die gesamte Region Sumy an der Grenze zu Russland wieder unter ihrer Kontrolle. Der Gouverneur warnte geflüchtete Bewohner jedoch vor einer raschen Rückkehr: »Die Region ist nicht sicher. Viele Gebiete sind vermint und noch nicht geräumt«, erklärte er.

Humanitäre Lage

Bei dem Raketenangriff auf den Bahnhof der ostukrainischen Stadt Kramatorsk sind Dutzende Menschen getötet und verletzt worden. Ukrainische Behörden und prorussische Kräfte beschuldigen sich gegenseitig der Tat. Bilder zeigen mit Tüchern abgedeckte Getötete auf dem Vorplatz des Bahnhofs, mehrere geparkte Autos sind ausgebrannt.

Nach ukrainischen Angaben gibt es mindestens 50 Tote. Nach Angaben von Gouverneur Pawlo Kyrylenko warteten Tausende Menschen in Kramatorsk auf ihre Evakuierung. SPIEGEL-Reporter Christoph Reuter ist vor Ort und berichtet von einer »ungeheuren Verwüstung.«

Am Freitag sind nach Angaben der Regierung zehn Fluchtkorridore eingerichtet worden. Aus der besonders schwer von russischen Angriffen betroffenen Stadt Mariupol im Süden sollte ein Weg für Privatfahrzeuge in Richtung der Stadt Saporischschja führen, wie Vizeregierungschefin Iryna Wereschtschyk mitteilte. Aus der Stadt Berdjansk sowie aus weiteren Orten im Osten sollten Zivilisten mit Bussen abgeholt werden, aber auch mit Autos fliehen können. Aus umkämpften Gebieten in der Region Luhansk führten fünf Korridore in die Stadt Bachmut, schrieb Wereschtschyk in ihrem Nachrichtenkanal bei Telegram.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat seit dem russischen Einmarsch mehr als hundert Angriffe auf das Gesundheitswesen in der Ukraine verzeichnet. Der »schreckliche Meilenstein« sei am Donnerstag überschritten worden, teilte die Organisation mit. Dabei seien 73 Menschen getötet und 51 weitere verletzt worden.

Das sagt Kiew

Wolodymyr Selenskyj hat die Situation in der Stadt Borodjanka nach dem Abzug des Feindes als verheerend bezeichnet. Die Lage dort sei noch »viel schrecklicher« als im vor wenigen Tagen von der ukrainischen Armee zurückeroberten Butscha, sagte Selenskyj in einer Videobotschaft an seine Landsleute. »Es gibt dort noch mehr Opfer der russischen Besatzer.«

Die ukrainische Generalstaatsanwältin Iryna Wenediktowa hatte zuvor den Fund dutzender Leichen in Wohngebieten von Borodjanka gemeldet. »Allein aus den Trümmern von zwei Wohnblöcken wurden 26 Leichen geborgen«, berichtete sie auf Facebook. Wie viele weitere Tote in der nordwestlich von Kiew gelegenen Stadt noch gefunden werden, sei »unmöglich vorherzusagen«.

Das sagt der Kreml

Russland sieht nach den jüngsten Verhandlungen in der Türkei auch Belarus weiter als möglichen Vermittler und Sicherheitsgaranten für die Ukraine. »Wir sind dafür, dass unsere belarussischen Freunde weiterhin eine positive Rolle in den russisch-ukrainischen Verhandlungen spielen, und Belarus ist eine hervorragende Plattform für die Fortsetzung solcher Verhandlungen«, sagte Russlands Außenminister Sergej Lawrow in Moskau.

In Belarus hatte Machthaber Alexander Lukaschenko zuvor eine Teilnahme an den Gesprächen verlangt. Ohne sein Land sei keine Lösung möglich, meinte er. Lawrow schloss zwar auch andere Verhandlungsorte nicht aus, machte sich aber zugleich für Belarus als Sicherheitsgaranten der Ukraine stark. Die ersten russisch-ukrainischen Verhandlungen hatte es in Belarus gegeben. Die Ukraine sieht Belarus nicht mehr als neutralen Vermittler, da es auch Angriffe von dortigem Gebiet aus gab.

So reagiert der Westen

Bei einem Besuch in Butscha hat EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen die russische Armee für die Kriegsgräuel in dem Kiewer Vorort verantwortlich gemacht. »Wir haben das grausame Gesicht von Putins Armee gesehen«, sagte die deutsche Politikerin. »Hier in Butscha haben wir gesehen, wie unsere Menschlichkeit zertrümmert wurde, und die ganze Welt trauert mit den Menschen in Butscha.«

Bundeskanzler Olaf Scholz kündigte nach einem Treffen mit Boris Johnson in London an, dass Deutschland weiter kontinuierlich Waffen an die Ukraine liefern wird, um den Abwehrkampf gegen die russische Invasion zu stärken. Zu einer Lieferung von Panzern aus deutschen Beständen äußerte er sich aber zurückhaltend. »Es ist so, dass wir uns bemühen, die Waffen zu liefern, die hilfreich sind und gut eingesetzt werden können. Das haben wir in der Vergangenheit gemacht, das werden wir auch weiter tun«, sagte Scholz. Das seien vor allem Panzerabwehr- und Luftabwehrwaffen und Munition gewesen. Der Botschafter der Ukraine, Andrij Melnyk, hatte die Bundesregierung zuvor aufgefordert, der ukrainischen Armee den Schützenpanzer »Marder« zur Verfügung zu stellen – und mit einem »Marder« pro Woche zu beginnen.

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg sagte in einem Interview mit dem britischen Radiosender BBC 4, dass die Nato-Staaten bereit seien, die Ukraine beim Kampf gegen Russland auf Jahre hinaus mit Waffen zu beliefern.

Die Slowakei hat der Ukraine offenbar in einer Geheimoperation ein großzügiges Geschenk gemacht. Bratislava hat Kiew sein S-300 Flugabwehrsystem überlassen. Das gab Ministerpräsident Eduard Heger in einer Videobotschaft bekannt. Das noch zu Sowjetzeiten entwickelte russische Flugabwehr-Raketensystem S-300 zerstört mit präziser Lenktechnik gegnerische Flugzeuge oder Raketen.

»Mit dieser verantwortungsvollen Entscheidung gewährt die Slowakei als Land, das Frieden, Freiheit und Schutz der Menschenrechte unterstützt, der Ukraine und ihren unschuldigen Bürgern eine rein defensive Hilfe«, sagte Heger in der Videobotschaft. Das Raketensystem werde nach seiner Überzeugung helfen, »viele Ukrainer vor der Aggression des Putin-Regimes zu retten«. Nach von der slowakischen Regierung vorerst nicht bestätigten Medienberichten, wurde das Raketensystem S-300 in einer zwei Tage dauernden Geheimaktion an die Ukraine geliefert. Die USA haben angekündigt, ein modernes Flugabwehrraketensystem vom Typ Patriot in die Slowakei zu verlegen.

Die Nato könnte bald Zuwachs bekommen: Finnland steht nach Einschätzung seines Präsidenten Sauli Niinistö vor einem Mitgliedschaftsantrag. Er rechne mit einer »gewaltigen parlamentarischen Mehrheit« für einen entsprechenden Beitrittsantrag, sagte Niinistö der »Süddeutschen Zeitung«. Im Falle eines Antrags gehe er von einer »zügigen« Entscheidung der Nato aus.

Das sollten Sie lesen

  • Kein Gasembargo und nur langsame Waffenlieferungen – durch das Grauen von Butscha gerät die Bundesregierung mit ihrer Politik immer mehr unter Druck. Wie lange kann Berlin seinen zögerlichen Kurs noch halten?

  • Russische Soldaten haben in der Kleinstadt Butscha Hunderte Zivilisten erschossen. Überlebende erzählen von unfassbaren Szenen. Die SPIEGEL-Titelstory.

  • Am 16. März traf eine Bombe das Theater von Mariupol, in dem Hunderte Menschen Zuflucht vor russischen Truppen gesucht hatten, darunter Frauen und Kinder. Dutzende Menschen kamen um. Überlebende berichten.

svs/dpa/Reuters/AFP