Krieg in der Ukraine Ein zerstörtes Krankenhaus, tote Zivilisten, kein Importstopp – die Lage im Überblick

Es ist der 14. Kriegstag. In Mariupol wurde nach ukrainischen Angaben ein Kinderkrankenhaus bombardiert, die Uno zählt nun offiziell 516 tote Zivilisten. Die Bundesregierung schließt einen Gasimportstopp vorerst aus.
Die zerstörte Klinik in Mariupol

Die zerstörte Klinik in Mariupol

Foto: Uncredited / dpa

Es soll in einer eigentlich vereinbarten Feuerpause passiert sein: Der ukrainische Präsident, Wolodymyr Selenskyj, wirft dem russischen Militär vor, ein Kinderkrankenhaus bombardiert zu haben. Laut Angaben ukrainischer Offizieller soll dabei auch eine gebärende Frau verletzt worden sein sowie 16 weitere Menschen. Selenskyj fragte auf Twitter, wie lange die Welt den russischen Kriegsverbrechen noch tatenlos zusehen wolle.

Es ist der 14. Kriegstag.

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Humanitäre Lage

Die Lage in den von russischen Soldaten eingekesselten Städten ist nach wie vor katastrophal. Besonders aus Mariupol häufen sich erschreckende Berichte. In den Straßen sollen Leichen liegen. Ukrainischen Angaben zufolge sind seit dem Einmarsch russischer Truppen in Mariupol mindestens 1170 Zivilisten getötet worden. »47 sind heute in einem Massengrab beerdigt worden«, zitiert eine staatliche Informationsagentur den stellvertretenden Bürgermeister der Stadt, Serhii Orlow. »Die Menschen haben kein Wasser, Heizung, Elektrizität, Gas. Die Bewohner schmelzen Schnee, um etwas zum Trinken zu haben.«

Die ersten Zivilisten konnten die umkämpften Städte verlassen, in Sumy waren es nach ukrainischen Angaben mehrere Tausend Menschen. Nach Angaben des Vizechefs des Präsidentenbüros, Kyrylo Tymoschenko, fuhren zudem im südukrainischen Enerhodar sowie in Isjum nahe Charkiw im Nordosten die ersten Fahrzeuge mit Zivilisten ab. Über 2,15 Millionen Menschen sind nach Angaben des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR aus der Ukraine geflohen, die meisten von ihnen ins Nachbarland Polen. Allein am Mittwoch flohen demnach mehr als 140.000 Menschen. Die EU rechnet mit insgesamt fünf Millionen Flüchtlingen durch den Ukrainekrieg.

Das Uno-Hochkommissariat für Menschenrechte hat inzwischen den gewaltsamen Tod von 516 Zivilisten dokumentiert. Darunter waren 37 Tote unter 18 Jahren. Zudem zählte es über 908 Verletzte, darunter 50 Minderjährige. Die tatsächlichen Zahlen liegen laut der Uno-Hochkommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet, »mit Sicherheit« viel höher. »Die meisten Opfer unter der Zivilbevölkerung wurden durch den Einsatz von Explosivwaffen mit großer Reichweite verursacht, darunter durch den Beschuss mit schwerer Artillerie und mit Raketenwerfern sowie durch Raketen- und Luftangriffe«, teilte Bachelets Büro mit.

Militärische Lage

Die militärischen Fronten scheinen weitgehend statisch. Trotzdem werden nach ukrainischen Angaben weiterhin Städte bombardiert. Zur Zahl der getöteten russischen Soldaten gibt es widersprüchliche Angaben: Die russische Regierung legte am 2. März die bisher einzige offizielle Bilanz vor, wonach knapp 500 ihrer Soldaten getötet und rund 1600 weitere verletzt worden seien. Das US-Verteidigungsministerium ging zuletzt von 2000 bis 4000 getöteten russischen Soldaten aus. Zum Vergleich: Während des gesamten Irak-Einsatzes von 2003 bis 2021 wurden 4000 US-Soldaten getötet, während des 20-jährigen Nato-Einsatzes in Afghanistan waren es 2500 US-Soldaten. Die ukrainische Armee machte bislang keine Angaben zur Zahl ihrer getöteten Soldaten. Moskau hatte Anfang März von 2800 getöteten ukrainischen Armeeangehörigen gesprochen.

In Flammen stehende Panzer, zerstörte Armeefahrzeuge, zurückgelassene Lastwagen: Bilder aus dem Kriegsgebiet zeigen schwere Schäden an militärischer Ausrüstung. Kiew gibt an, der russischen Armee seit Kriegsbeginn herbe Verluste zugefügt zu haben. 81 Hubschrauber, 317 Panzer, tausend gepanzerte Fahrzeuge, 120 Artilleriegeschütze, 56 Raketenwerfer und 60 Tankwagen Russlands wurden demnach zerstört. Hinzu kommen den Angaben zufolge sieben operative beziehungsweise taktische Drohnen sowie drei Schiffe und 28 Fahrzeuge zur Luftabwehr.

Experten gehen indes von deutlich niedrigeren materiellen Verlusten Russlands aus. Laut der Website oryxspioenkop.com, die nur visuell dokumentierte materielle Verluste beider Kriegsparteien auflistet, verlor Russland in dem Krieg bis Mittwoch 151 Panzer, 300 weitere gepanzerte Fahrzeuge, zehn Kampfjets und elf Hubschrauber. Die materiellen Verluste der ukrainischen Armee bezifferte oryxspioenkop.com auf 46 Panzer, mindestens hundert gepanzerte Fahrzeuge, fünf Flugzeuge und zwei Schiffe.

Wohnhäuser und andere Gebäude im östlichen Mariupol vor und nach dem russischen Angriff
Wohnhäuser und andere Gebäude im östlichen Mariupol vor und nach dem russischen Angriff

Wohnhäuser und andere Gebäude im östlichen Mariupol vor und nach dem russischen Angriff

Foto: Satellite Imagery © Maxar Technologies Provided by European Space Imaging / Satellite Imagery © Maxar Technologies Provided by European Space Imaging

Am Donnerstag wollen sich der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba und sein russischer Amtskollege Sergej Lawrow in Antalya zu Gesprächen treffen. Kuleba sagte vorab, er habe keine hohen Erwartungen an die Gespräche.

EU weitet Sanktionen aus

Die EU-Staaten haben sich angesichts des anhaltenden Kriegs auf eine erneute Ausweitung der Sanktionen gegen Russland und dessen Partnerland Belarus verständigt. Wie die EU-Kommission in Brüssel mitteilte, werden 14 weitere russische Oligarchen und prominente Geschäftsleute auf die Liste derjenigen Personen kommen, deren Vermögenswerte in der EU eingefroren werden und die nicht mehr einreisen dürfen. Zudem sind ein Verbot für die Ausfuhr von Schifffahrtsausrüstung sowie der Ausschluss dreier belarussischer Banken aus dem Kommunikationsnetzwerk Swift vorgesehen.

Auf den von der Ukraine geforderten Stopp von Energieimporten aus Russland konnten sich die EU-Staaten auch nach einem entsprechenden Beschluss der USA weiter nicht verständigen. Die Bundesregierung sieht weiter keine Möglichkeit für einen sofortigen Boykott russischer Energielieferungen nach dem Vorbild der USA. Die USA seien Exporteur von Gas und Öl, was man für Europa insgesamt nicht sagen könne, betonte Bundeskanzler Scholz in Berlin bei einer Pressekonferenz mit Kanadas Premierminister Justin Trudeau. »Und deshalb sind die Dinge, die getan werden können, auch unterschiedlich.«

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Mein Kollege Francesco Collini hat aufgeschrieben, warum die Republik Moldau fürchtet, das nächste Opfer von Putins Aggressionen zu werden. »Manche Parallelen zwischen Moldau und der Ukraine scheinen dieser Tage fast unheimlich«, schreibt er.

Das ehemalige ukrainische Kernkraftwerk Tschernobyl ist von der Stromversorgung abgeschnitten. Nach Angaben des ukrainischen Netzbetreibers wurden Stromleitungen durch Beschuss beschädigt. Weil weiter gekämpft werde, sei es nicht möglich, die notwendigen Reparaturarbeiten durchzuführen. Das staatliche ukrainische Atomenergieunternehmen Energoatom warnt nun davor, dass radioaktive Substanzen aus dem Atomkomplex austreten könnten.

Der US-Ökonom Jeffrey Sachs bezweifelt, dass Russland einem Nato-Beitritt der Ukraine jemals friedlich zugesehen hätte. Nur weil Länder in die Nato strebten, sei es nicht klug, sie aufzunehmen. Er sagt: »Wie würden die USA reagieren, wenn Mexiko eine militärische Allianz mit Peking bilden würde? Es würde keine Sekunde dauern, bis die USA dort einmarschieren würden.«

Was hätte es für Folgen, wenn Russland pleitegeht? Das hat mein Kollege Tim Bartz analysiert.

höh/dpa/AFP