Humanitäre Lage in der Ukraine US-Regierung prangert gezielte Kriegsführung gegen Zivilisten an

Die ukrainische Regierung spricht von Plünderungen in den von Russen eroberten Städten, der US-Außenminister zeigt sich erschüttert. Noch immer gibt es keine Korridore, über die Hilfsgüter ins Land kommen könnten.
Ein Baby sitzt mit seiner flüchtenden Mutter in einem Zug, der Lwiw verlässt

Ein Baby sitzt mit seiner flüchtenden Mutter in einem Zug, der Lwiw verlässt

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Felipe Dana / dpa

Seit einer Woche bombardiert Russland in einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Städte der Ukraine, Hunderte Zivilisten wurden bereits getötet. Immer mehr Menschen machen sich auf die Flucht in Richtung Westen, die ukrainischen Behörden bitten um Hilfslieferungen.

Die humanitäre Lage im Überblick.

Wie es den Menschen in der Ukraine geht:

Immer mehr Städte werden mit russischer Artillerie beschossen. Die Hafenstadt Cherson ist bereits erobert, die Städte Charkiw und Mariupol könnten ebenfalls bald an die Russen fallen. Viele Angriffe richten sich gegen zivile Infrastruktur und Wohngebiete, die ukrainischen Behörden melden immer mehr zivile Todesopfer.

Bei der russischen Offensive seien bereits »Hunderte, wenn nicht Tausende Zivilisten getötet oder verletzt worden«, sagte US-Außenminister Antony Blinken in Washington. Die Folgen für die Bevölkerung seien »erschütternd«. Das russische Militär greife Gebäude und Städte an, die »keine militärischen Ziele sind«, sagte er. »Wir haben in der Vergangenheit sicherlich gesehen, dass eine der Kriegsmethoden Russlands darin besteht, absolut brutal vorzugehen und zu versuchen, die Bürger eines Landes einzuschüchtern.« Er prognostiziert eine weitere Zunahme des Leids in den kommenden Tagen.

Zum Schutz ihrer Bevölkerung forderte die Kiewer Regierung nun Korridore, durch die die Menschen mit Hilfsgütern versorgt werden können. Kinder müssten in Sicherheit gebracht werden, Lebensmittel, Medikamente und Rettungswagen seien dringend nötig, fordert Mychajlo Podoljak, Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. »In den Dörfern und Städten, in denen russische Truppen stationiert werden, wird direkt geplündert, geraubt und gemordet.«

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Die Ukraine forderte zudem Russland zu einer Feuerpause in den Regionen Charkiw und Sumy auf, um Zivilisten in Sicherheit bringen zu können. In Korosten nördlich der Stadt Schytomyr starben nach Angaben der Verwaltung zwei Menschen bei einem Luftangriff auf einen großen Kontrollpunkt. Fünf Menschen wurden verletzt.

Aktuell gelangen Hilfsgüter vor allem via Zug ins Land. Täglich pendeln so unter anderem Züge zwischen Tschechien und den Städten Lwiw im Westen sowie Tschop im Südwesten der Ukraine. Sie bringen auf dem Hinweg humanitäre Hilfsgüter und nehmen auf dem Rückweg Frauen und Kinder mit.

Wie die Lage für Geflohene ist:

Mehr als eine Million Menschen flohen nach Angaben des Uno-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) seit Beginn des russischen Angriffs aus der Ukraine. UNHCR-Chef Filippo Grandi warnte auf Twitter, die Schutzsuchenden bräuchten dringend humanitäre Unterstützung.

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Die meisten Schutzsuchenden halten sich inzwischen in den ukrainischen Nachbarländern auf, vor allem in Polen, Rumänien und Ungarn. Viele Fliehende reisen über die Republik Moldau ein – ein Umweg, weil verschiedene ukrainische Fernstraßen aufgrund der Kriegssituation unsicher geworden sind. Wer kann, reist weiter, auch nach Deutschland.

  • Polen zählt insgesamt bislang rund 575.100 Geflüchtete aus dem Nachbarland, wie der Grenzschutz mitteilt. Am Mittwoch seien es rund 95.000 gewesen, und bis Donnerstagmorgen um sieben Uhr seien weitere rund 27.100 Menschen über die Grenze gekommen.

  • In Rumänien sind nach Angaben der Grenzpolizei mehr als 139.000 Geflüchtete aus der Ukraine angekommen. Knapp 88.000 von ihnen seien bereits in ein anderes Land weitergereist, heißt es laut Daten der Grenzpolizei.

  • Die Polizei in Ungarn meldete zuletzt am Mittwochmittag mehr als 125.000 Schutzsuchende seit dem Beginn der russischen Invasion.

Die drei Länder haben auf EU-Ebene bislang nicht um Unterstützung bei der Aufnahme der Kriegsflüchtlinge ersucht. Tschechien rief angesichts der Zunahme an Geflüchteten bereits den Notstand ab Freitag aus. Das ermögliche eine bessere Koordinierung der Hilfe in dieser Krisensituation, sagte Innenminister Vit Rakusan nach einer Kabinettssitzung am Mittwochabend. In dem kleinen EU-Land sind in den vergangenen Tagen rund 20.000 Ukrainerinnen und Ukrainer per Zug angekommen.

Hilfe für die Menschen in der Ukraine – hier können Sie spenden

Bundesinnenministerin Nancy Faeser geht davon aus, dass die EU-Ressortchefs bei ihrem Treffen heute den rechtlichen Rahmen für die Aufnahme von Geflüchteten setzen werden. Es werde dann etwa eine Woche dauern, bis die Vorgaben in Gang gesetzt würden, sagt die SPD-Politikerin bei ihrer Ankunft am Ratsgebäude in Brüssel. Wie viele Menschen aus dem Kriegsgebiet nach Deutschland kämen, sei noch nicht absehbar.

mrc/dpa