Ukrainekrieg stürzt Weizenmarkt in Turbulenzen Putins afrikanische Opfer

Im südlichen Afrika scheint der Krieg in Osteuropa weit weg. Dabei drohen drastische Folgen: Viele Länder sind auf Weizen aus der Ukraine und Russland angewiesen – die Preise explodieren.
Markt in Nairobi: Die Lebensmittelpreise in vielen afrikanischen Ländern sind in den vergangenen Wochen explodiert – und könnten nun noch weiter steigen

Markt in Nairobi: Die Lebensmittelpreise in vielen afrikanischen Ländern sind in den vergangenen Wochen explodiert – und könnten nun noch weiter steigen

Foto: Zakaria Ahmed / DER SPIEGEL
Globale Gesellschaft

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Es wird dunkel in Nairobi, Beatrice Atieno packt ihr unverkauftes Obst und Gemüse zusammen, es war wieder mal ein eher durchschnittlicher Tag. Die Marktfrau muss sich beeilen, mit dem Sammeltaxi durch den Rushhour-Verkehr, dann zu Hause noch Essen zubereiten. Im Radio erzählt der Nachrichtensprecher vom Krieg in der Ukraine, irgendwann gegen Ende der Sendung. Es gibt gerade andere Probleme, im August ist Präsidentschaftswahl in Kenia. Dabei sind Atienos Abendessen und der weit entfernte Krieg enger miteinander verbunden, als viele ahnen.

Denn Experten rechnen damit, dass die Lebensmittelpreise vor allem in Entwicklungsländern in den kommenden Wochen signifikant steigen werden. Ein Produkt ist besonders betroffen: Weizen. Ein Großteil der Importe in Kenia stammt aus der Ukraine und Russland. »Schon gestern sind die Weizenpreise hier explodiert, außerdem haben die Müller kaum mehr Zugang zu Kapital«, sagt Paloma Fernandes von der Vereinigung der Getreidemüller in Kenia. Die hohen Transportkosten aufgrund des gestiegenen Ölpreises täten ihr Übriges.

Die Marktfrau Beatrice Atieno hat kaum Erspartes, gibt schon jetzt einen Großteil ihrer Einnahmen für Essen aus. »Manchmal gehen wir hungrig ins Bett, weil das Leben so teuer geworden ist. Vor allem Brot kann ich mir nicht mehr leisten, wir essen stattdessen Kartoffeln zum Frühstück«, erzählt die Verkäuferin.

Tatsächlich sind die Lebensmittelpreise in vielen afrikanischen Ländern in den vergangenen Wochen explodiert, schon vor dem Ukrainekrieg. Der Preis für Weizenmehl ist im Vergleich zum Vorjahr um 15 Prozent gestiegen, für Speiseöl gar um ein Drittel. Die Wut der Kenianerinnen und Kenianer ist groß, denn viele müssen jeden Cent umdrehen, um morgens und abends etwas auf den Tisch zu bringen.

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Auf Twitter trendet seit Tagen der Hashtag #lowerfoodprices, also »niedrigere Lebensmittelpreise«. Hunderte Nutzerinnen und Nutzer machen ihrem Ärger Luft und fordern die Regierung zum Handeln auf. Doch die steht mit dem Rücken zur Wand: Das Land ist hoch verschuldet, und der Internationale Währungsfonds fordert deutlich mehr Staatseinnahmen. So wurden die Steuern auf zahlreiche Produkte erhöht, auch auf Lebensmittel. Die Probleme der globalen Lieferketten seit Beginn der Pandemie haben die Lebensmittelpreise weiter steigen lassen. Und nun noch der Krieg in der Ukraine.

»Die Preise werden durch den Krieg weiter steigen, und die Ärmsten leiden am meisten unter den Konsequenzen«, sagt der kenianische Argrarökonom Timothy Njagi. Denn gerade Weizen ist eine wichtige Nahrungsquelle für Kenianerinnen und Kenianer mit niedrigem Einkommen. Frittierte Teigwaren füllen schnell den Magen, Brot ersetzt in der Not oft eine warme Mahlzeit. Doch all diese Produkte sind deutlich teurer geworden. Auch Marktverkäuferin Beatrice Atieno kann von ihren Einnahmen kaum mehr leben: »Ich gehe in einen Laden und drehe direkt wieder um – weil mein Geld plötzlich nicht mehr reicht, um etwas zu kaufen.«

Die steigenden Preise bringen aber auch die Mittelschicht zunehmend in Bedrängnis. Cake Plaza, eine der bekanntesten Bäckereien der Stadt, wäre an diesem Donnerstagnachmittag eigentlich voll mit Menschen, die Kuchen für Kindergeburtstage am Wochenende vorbestellen oder sich ein Brot für den nächsten Morgen holen. Doch in letzter Zeit kämen immer weniger Kunden, erzählt Manager Daniel Kisumba: »Die Leute beschweren sich ständig, wenn sie die Preise sehen. Unsere Verkäufe sind um mehr als die Hälfte eingebrochen. Viele Bäckereien haben schon komplett zugemacht.«

Kisumba verfolgt den Krieg in der Ukraine aufmerksam in den Nachrichten, er weiß genau, was auf ihn zukommt. Mindestens 300 Kilogramm Weizenmehl verbraucht seine Bäckerei pro Tag. Die Firma hat keine Wahl: In Kürze müssen sie die Preise wieder anheben, diesmal um ein Viertel. Eine große Packung Weißbrot kostet dann fast zwei Euro – früher war es mal weniger als die Hälfte.

Die Vereinigung der Getreidemüller hofft nun zumindest auf andere Zulieferer, auf Argentinien, Australien oder die USA. Aber Kenia erlaubt keinen Import von genmodifiziertem Getreide, daher sind die Optionen begrenzt. Viele Lagerhäuser und Mühlen haben noch einen Weizenvorrat für ungefähr zwei bis drei Wochen, dann wird es eng.

Bäckerei Cake Plaza in Kenias Hauptstadt Nairobi

Bäckerei Cake Plaza in Kenias Hauptstadt Nairobi

Foto: Zakaria Ahmed / DER SPIEGEL

Und es kommen noch weitere Probleme hinzu: Ukraine und Russland sind auch Düngemittelexporteure, die Preise waren in den vergangenen Monaten ebenso explodiert. Vor allem Kleinbauern im südlichen Afrika haben daher in dieser Pflanzsaison weniger Düngemittel eingesetzt als früher, was den Ertrag deutlich schmälern wird. Dadurch steigen am Ende wieder die Lebensmittelpreise. Ein Teufelskreis des Hungers, der durch den Krieg im fernen Europa noch weiter vorangetrieben wird. Und auch kenianische Exporte könnten unter den angekündigten Sanktionen leiden, Russland ist einer der Hauptabnehmer für Tee aus dem ostafrikanischen Land.

Der Agrarökonom Timothy Njagi hofft darauf, dass die explodierenden Kosten in Kenia und anderen afrikanischen Ländern nun zu einem Umdenken führen: »Wir müssen uns entscheiden: Wollen wir weiter von Exporten abhängig sein oder unsere eigene Agrarindustrie besser aufstellen?« Viele traditionelle Lebensmittel sind in den vergangenen Jahrzehnten in Vergessenheit geraten, wurden durch westliche Produkte ersetzt. Nun, in Zeiten steigender Preise, erleben sie eine Renaissance. Putins Krieg wird auch im südlichen Afrika für Hunger und Armut sorgen. Aber vielleicht auch zu einem Umdenken.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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