Kornkammer Ukraine Wie der Westen beim Getreideexport helfen will

Per Schiff, auf der Straße oder mit dem Zug – das Ausland versucht, Getreideexporte aus der Ukraine zu ermöglichen. Während Cem Özdemir in Kiew ein Zeichen der Solidarität setzte, bietet Paris einen robusten Einsatz an.
Cem Özdemir zu Besuch bei einem landwirtschaftlichen Betrieb nahe Kiew

Cem Özdemir zu Besuch bei einem landwirtschaftlichen Betrieb nahe Kiew

Foto: Andreas Stein / dpa

Die Ukraine gilt als Kornkammer Europas – und droht zu bersten. Durch die russische Blockade der Häfen am Schwarzen Meer liegen nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj derzeit bis zu 25 Millionen Tonnen Getreide auf Halde. Im Herbst könnte die Zahl demnach auf 75 Millionen Tonnen steigen. Die Preise auf den internationalen Märkten sind stark gestiegen. Millionen Menschen – insbesondere in Afrika und Asien – droht Hungersnot. Der Kreml verlangt für eine Lockerung der Blockade eine Aufhebung von Sanktionen, hat zuletzt aber auch die Möglichkeit von Korridoren für Agrarexporte ins Spiel gebracht. Der Westen wirft Moskau vor, Hunger als Waffe einzusetzen und sucht nach Wegen, Lebensmittel und andere Waren aus der Ukraine zu exportieren.

Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir hat während seines Besuchs in der Ukraine deutsche Unterstützung zugesichert. »Der Erfolg der ukrainischen Landwirtschaft ist nicht nur für die Ukraine wichtig, er ist für uns alle wichtig«, sagte der Grünenpolitiker bei einem Agrarkolleg nahe Kiew.

All die Probleme mit der Lebensmittelversorgung in der Ukraine und im Rest der Welt, für die die Ukraine ja traditionell eine wichtige Rolle spiele, gäbe es ohne den »feigen Angriffskrieg« Putins nicht, sagte Özdemir. Er machte klar, dass es ihm mit seinem Besuch vor allem um ein Zeichen der Solidarität mit der angegriffenen Ukraine gehe.

Özdemir teile die Skepsis in der Ukraine, dass Russland bereit sei, Korridore für Agrarexporte über das Schwarze Meer zu ermöglichen. »Das wäre für die Ukraine Kamikaze, sich auf das Wort von Putin zu verlassen, ohne dass es glaubwürdige, wirksame militärische Garantien gibt, dass die Sicherheit der ukrainischen Häfen und der Schiffe abgesichert ist.«

Frankreich zu Einsatz für »sicheren Zugang zum Hafen von Odessa« bereit

Eine mögliche Garantie könnte aus Frankreich kommen. Paris wäre offenbar bereit, sich an einem möglichen Einsatz zum Beenden der Blockade des ukrainischen Hafens von Odessa zu beteiligen. Ziel wäre es, Schiffen die Durchfahrt zu ermöglichen, um das in der Ukraine gelagerte Getreide zu exportieren, teilte der Élysée-Palast mit.

»Wir stehen den Parteien zur Verfügung, um (...) eine Operation zu starten, die einen sicheren Zugang zum Hafen von Odessa ermöglicht, also Schiffe durchzulassen, obwohl das [Schwarze] Meer vermint ist«, sagte ein Berater des Präsidenten laut der Zeitung »Le Monde«.

Polen hingegen plant, den Getreidetransport auf dem Landweg auszuweiten. »Wenn wir sehr intensiv daran arbeiten, können wir in nächster Zeit auf 1,5 Millionen Tonnen pro Monat kommen«, sagte Landwirtschaftsminister Henryk Kowalczyk nach einem Treffen mit EU-Landwirtschaftskommissar Janusz Wojciechowski. Gegenwärtig sei man dabei, die Abfertigungskapazitäten an den polnisch-ukrainischen Grenzübergängen zu erhöhen.

Die Ukraine habe die Erwartung geäußert, auf dem Landweg über Polen bis zu fünf Millionen Tonnen Getreide ausführen zu können. Dies sei aber nicht zu schaffen, da Polen dafür technisch nicht vorbereitet sei, räumte Kowalczyk ein.

Bis zu 19 Millionen Menschen droht Hunger

Die Blockade der Schwarzmeerhäfen könnte im nächsten Jahr Hungersnot bei Millionen weiteren Menschen auslösen. Dies bedeute für elf bis 19 Millionen Menschen Hunger, erklärte ein Direktor der Uno-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO).

Die Bemühungen der Ukraine und des Westens tragen aber auch erste Früchte: Die Ukraine kann offenbar langsam wieder mehr Getreide ins Ausland exportieren, wie die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf den EU-Landwirtschaftskommissar Janusz Wojciechowski berichtet. Demnach könnten mittlerweile monatlich wieder fast zwei Millionen Tonnen aus der Ukraine in andere Länder geliefert werden.

svs/dpa/Reuters/AFP