Früherer US-Außenminister Kissinger äußert Verständnis für Deutschland im Umgang mit Ukrainekrieg

Nach Ansicht Henry Kissingers werde Deutschland eine wichtige Rolle bei der Schaffung eines neuen Europas spielen. Dass Berlin mit militärischer Führung hadere, sei nachvollziehbar, findet der 99-jährige US-Staatsmann.
Henry Kissinger (Archivbild von April 2019)

Henry Kissinger (Archivbild von April 2019)

Foto: Jaime R. Carrero / REUTERS

Der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger hat Verständnis für die Schwierigkeiten Deutschlands geäußert, seine Rolle in Europa im Zuge des Ukrainekriegs zu finden. »Angesichts der Geschichte ist es keine einfache Aufgabe für Deutschland, eine Führungsrolle in Europa zu übernehmen, die darauf basiert, die stärkste militärische Macht zu sein«, sagte Kissinger am Montag vor Journalisten in London, denen er per Videokonferenz zugeschaltet war.

»Ich fühle mit der deutschen Regierung, angesichts der Aufgabe, die sie sich gesetzt hat, und dessen, dass sie nicht in der Lage war, sich mit einem fertigen Plan auf etwas zu stürzen, das sich so von früheren Aufgaben unterscheidet«, sagte der inzwischen 99 Jahre alte US-Staatsmann.

Wichtige Rolle auch bei Wiederaufbau der Ukraine

Deutschland werde eine sehr wichtige Rolle spielen bei der Schaffung des neuen Europas, das jetzt entstehe, sagte Kissinger weiter. Das gelte sowohl hinsichtlich der Sicherheit Europas vor der Gefahr weiterer russischer Aggression als auch, was den Wiederaufbau der Ukraine betreffe. »Das wird eine Unterstützung in der Art des Marshallplans erfordern«, fügte er hinzu.

Deutschland wurde unter anderem vorgeworfen, die Ukraine im Kampf gegen Russland zu zögerlich mit Waffen zu unterstützen.

Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos im Mai hatte Kissinger vorgeschlagen , die Ukraine solle Russland die 2014 annektierte Krim überlassen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte die Vorschläge scharf zurückgewiesen, die Regierung in Kiew solle zur Beendigung des Krieges Russland territoriale Zugeständnisse machen.

Kissinger prägte die Außenpolitik der Vereinigten Staaten von Ende der Sechzigerjahre für beinahe ein Jahrzehnt, zunächst als nationaler Sicherheitsberater, dann als Außenminister. Er stammt aus einer deutsch-jüdischen Familie und musste 1938 aus Deutschland vor den Nazis fliehen.

ngo/dpa
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