Krieg in der Ukraine – die aktuelle Lage Kampf um die Städte

Die Gefechte konzentrieren sich derzeit auf die wichtigsten Städte der Ukraine – auch im Süden. Insgesamt sollen schon mehr als 2000 Zivilisten getötet worden sein. Russland droht weiter. Der Überblick.
Zerstörtes Haus nahe Kiew

Zerstörtes Haus nahe Kiew

Foto: Vadim Ghirda / AP

An Tag sieben nach Beginn der russischen Aggression auf die Ukraine meldet der ukrainische Rettungsdienst eine düstere Zahl: Mehr als 2000 Zivilisten und Zivilistinnen seien bereits getötet worden. Hunderte Gebäude seien zerstört worden, darunter Krankenhäuser, Kindergärten und Wohngebäude. »Jede Stunde verlieren Kinder, Frauen und Verteidigungskräfte ihr Leben«, heißt es in einer Erklärung. Unter den Toten seien zehn Rettungskräfte. Die Angaben lassen sich aktuell nicht überprüfen, die Uno sprach zuletzt von 142 Toten.

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Erstmals nannte auch das russische Verteidigungsministerium erste Opferzahlen aus den eigenen Reihen. 498 russische Soldaten seien seit Beginn des Angriffskrieges bisher gestorben, 1597 verwundet. Auch diese Angaben können derzeit nicht geprüft werden.

Militärische Lage

Die Gefechte konzentrieren sich aktuell auf die wichtigsten Städte der Ukraine. Besonders umkämpft sind derzeit weiterhin Charkiw und die zwei Hafenstädte am Asowschen Meer Mariupol und Cherson.

Eigenen Angaben zufolge war Cherson am Mittwochmorgen vom russischen Militär eingenommen worden: »Russische Einheiten der Streitkräfte haben das Zentrum der Region Cherson vollständig unter ihre Kontrolle gebracht«, sagte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, einer Mitteilung zufolge.

Doch nur wenige Stunden später dementierte die Ukraine die russischen Angaben über die Einnahme der Stadt. Ukrainische Medien hatten zuvor von Kämpfen in der Stadt mit etwa 280.000 Einwohnern berichtet. Es werde noch um den südlichen Hafen gekämpft. Der Berater des Innenministeriums, Anton Heraschtschenko, sprach von zahlreichen toten Zivilisten, die Cherson unter anderem mit sogenannten Molotowcocktails verteidigt hätten.

Auch in der südukrainischen Stadt Mariupol am Asowschen Meer wird wohl weitergekämpft – und auch dort seien mehrere Zivilisten getötet worden. Der Bürgermeister der Stadt, Wadym Bojtschenko, beklagte im ukrainischen Fernsehen zahlreiche Opfer. Eine genaue Zahl nannte er nicht. Außerdem soll die Wasserversorgung der Stadt dem Bürgermeister und Medienberichten zufolge gestört sein.

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In der ostukrainischen Metropole Charkiw erschütterte ein weiterer Raketeneinschlag nach jenem auf dem Freiheitsplatz offenbar die Innenstadt. Diesmal sei das Gebäude des Stadtrates von einer Rakete getroffen worden. Das teilt der Vizegouverneur der Region, Roman Semenucha, mit. Die russischen Streitkräfte hätten einen Marschflugkörper abgefeuert.

Situation der Zivilgesellschaft

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist tief besorgt über bislang unbestätigte Berichte über Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen in der Ukraine. Bislang sei ein Fall bestätigt worden, sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus am Mittwoch in Genf. Vergangene Woche sei ein Krankenhaus unter Beschuss geraten. Dort seien vier Menschen getötet und zehn verletzt worden. Berichte über weitere Attacken würden noch geprüft. Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen verstießen gegen das internationale Völkerrecht, betonte Ghebreyesus.

Aufgrund der Kämpfe setzt sich die Fluchtbewegung aus der Ukraine gen Westen fort. Das Uno-Flüchtlingswerk UNHCR gab heute eine erneut gestiegene Zahl von rund 874.000 Menschen an, die das Land verlassen hätten. Mehr als die Hälfte der Geflüchteten befindet sich den Uno-Angaben zufolge nun in Polen. Rund 454.000 Menschen aus der Ukraine suchten demnach dort Schutz. An zweiter Stelle folgt Ungarn mit rund 116.000 aufgenommenen Flüchtlingen, dann Moldau mit 79.000, die Slowakei mit 67.000 und Rumänien mit 45.000. Rund 70.000 Menschen seien zudem in andere europäische Staaten weitergereist.

Seit der Verhängung des Kriegsrechts nach dem russischen Angriff auf die Ukraine ist Männern im Alter zwischen 18 und 60 Jahren die Ausreise verboten. Die meisten Geflüchteten sind also Frauen, Kinder und Männer, die aufgrund des Alters oder aus sonstigen Gründen nicht kämpfen können.

Der ukrainische Grenzschutz hat mehr als 60 ukrainische Männer beim versuchten illegalen Grenzübertritt in die Republik Moldau festgenommen. Die Männer im wehrfähigen Alter hätten versucht, über den Fluss Dnistr das Land zu verlassen, teilte die Behörde mit . Sie seien sofort an das Wehrkreisersatzamt übergeben worden.

Internationale Reaktionen

Der Westen verurteilt weiter der russische Einmarsch in die Ukraine. Die britische Regierung wirft dem russischen Präsidenten Wladimir Putin vor, bei den Angriffen Kriegsverbrechen begangen zu haben. »Was wir schon jetzt von Wladimir Putins Regime gesehen haben, bezüglich der Nutzung von Kampfmitteln, die sie bereits auf unschuldige Zivilisten abgeworfen haben, das erfüllt aus meiner Sicht bereits vollkommen die Bedingungen eines Kriegsverbrechens«, sagte Premierminister Boris Johnson im britischen Unterhaus.

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Foto: Victor Berzkin / dpa

Gleichzeitig treibt der Westen die Isolation Russlands durch wirtschaftliche und diplomatischen Sanktionen voran:

Russlands Drohungen

Als Antwort auf die Sanktionen des Westens kontert Russland erneut mit Drohungen – vor allem militärischer Art: Ein dritter Weltkrieg wäre nach Worten des russischen Außenministers Sergej Lawrow zufolge ein Atomkrieg, berichtete die Nachrichtenagentur Ria. Sollte es zu so einem Krieg kommen, kämen auch Atomwaffen zum Einsatz, wurde Lawrow zitiert.

Außerdem warnte Russland vor möglichen Zusammenstößen aufgrund der Unterstützung der Nato für die Ukraine. »Natürlich entstehen Risiken«, sagte Vizeaußenminister Alexander Gruschko dem Staatssender Rossija-24. »Wir sind natürlich beunruhigt über das Waffenlieferungsprogramm, das ist in dieser Situation sehr gefährlich«, sagte Gruschko. »Es gibt keine Garantien, dass es keine Zwischenfälle geben wird. Es gibt keine Garantien, dass solche Zwischenfälle in einer völlig unnötigen Weise eskalieren könnten.« Trotz der russischen Warnungen schloss Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) einen Militäreinsatz der Nato aus.

Mehrere Nato-Mitglieder, darunter Deutschland, hatten nach dem russischen Angriff auf die Ukraine Waffenlieferungen an Kiew angekündigt. Die deutschen Waffen für die Ukraine sind heute im Kriegsgebiet angekommen. Regierungskreise in Berlin bestätigten dem SPIEGEL, dass die Lieferung – 500 »Stinger« und 1000 Panzerfäuste aus Beständen der Bundeswehr – an die ukrainische Armee übergeben wurde. Die Waffenlieferung war am Sonntag, nur einen Tag nach der überraschenden Kehrtwende der Bundesregierung am Samstag, mit einer privaten Spedition losgeschickt worden.

Energiepreise schnellen in die Höhe

Die Angst vor möglichen Gasengpässen infolge des russischen Einmarschs in der Ukraine und der westlichen Sanktionen führt zu Kapriolen am europäischen Erdgasmarkt. Am Mittwochvormittag schoss der Preis für eine Megawattstunde Erdgas zur Lieferung im April am niederländischen Referenzmarkt TTF binnen zwei Stunden von 128 auf fast 194 Dollar (knapp 175 Euro) nach oben. Dies geht aus Daten der Plattform ICE hervor.

Zuvor war bereits der Ölpreis in die Höhe geschnellt. Am Mittwoch markierten die beiden wichtigsten Erdölsorten Brent und West Texas Intermediate (WTI) erneut mehrjährige Höchststände. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent kostete fast 113 US-Dollar und damit so viel wie zuletzt im Jahr 2014. Ein Fass der US-Sorte WTI wurde mit mehr als 111 Dollar gehandelt. Das war der höchste Stand seit dem Jahr 2013.

Ausblick

Eine Woche nach Beginn des russischen Einmarschs in die Ukraine erwartet Russland an diesem Donnerstag die Fortsetzung von Verhandlungen mit der Kiewer Regierung. Der Leiter der russischen Delegation, Wladimir Medinski, sagte am Mittwochabend nach einer Meldung der Agentur Interfax, die Ukrainer befänden sich auf der Anreise. Als Ort der Gespräche hätten sich beide Seiten auf die Region Brest im Westen von Belarus geeinigt. Das russische Militär werde einen »angemessenen Sicherheitskorridor« einrichten. Erste Verhandlungen am Montag hatten keine greifbaren Ergebnisse gebracht.

Weitere aktuelle Entwicklungen können Sie im Blog zum Ukrainekrieg nachlesen.

col/dpa/Reuters/AfP
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