Fakten, Hintergründe Putins Ukraine-Invasion – das ist in den ersten Stunden passiert

Russlands Präsident hat das Undenkbare wahr gemacht, seine Armee greift das Nachbarland Ukraine an. Wie ist die Lage? Der Überblick.
Löscharbeiten nach einer Explosion in Tschuhujiw: In der Nacht hat der Angriff auf die Ukraine begonnen

Löscharbeiten nach einer Explosion in Tschuhujiw: In der Nacht hat der Angriff auf die Ukraine begonnen

Foto: Aris Messinis / AFP

Bis zuletzt schien es kaum vorstellbar, nun sind die schlimmsten Befürchtungen wahr geworden: Russland hat die Ukraine angegriffen. In der Nacht hatte Präsident Wladimir Putin den groß angelegten Militäreinsatz angekündigt. Seither überschlagen sich die Ereignisse. Ein Überblick über die Entwicklungen der vergangenen Stunden.

Die militärische Lage

Der russische Angriff auf die Ukraine hatte in der Nacht begonnen. Der Angriff gilt offenbar dem gesamten Land, Russland attackiert an mehreren Flanken. Die Streitkräfte des Kreml haben dabei eigenen Angaben zufolge die Luftabwehr der Ukraine »komplett unschädlich« gemacht.

Laut Angaben des ukrainischen Grenzschutzes drangen russische Bodentruppen aus mehreren Richtungen in die Ukraine ein, unter anderem von Belarus aus. Die russische Armee habe unter anderem von der annektierten Halbinsel Krim aus mit Panzern und weiterem schweren Gerät die Grenze passiert sowie in Tschernihiw im Norden an der Grenze zu Belarus. Truppen des mit Russland verbündeten Belarus sind laut Staatschef Alexander Lukaschenko nicht an der russischen Militäroperation gegen die benachbarte Ukraine beteiligt, wie die Nachrichtenagentur Belta meldet.

In mehreren Städten sind laut Angaben des ukrainischen Innenministeriums militärische Kommandozentralen angegriffen worden. Betroffen davon sei auch Kiew, sagt ein Beamter des Ministeriums. Die Nachrichtenagentur Reuters hatte zuvor von einer Explosion in der Hauptstadt berichtet.

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In der am Asowschen Meer gelegenen Hafenstadt Mariupol waren ebenso Explosionen zu hören wie in der Schwarzmeerstadt Odessa, in der zweitgrößten Stadt des Landes, Charkiw, sowie in Kramatorsk und an der Frontlinie zu den ostukrainischen Separatistengebieten. In Kiew wurde der internationale Flughafen angegriffen.

Die russischen Streitkräfte greifen laut Angaben des Verteidigungsministeriums in Moskau keine ukrainischen Städte an. Zivilisten seien nicht in Gefahr, meldet die Nachrichtenagentur RIA unter Berufung auf das Ministerium. Allerdings mehreren sich erste Bilder, die zerstörte Wohnblöcke zeigen. Kiew meldet zudem mehrere tote Zivilisten.

In den ersten Stunden des russischen Großangriffs wurden demnach mehr als 40 ukrainische Soldaten und etwa zehn Zivilisten getötet. Dutzende Soldaten seien zudem verletzt worden, sagte der Präsidentenberater Oleksij Arestowytsch.

Die Zivilbevölkerung

Präsident Wolodymyr Selenskyj hat seine Landsleute zur Verteidigung der Ukraine gegen die russischen Streitkräfte aufgerufen. Alle Bürger, die dazu bereit seien, sollten sich melden, sagte er. Wer dazu bereit sei, »unseren Staat mit Waffen in den Händen zu verteidigen«, solle auch welche erhalten.

Wer bereit und in der Lage sei, eine Waffe zu halten, könne sich den Streitkräften anschließen, erklärte auch Verteidigungsminister Oleksii Resnikow. Die Polizei teilte mit, es würden Waffen an die Veteranen ausgegeben.

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Ein Land im Krieg

Foto: Chris McGrath / Getty Images

Zugleich hat die Flucht aus der Hauptstadt Kiew offenbar begonnen. Luftaufnahmen zeigen lange Schlangen auf den Autobahnen. Die ukrainische Bahn kündigte zudem an, Evakuierungszüge aus der Ostukraine und aus der Region Odessa im Süden des Landes einzusetzen. Laut den prorussischen Rebellen werden die Evakuierungen der Zivilbevölkerung nach Russland ausgesetzt. Das meldet die russische Nachrichtenagentur Interfax.

Im Nachbarland Polen bereiten sich die Krankenhäuser darauf vor, mögliche Verletzte aus der Ukraine aufzunehmen. Es würden Betten bereitgestellt, teilt das Gesundheitsministerium in Warschau mit.

Auch Deutschland rechnet mit Fluchtbewegungen aus der Ukraine. Bundesinnenministerin Nancy Faeser sicherte Polen und anderen osteuropäischen Partnern Hilfe bei der Aufnahme von Geflüchteten aus der Ukraine zu. »Wir verfolgen sehr aufmerksam, ob es Fluchtbewegungen in unsere Nachbarländer geben wird«, sagte die SPD-Politikerin. »Wir werden die betroffenen Staaten – vor allem unser Nachbarland Polen – massiv unterstützen, sollte es zu großen Fluchtbewegungen kommen.« Zudem hätten die Sicherheitsbehörden »die Schutzmaßnahmen zur Abwehr etwaiger Cyberattacken hochgefahren und relevante Stellen sensibilisiert«.

Die Reaktionen

Die Regierung in Kiew hat das Kriegsrecht verhängt und die diplomatischen Beziehungen zu Russland abgebrochen.

Der Westen verurteilte den Angriff als Völkerrechtsbruch und kündigte neue Sanktionen gegen Russland an:

  • Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat noch für den heutigen Tag »harte Sanktionen« gegen Russland angekündigt. Ziel sei, der russischen Führung klarzumachen: »Für diese Aggression zahlt sie einen bitteren Preis«, sagte er nach Beratungen des deutschen Sicherheitskabinetts in Berlin. Russlands Präsident Putin habe »mit diesem Krieg einen schweren Fehler begangen«, betonte er mit Blick auf den russischen Überfall auf die Ukraine. Für diesen Sonntag hat Scholz eine Sondersitzung des Bundestages beantragt, um eine Regierungserklärung abzugeben.

  • US-Präsident Joe Biden erklärte, Putin habe sich »für einen vorsätzlichen Krieg entschieden, der zu einem katastrophalen Verlust an Leben und zu menschlichem Leid führen wird«. Die USA und ihre Verbündeten würden »geeint und entschlossen handeln«, versprach er. »Die Welt wird Russland zur Verantwortung ziehen.«

  • Die EU kündigte an, umgehend verschärfte Sanktionen gegen Russland zu verhängen. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sagte in Brüssel, sie werde den Staats- und Regierungschefs der 27 Mitgliedsländer ein weiteres Paket »massiver und gezielter Sanktionen« vorschlagen. Die EU-Spitzen kommen am Donnerstagabend zu einem Krisengipfel zusammen, der die Strafmaßnahmen nach ihren Angaben beschließen könnte.

  • Vertreter der 30 Nato-Länder kamen in Brüssel zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hatte zuvor den »rücksichtslosen und unprovozierten Angriff« Russlands scharf verurteilt. Die Militärallianz werde alles tun, um ihre Mitglieder zu schützen, betonte er.

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asc/Reuters/dpa/AFP/AP
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