Uno-Kommission zu Menschenrechten vor Ort Tausende Zivilisten in Mariupol getötet

Nach Angaben der Menschenrechtsbeauftragten der Vereinten Nationen sind in der belagerten Hafenstadt Tausende Zivilisten gestorben. Es habe schwere Menschenrechtsverletzungen gegeben, auch vonseiten der Verteidiger.
Zerstörung in Mariupol

Zerstörung in Mariupol

Foto: Peter Kovalev / ITAR-TASS / IMAGO

Während der Kämpfe um die südukrainische Hafenstadt Mariupol sind nach Überzeugung der Uno-Menschenrechtsbeauftragten in der Ukraine mehrere Tausend Zivilisten ums Leben gekommen. Matilda Bogner leitet die Kommission, die die Menschenrechtslage in der Ukraine seit 2014 untersucht. Sie sagte in Genf, ihr Team habe bislang knapp 4000 Todesfälle dokumentiert. Die wahre Zahl liege um Tausende höher.

Bislang habe die Sicherheitslage es nicht erlaubt, die Fälle einzeln zu dokumentieren – daran werde aber gearbeitet. »Mariupol ist das große schwarze Loch«, sagte Bogner. »Wir gehen davon aus, dass es dort Tausende Tote gab, Zivilisten, die wegen der Kämpfe umgekommen sind.«

Bogners Team von knapp 60 Expertinnen und Experten habe Büros im ganzen Land. Es habe seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs am 24. Februar zahlreiche Menschenrechtsverletzungen dokumentiert. Darunter könnten auch Kriegsverbrechen sein, sagte sie.

Offenbar zahlreiche Menschenrechtsverletzungen

»Menschen berichten uns, dass Verwandte, Nachbarn und Freunde getötet, verletzt und festgenommen wurden und einige verschwunden sind«, sagte Bogner. Sie berichtete von einer fünfköpfigen Familie, von denen drei Angehörige bei der Flucht im Auto von russischen Soldaten erschossen worden seien. Ein 70-jähriger Mann habe von seinem Zufluchtsort im Keller einer Schule berichtet, der so überfüllt gewesen sei, dass er im Stehen schlafen musste und sich an ein Geländer band, um nicht umzufallen.

Menschenrechte würden auch verletzt, wenn Alte und Kranke keine medizinische Versorgung hätten, so Bogner. In einem Dorf seien etwa zehn ältere Menschen im Keller einer Schule gestorben, weil sie dort teils Wochen ausharren mussten und nicht versorgt werden konnten. Es gebe anhaltende Berichte über Vergewaltigungen, überwiegend von Mädchen und Frauen, aber auch Jungen und Männern.

Täter fast ausschließlich russische Soldaten

Mindestens 204 Menschen seien gegen ihren Willen verschleppt worden, darunter 169 Männer, 34 Frauen und ein Junge, sagte Bogner. Täter seien fast ausschließlich russische Soldaten und mit ihnen verbündete Gruppen etwa in der Ostukraine gewesen. Es gebe zudem glaubhafte Berichte, dass russische Soldaten in ukrainischem Gewahrsam misshandelt und gefoltert worden seien.

Bogner kritisierte, dass sowohl ukrainische als auch russische Streitkräfte Schulen als Basis für ihre Einsätze nutzen und dort auch schwere Waffen lagern.

col/dpa