Hilferuf aus Mariupol »Die Besatzer wollen die Stadt in ein Leningrad verwandeln«

Im Süden der Ukraine steht die Hafenstadt Mariupol seit Tagen unter ständigem Beschuss, sie ist eingekreist von russischen Truppen. Der Bürgermeister zieht einen drastischen Vergleich.
Improvisierter Bombenschutzkeller in einem Sportzentrum in Mariupol

Improvisierter Bombenschutzkeller in einem Sportzentrum in Mariupol

Foto: Evgeniy Maloletka / AP

Die südukrainische Hafenstadt Mariupol ist nun offenbar vollständig von russischen Truppen umzingelt. Dies teilte Anton Heraschtschenko, Berater im ukrainischen Innenministerium, nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters mit. Zuvor hatte auch der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, russischen Agenturen zufolge ähnliche Angaben gemacht.

Heraschtschenko verglich die Situation in Mariupol mit einem extremen Szenario: »Die Besatzer wollen die Stadt in ein belagertes Leningrad verwandeln«, sagte er. Dabei bezieht er sich auf die Belagerung von Sankt Petersburg – in der Sowjetunion noch Leningrad genannt. Während der mehrjährigen Blockade der Stadt durch Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg waren rund eine Million Menschen gestorben.

Auch der Bürgermeister von Mariupol, Wadym Bojtschenko, berichtete am Morgen von dramatischen Zuständen in der Stadt. Russische Truppen »behindern die Versorgung und Rückgewinnung von Strom, Wasser und Wärme«, teilte er auf dem Telegram-Kanal des Stadtrats von Mariupol mit. Auch die Lebensmittelversorgung werde behindert, unter anderem durch die Beschädigung der Bahninfrastruktur.

»Wir tun unser Bestes, um die kritische Infrastruktur der Stadt so schnell wie möglich wiederherzustellen«, schrieb Bojtschenko weiter. Außerdem werde versucht, einen humanitären Korridor herzustellen. »Gleichzeitig bleibt Mariupol unter Beschuss«, hieß es weiter. »Frauen, Kinder und ältere Menschen leiden. Wir werden als Nation zerstört«, schrieb er. »Diese Heuchler« – so bezeichnete er die russischen Truppen – seien gekommen, »um die russischsprachigen Bürger von Mariupol und der Region zu ›retten‹«, stattdessen betreiben sie aber »die Vernichtung« von Menschen »russischer, ukrainischer, griechischer und anderer Herkunft«, heißt es in der Mitteilung.

In der multikulturellen Hafenstadt am Asowschen Meer leben knapp 500.000 Einwohner. Die Metropole steht nach ukrainischen Angaben seit Tagen unter Dauerbeschuss.

Am Mittwoch hatte Bürgermeister Bojtschenko bereits mitgeteilt, die Stadt sei über 14 Stunden ununterbrochen angegriffen worden. Neben dem Hafen wurden nach Angaben von Behördenvertretern auch zivile Ziele angegriffen, darunter eine Entbindungsstation und eine Schule. Mindestens 42 Menschen seien bis Mittwoch verletzt worden. Internationalen Medienberichten zufolge werden zahlreiche zivile Opfer vermutet.

Putins Truppen kommen von zwei Seiten

Die russische Armee rückt derzeit von zwei Seiten entlang der Küste am Asowschen Meer vor – von der annektierten Halbinsel Krim und von der russischen Grenze aus. Die Einnahme von Mariupol und der nahegelegenen Stadt Wolnowacha würde einen Zusammenschluss der russischen Truppen erleichtern.

Seit einer russischen Offensive am Dienstag herrscht in Mariupol und Wolnowacha Stromausfall. In einigen Vierteln von Mariupol war die Stromversorgung bereits seit Freitag zum Erliegen gekommen. Seit Mittwoch kommt für viele Menschen in der Stadt erschwerend die Einstellung des öffentlichen Verkehrs hinzu. Einige Viertel sind damit praktisch abgeschnitten. Am Dienstag war nach Behördenangaben auch das Zentrum von Mariupol von der russischen Armee attackiert worden. Ein Jugendlicher wurde demnach getötet.

col/Reuters/AFP/dpa