Krieg in der Ukraine Marschflugkörper in »kritisch niedriger Höhe« über Atomkraftwerk – das geschah an Tag 102

Russland greift wieder Kiew an. Ein im Krieg getöteter Deutscher stammt offenbar aus Brandenburg. Und Spanien will der Ukraine Leopard-Kampfpanzer liefern. Der Überblick.
Rauch über Teilen von Kiew: Russland hat wieder die Hauptstadt angegriffen

Rauch über Teilen von Kiew: Russland hat wieder die Hauptstadt angegriffen

Foto: Valentyn Ogirenko / REUTERS

Nach einer wochenlangen Pause gibt es wieder russische Luftangriffe auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Im Osten der Ukraine tobt derweil ein blutiger Straßenkampf – offenbar holt das ukrainische Militär zum Gegenschlag aus. Ein freiwilliger Kämpfer aus Deutschland kam laut »Bild«-Recherchen im Osten von Charkiw ums Leben. Und ab August soll in der ukrainischen Fußballliga wieder gespielt werden.

Es ist der 102. Tag des Krieges, der Überblick:

Militärische Lage

Seit dem Abzug russischer Truppen aus der Region um Kiew Ende März war die Hauptstadt nur noch selten Ziel von Raketenangriffen, zuletzt Ende April. Nun erlebte die Stadt aber erneut schweren Beschuss. In sozialen Netzwerken veröffentlichten Menschen Bilder und Videos von Bränden und Rauchwolken. Am Sonntagmorgen gab es fast zweieinhalb Stunden Luftalarm.

Laut Aussage des ukrainischen AKW-Betreibers Energoatom soll im Zuge der Angriffe ein russischer Marschflugkörper in einer »kritisch niedrigen Höhe« über das Atomkraftwerk Piwdennoukrainska (AKW Süd-Ukraine) geflogen sein.

Die Militärführung in Kiew teilte mit, es sei militärische und zivile Infrastruktur getroffen worden. Ihren Angaben zufolge wurde mindestens ein Verletzter im Krankenhaus behandelt. Tote soll es keine gegeben haben.

Der Krieg ist zurück in der Hauptstadt: Solche Bilder hatte es aus Kiew seit Wochen nicht mehr gegeben

Der Krieg ist zurück in der Hauptstadt: Solche Bilder hatte es aus Kiew seit Wochen nicht mehr gegeben

Foto: Sergei Supinsky / AFP

Das russische Militär brüstete sich später damit, am Rande Kiews von osteuropäischen Ländern gelieferte Panzer vom Typ T-72 und andere Militärtechnik zerstört zu haben. Sie seien in einem Werk für die Reparatur von Eisenbahnwaggons untergebracht gewesen, sagte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow. Kiews Bahnchef Olexander Kamyschin wies das zurück, es habe dort keine Panzer gegeben. Seinen Angaben zufolge schlugen vier Raketen ein.

Schwierig einzuschätzen ist die Lage in der seit Tagen heftig umkämpften Stadt Sjewjerodonezk im Osten der Ukraine. Nach britischen Erkenntnissen gingen ukrainische Truppen dort zuletzt zum Gegenangriff über. Damit hätten sie vermutlich die operative Dynamik geschwächt, die die russischen Streitkräfte zuvor mit einer Konzentration ihrer Einheiten und Feuerkraft gewonnen hatte n, teilte das Verteidigungsministerium in London mit.

Leben in Zeiten des Kriegs: Zerstörung in Druzhkivka, einer Stadt im Osten der Ukraine

Leben in Zeiten des Kriegs: Zerstörung in Druzhkivka, einer Stadt im Osten der Ukraine

Foto: Aris Messinis / AFP

Mehr erfuhr man am Sonntag noch über das Schicksal von Björn C., eines Deutschen, der freiwillig für die Ukrainer in den Krieg gezogen war. Am Samstag hatte die sogenannte »International Legion of Defense of Ukraine«, ein Zusammenschluss solcher Kämpfer aus dem Ausland, seinen Tod vermeldet. Wie die »Bild«-Zeitung nun berichtete , stammte C. offenbar aus Brandenburg, er wurde 39 Jahre alt.

Gestorben ist C. dem Bericht zufolge am 31. Mai im Osten von Charkiw. »Gegen 18:30 Uhr schlug eine Artilleriegranate im Haus ein, wo unser Posten war«, zitiert »Bild« einen europäischen Freiwilligen, der nach eigenen Angaben an der Seite von C. kämpfte. Der Deutsche soll in Brandenburg eine Freundin, ein Kind und einen Hund gehabt haben, heißt es von diesem Kameraden. »Innerhalb der nächsten zwei Monate« habe C. in seine Heimat zurückkehren wollen.

Humanitäre Lage

Der ukrainische Fußballverband kündigte am Sonntag an, dass die ukrainische Fußballliga, die Premjer-Liha, im August neu starten solle – trotz des russischen Angriffskriegs. »Ich habe mit Präsident Selenskyj darüber gesprochen, wie wichtig der Fußball ist, um abzulenken«, erklärte dazu Verbandspräsident Andrej Pawelko. »Von Kindern bis zu alten Menschen ist jeder auf den Krieg fokussiert. Jeden Tag bekommen sie Informationen über Todesfälle, über die Auswirkungen des Krieges.«

Das sagt Kiew

Der ukrainische Präsidentenberater Mychajlo Podoljak sprach mit Blick auf die neuerliche Attacke auf die Hauptstadt von einem »Akt des Terrorismus«. Er forderte vom Westen weitere Sanktionen gegen Russland und die Lieferung schwerer Waffen. »Die heutigen Raketenangriffe auf Kiew haben nur ein Ziel – so viele Ukrainer wie möglich zu töten«, schrieb er auf Twitter.

Das sagt Moskau

Wladimir Putin warnte am Sonntag, dass Russland mit Angriffen auf weitere Ziele in der Ukraine reagieren werde, sollte der Westen dem Land Raketen mit hoher Reichweite liefern. »Wenn sie liefern, dann werden wir daraus die entsprechenden Schlüsse ziehen und unsere Mittel der Vernichtung, von denen wir genug haben, einsetzen, um jenen Objekten Schläge zu versetzen, die wir bisher nicht angreifen«, sagte Russlands Präsident dem Staatsfernsehsender Rossija 1. Das Ziel der westlichen Waffenlieferungen sei es, den Konflikt in der Ukraine möglichst in die Länge zu ziehen, so Putin.

Wladimir Putin bei seinem Fernsehinterview: Drohungen an den Westen

Wladimir Putin bei seinem Fernsehinterview: Drohungen an den Westen

Foto: IMAGO/Mikhail Metzel / IMAGO/ITAR-TASS

So reagiert die internationale Gemeinschaft

Spanien will der Ukraine offenbar Flugabwehrraketen und Leopard-Kampfpanzer liefern. Das berichtet die Zeitung »El País« unter Berufung auf Regierungskreise. Spanien werde dem ukrainischen Militär auch Schulungen im Umgang mit den Panzern anbieten, die in Lettland stattfinden könnten, heißt es. Eine zweite Phase der Ausbildung könne in Spanien stattfinden.

Papst Franziskus hat zum Pfingstfest ein Ende der Gewalt in der Ukraine gefordert. »Während die Wut der Zerstörung und des Sterbens grassiert und die Gegensätze aufflammen und eine immer gefährlichere Eskalation für alle nähren, erneuere ich meinen Appell an die Verantwortlichen der Nationen: Bitte, stürzt die Menschheit nicht ins Unglück«, sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche.

Papst Franziskus: »Man erhöre den verzweifelten Schrei der Menschen, die leiden«

Papst Franziskus: »Man erhöre den verzweifelten Schrei der Menschen, die leiden«

Foto: IMAGO/Evandro Inetti / IMAGO/ZUMA Wire

Der Papst forderte, konkrete Verhandlungen für einen Waffenstillstand und eine nachhaltige Lösung aufzunehmen. »Man erhöre den verzweifelten Schrei der Menschen, die leiden«, sagte der Argentinier und verlangte, die Zerstörung von Städten und Dörfern zu stoppen. Auf die Kriegspartei Russland ging Franziskus nicht ein, wie schon zuvor nannte er sie auch nicht beim Namen.

Das sollten Sie lesen

  • Russlands Angriff auf die Ukraine läuft nun schon seit mehr als 100 Tagen – wie verändert das den Umgang der Menschen in Russland und auch in Deutschland mit dem Konflikt? Mikhail Zygar schreibt dazu in seiner Kolumne, es sei »sehr schwer für jeden, sich lange Zeit auf Trauer zu konzentrieren«: »Als ich vor drei Monaten nach Berlin kam, war die Stadt mit ukrainischen Flaggen bedeckt. Jetzt sind sie offensichtlich sehr viel weniger geworden.«

  • »Deutschland sah sich als das Land, das Russland am besten versteht und auch in den schwierigsten Situationen in der Lage ist, auf Russland einzuwirken«, sagt der ehemalige polnische Botschafter Janusz Reiter im Interview . »Diese Politik ist gescheitert und hat – statt eine Interdependenz zu schaffen – zu einer Abhängigkeit von Moskau geführt.«

  • Der Krieg in der Ukraine führt nicht nur zu menschlichem Leid. Die Kämpfe im Land haben auch massive Auswirkungen auf die Natur: Luft, Wasser und Böden werden vergiftet, Tiere und Pflanzen vernichtet. Experten sammeln Daten, um Russland wegen Umweltverbrechen zu verklagen, schreibt Bernhard Pötter .

mbö/Reuters/AFP/dpa