»Das ist brutaler, blutrünstiger Mord« Russen begehen in Kiewer Vorort offenbar massive Kriegsverbrechen

Nach einem Monat Belagerung haben ukrainische Truppen den Ort Butscha bei Kiew zurückerobert. Auf den Straßen finden sie viele tote Zivilisten. Alles spricht für ein russisches Kriegsverbrechen. Die Bilder sind entsetzlich.
Zerstörte Straße in Butscha: Alles spricht für ein russisches Kriegsverbrechen

Zerstörte Straße in Butscha: Alles spricht für ein russisches Kriegsverbrechen

Foto: ZOHRA BENSEMRA / REUTERS

Die Kamera filmt aus einem fahrenden Auto heraus, sie zeigt nichts als den Tod. Alle paar Meter liegen Menschen leblos am Boden, Kinder sind dabei, bei vielen Erwachsenen sind die Hände hinter dem Rücken mit Kabelbindern gefesselt. Hinter der Kamera hört man eine Stimme schwer seufzen.

Das Video wurde in Butscha aufgenommen, einem kleinen Ort nordwestlich der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Das ukrainische Verteidigungsministerium veröffentlichte die grausame Szene auf Twitter (Achtung: Der Inhalt dieses Videos  könnte für viele Menschen verstörend wirken).

Ein toter Mensch liegt auf dem Boden neben einem verbrannten Bus. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch sammelte bereits erste Beweise für ein Kriegsverbrechen in Butscha

Ein toter Mensch liegt auf dem Boden neben einem verbrannten Bus. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch sammelte bereits erste Beweise für ein Kriegsverbrechen in Butscha

Foto: ZOHRA BENSEMRA / REUTERS

Gemeinsam mit Dutzenden anderen Videos und Fotos dokumentiert es ein womögliches, massives Kriegsverbrechen russischer Soldaten an der ukrainischen Zivilbevölkerung.

SPIEGEL-Reporter Thore Schröder berichtet von vor Ort aus Butscha, dass Leichen am Sonntagmittag noch auf den Straßen lagen. Eine mit auf dem Rücken gefesselten Armen, andere offensichtlich vom Fahrrad geschossen, die Einkäufe noch neben sich. Bei den meisten Leichen waren Schusswunden am Kopf erkennbar.

Massengrab mit 280 Leichen

Gut einen Monat war Butscha unter russischer Besatzung. Laut Anatoly Fedoruk, dem Bürgermeister von Butscha, sollen die russischen Soldaten in der Zeit um die 300 Bewohnerinnen und Bewohner getötet haben. »In einigen Straßen sieht man 15 bis 20 Leichen auf dem Boden liegen«, sagte der Bürgermeister. Auch ukrainische Soldatinnen und Soldaten berichteten nun von Dutzenden Leichen, die noch am Straßenrand liegen.

Ukrainische Soldaten schauen mit entsetzten Blicken auf die Szenerie im befreiten Butscha

Ukrainische Soldaten schauen mit entsetzten Blicken auf die Szenerie im befreiten Butscha

Foto: Vadim Ghirda / AP

Die Behörden beerdigten unterdessen bereits rund 280 Zivilisten in einem Massengrab. Die Leichen konnten während der russischen Besatzungszeit nicht beigesetzt werden, verlautete nach Angaben der »Ukrajinksa Prawda« aus der Verwaltung.

Viele von ihnen seien von russischen Soldaten erschossen worden, twitterte der ukrainische Präsidentenberater Mychajlo Podoljak. »Sie waren nicht beim Militär, sie hatten keine Waffen, sie stellten keine Bedrohung dar«, schrieb er. »Wie viele derartige Fälle ereignen sich gerade in den besetzten Gebieten?«

Auch Anton Gerashenko, Berater des ukrainischen Innenministers, schrieb auf Twitter, die Zivilisten seien von russischen Truppen erschossen worden. Auf einem von ihm geteilten Bild ist zu sehen, dass eine Leiche auf dem Rücken zusammengebundene Hände hat. »Das ist kein fahrlässiger Tod, keine Selbstverteidigung. Das ist brutaler, blutrünstiger Mord«.

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Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch sammelte bereits erste Beweise für ein Kriegsverbrechen in Butscha . Die Organisation hat demnach eine Frau interviewt, die Zeugin wurde, wie russische Truppen fünf Männer zusammentrieben. Die Männer hätten sich niederknien und ihre T-Shirts über ihre Köpfe ziehen müssen. Einem von ihnen wurde dann in den Hinterkopf geschossen.

»Eindeutiger Fall einer Hinrichtung«

»Wir haben den eindeutigen Fall einer Hinrichtung im Schnellverfahren durch die Streitkräfte der Russischen Föderation am 4. März in Butscha dokumentiert«, sagte eine Sprecherin von Human Rights Watch.

Butscha – wie auch das nahegelegene Irpin und Gostomel – sind gut fünf Wochen nach dem russischen Einmarsch nach Angaben der ukrainischen Armee wieder unter voller militärischer Kontrolle. »Das gesamte Gebiet Kiew – vom Feind befreit«, schrieb die stellvertretende Verteidigungsministerin Anna Maljar am Samstagabend auf Twitter.

Die Orte waren von großer Bedeutung, die Kremltruppen hatten kurz nach Kriegsbeginn von ihnen aus versucht, nach Kiew vorzudringen. Rasch eroberten sie dabei den Militärflughafen von Gostomel. Dass die russischen Soldaten nun wieder weg sind, liegt am vom Kreml angekündigten strategischen Rückzug einerseits und am energischen Kampf der ukrainischen Soldaten andererseits.

mrc/dpa/Reuters