Krieg in der Ukraine Russische Truppen vor Kiew, Angriff auf Charkiw – das geschah in der Nacht

Neue Satellitenbilder schüren die Angst vor einem baldigen russischen Großeinmarsch in Kiew. Die Stadt Charkiw meldet weitere Attacken. Und: Greift Belarus heute mit Soldaten in den Ukrainekrieg ein? Der Überblick.
Russische Hubschrauber

Russische Hubschrauber

Foto: RUSSIAN DEFENCE MINISTRY PRESS SERVICE / HANDOUT / EPA

Die russischen Truppen in der Ukraine haben ihren Vormarsch auf die Hauptstadt Kiew und die zweitgrößte Stadt des Landes, Charkiw, in der Nacht zum Dienstag fortgesetzt. Ein gewaltiger russischer Militärkonvoi aus Panzern und anderen Fahrzeugen rollt auf Kiew zu. Auch in anderen Teilen des Landes dauerten die Gefechte an. Das Wichtigste im Überblick.

Was in den vergangenen Stunden geschah

Am Montag aufgenommene Satellitenbilder zeigen einen etwa 64 Kilometer langen russischen Militärkonvoi nordwestlich der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Der Konvoi »erstreckt sich von der Umgebung des Antonow-Flughafens (etwa 25 Kilometer vom Zentrum Kiews entfernt) im Süden bis zur Umgebung von Prybirsk« im Norden, teilte das US-Satellitenbildunternehmen Maxar mit. Mehr dazu erfahren Sie hier.

Satellitenbilder zeigen russischen Militärkonvoi nördlich von Kiew

Satellitenbilder zeigen russischen Militärkonvoi nördlich von Kiew

Foto: AP

Das US-Unternehmen veröffentlichte zudem Bilder, die neue Truppenverlegungen von Kampfhubschraubern und Fahrzeugen in Belarus zeigen – weniger als 30 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Der ukrainische Generalstab warnte derweil vor belarussischen Truppen, die in Richtung Ukraine unterwegs seien. »Einige Einheiten der kampfbereitesten Formationen der belarussischen Streitkräfte haben begonnen, sich zur Staatsgrenze der Ukraine in Richtung Wolhynien zu bewegen«, schrieb der ukrainische Generalstab auf Facebook. Diese Informationen ließen sich nicht unabhängig prüfen. Wolhynien ist eine Region im Nordosten der Ukraine.

In Kiew selbst waren laute Explosionen zu hören, wie Journalisten in der Stadt berichteten. Viele Menschen bereiteten sich auf einen erneuten russischen Angriff vor und errichteten behelfsmäßige Barrikaden auf den Straßen. Die russische Armee forderte die Bevölkerung auf, Kiew auf einer bestimmten Schnellstraße zu verlassen.

Zudem sollen mehrere Gebäude bei einem Raketenangriff in der Nähe der ukrainischen Hauptstadt zerstört worden sein. Ein Wohnheim sowie zwei fünfstöckige Wohnhäuser seien am Montagabend in den Städten Wasylkiw, Bila Zerkwa im Südwesten Kiews sowie in der Siedlung Kalyniwka in Nordwesten der Stadt zerstört worden, wie die »Ukrainska Pravda«  unter Berufung auf das Innenministerium schreibt.

Die ukrainischen Behörden berichteten am Montag zudem von einer großen Explosion in der zweitgrößten Stadt Charkiw, bei der mindestens elf Menschen ums Leben kamen. Russische Panzer und gepanzerte Fahrzeuge seien »überall« in der Stadt zu sehen, sagte Bürgermeister Igor Terechow, der von ukrainischen Medien zitiert wurde. Laut der Nachrichtenagentur Ukrinform sagte er, dass das russische Militär in Charkiw Umspannwerke sprenge. Dadurch solle es zu Problemen bei der Strom- und Wasserversorgung kommen.

In der südukrainischen Stadt Cherson soll nach Angaben des staatlichen Informationsdiensts der Ukraine ebenfalls ein Angriff begonnen haben.

Zahl der zivilen Opfer

Nach Angaben der Vereinten Nationen sind in Putins Krieg gegen die Ukraine bislang mehr als hundert Zivilisten getötet worden. Zudem seien mehr als 300 Unbeteiligte verletzt worden, teilte das Büro der Uno-Menschenrechtsbeauftragten Michelle Bachelet mit. Unter den Todesopfern seien auch mindestens sieben Kinder. Nach ukrainischen Angaben wurden bereits mehr als 350 Zivilisten infolge der Kämpfe getötet.

Das sagt Kiew

Der ukrainische Präsident hat sich am späten Montagabend erneut in einer Videobotschaft zu Wort gemeldet. Wolodymyr Selenskyj forderte dabei:

  • den Ausschuss Russlands aus dem Uno-Sicherheitsrat.

  • Zudem solle dem Land der Zugang zu allen Häfen, Kanälen und Flughäfen der Welt verwehrt werden.

  • Auch eine vollständige Sperrung des Luftraums für russische Raketen, Flugzeuge und Hubschrauber müsse in Betracht gezogen werden.

DER SPIEGEL

Über die Friedensverhandlungen, die am Montag von einer ukrainischen und einer russischen Delegation geführt wurden, sagte Selenskyj: Die Ukraine habe noch nicht das gewünschte Ergebnis erzielt. Sobald die Delegation wieder in Kiew sei, werde man analysieren und entscheiden, wie es in der zweiten Verhandlungsrunde weitergehen soll.

Laut Selenskyj hat Russland seit Beginn des Einmarsches 56 Raketenangriffe auf die Ukraine durchgeführt. 113 Marschflugkörper seien abgefeuert worden. Die Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen.

Die ukrainische US-Botschafterin Oksana Markarova warf Russland vor, am Montag eine sogenannte Vakuumbombe eingesetzt zu haben. Eine Aerosolbombe, umgangssprachlich Vakuumbombe genannt, verwendet Sauerstoff aus der Umgebungsluft, um eine Hochtemperaturexplosion zu erzeugen, die in der Regel im Anschluss an die Druckwelle eine wesentlich längere Sogwirkung erzeugt als ein herkömmlicher Sprengstoff. Russland hat bisher nicht auf den Vorwurf reagiert.

Reaktionen aus dem Ausland

  • Türkei schließt Bosporus und Dardanellen für Kriegsschiffe: Ankara habe die »Nachbarländer davor gewarnt, Kriegsschiffe durch das Schwarze Meer zu schicken«, sagte Außenminister Mevlüt Cavusoglu. Die Türkei hatte den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine in der vergangenen Woche scharf verurteilt. Mindestens vier russische Schiffe warten derzeit auf die Entscheidung der Türkei, das Mittelmeer zu durchqueren.

  • USA loben Putin als »einen der größten Einiger der Nato«: Laut der Pressesprecherin des Weißen Hauses, Jen Psaki, gibt es durch Wladimir Putins Angriff auf die Ukraine einen Schulterschluss innerhalb der Nato und anderer westlicher Verbündeter. »Was Sie hier sehen, ist ein geeintes Europa, ein geeinter Westen, eine geeinte Nato, die sich gegen die von Präsident Putin angeführte Aggression und Invasion wehren.« Die demonstrative Einheit sende die klare Botschaft an Putin, dass seine Handlungen und seine Rhetorik inakzeptabel seien.

  • Umweltministerin Steffi Lemke warnt wegen Kämpfen vor Atomunfall in der Ukraine: Die Ministerin sehe »mit großer Sorge das anhaltende Risiko eines Atomunfalls in der Ukraine aufgrund des völkerrechtswidrigen Angriffskrieges Russlands«, sagte ein Ministeriumssprecher den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Das Umweltministerium habe bisher aber keine belegbaren Hinweise, die befürchten ließen, dass Radioaktivität freigesetzt worden sei.

Internationale Konsequenzen

  • Internationaler Strafgerichtshof will zu Kriegsverbrechen in Ukraine ermitteln: Die Untersuchung werde »so schnell wie möglich« in Gang gesetzt. Die Ermittlungen beziehen sich nach Angaben Khans zunächst auf mögliche Verbrechen, die vor der Invasion Russlands begangen wurden. Angesichts der »Ausweitung des Konflikts« sollten die Ermittlungen seiner Ansicht nach aber ebenfalls erweitert werden.

  • Kanada stoppt Rohölimporte aus Russland: In den vergangenen Jahren hat Kanada Medienberichten zufolge stets Rohöl aus Russland im Wert von mehreren Hundert Millionen kanadischen Dollar importiert.

  • Disney-Konzern will in Russland vorerst keine Filme herausbringen: Der Konzern begründete diesen Schritt mit Russlands »grundloser Invasion« in die Ukraine und der »tragischen humanitären Krise«, wie ein Sprecher der Walt Disney Company am Montag mitteilte. Laut der Mitteilung ist unter anderem der im März erscheinende Pixar-Film »Turning Red« (deutscher Titel »Rot«) davon betroffen.

Wie es heute weitergeht

Auch am Dienstag laufen die diplomatischen Bemühungen um ein Ende des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine weiter:

  • Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) empfängt in Berlin den Premier von Luxemburg, Xavier Bettel (12 Uhr) und anschließend die Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde (14 Uhr). Bei den Treffen dürften es vor allem um die Lage in der Ukraine, auf den Finanzmärkten und Möglichkeiten für eine weitere internationale Isolierung Putins gehen.

  • Im polnischen Lodz kommt Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne) mit ihren Amtskollegen aus Frankreich und Polen im Format des sogenannten Weimarer Dreiecks zusammen. Der ukrainischen Außenminister Dmytro Kuleba soll per Videoschalte an den Gesprächen teilnehmen.

  • Vizekanzler Robert Habeck (Grüne) führt am Dienstag politische Gespräche in der US-Hauptstadt Washington – unter anderem mit Finanzministerin Janet Yellen, der Handelsbeauftragten Katherine Tai und Energieministerin Jennifer Granholm.

  • In der Europäischen Union und bei den Vereinten Nationen sollten in Brüssel, New York und Genf die Beratungen fortgesetzt werden.

  • Der britische Premierminister Boris Johnson will in Polen und Estland seine dortigen Amtskollegen sowie Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg treffen.

  • In der Slowakei beginnt ein zweiwöchiges Großmanöver der slowakischen und US-Streitkräfte. An der Operation »Saber Strike« (Säbelhieb) sollen 2000 Soldaten teilnehmen.

aar/cop/dpa/AFP/Reuters