Krieg in Osteuropa – Tag 89 Russland erlebt offenbar herbe Verluste – Diplomat schämt sich für die Invasion

Russlands Verluste im Ukrainekrieg sollen ein historisches Ausmaß angenommen haben. Ein russischer Uno-Diplomat tritt mit scharfer Kritik an Moskau zurück. Und: Belarus zieht offenbar Truppen zusammen. Der Überblick.
Russische Einsatzkräfte suchen das Stahlwerk in Mariupol nach Minen ab: Ukrainischen Soldaten droht ein »internationales Tribunal«

Russische Einsatzkräfte suchen das Stahlwerk in Mariupol nach Minen ab: Ukrainischen Soldaten droht ein »internationales Tribunal«

Foto: ALEXANDER ERMOCHENKO / REUTERS

Am 89. Tag des Ukrainekriegs ist erstmals nach Beginn der Invasion ein russischer Soldat wegen Kriegsverbrechen in der Ukraine verurteilt worden. Russland droht zur Vergeltung mit einem Tribunal gegen die Kämpfer vom Asow-Stahlwerk. Und: Ein russischer Uno-Diplomat hat genug vom Krieg.

Die Entwicklungen im Überblick.

Die juristische Lage

Der Ukrainekrieg findet auch vor Gericht statt. Zum ersten Mal seit Beginn der völkerrechtswidrigen Invasion Russlands in der Ukraine ist ein Soldat der Kremltruppen für seine Taten verurteilt worden. Der 21-jährige Panzersoldat Wadim S. ist von einem Gericht in Kiew zu lebenslanger Haft verurteilt worden. S. hatte im Dorf Tschupachiwka im Gebiet Sumy einen 62-jährigen, wehrlosen Zivilisten getötet. Die Tat hatte er bereits vergangene Woche zum Auftakt des Blitzprozesses gestanden.

In der Ukraine werden nach Angaben der Generalstaatsanwältin etwa 13.000 Fälle mutmaßlicher russischer Kriegsverbrechen untersucht. »Bis zum heutigen Tag haben wir mehr als 13.000 Fälle, in denen es nur um Kriegsverbrechen geht«, sagte Generalstaatsanwältin Iryna Venediktova in einem Interview mit der »Washington Post« .

Russland hatte sich vor dem Urteil gegen den Soldaten S. besorgt über dessen Schicksal gezeigt. Vergeltungsmaßnahmen sind möglich: Der Chef der Donezker Separatisten, Denis Puschilin, kündigte laut der russischen Nachrichtenagentur Interfax an, die ukrainischen Soldaten, die im Asow-Stahlwerk in Mariupol gekämpft hatten, vor Gericht bringen zu wollen. Auch ein »internationales Tribunal« sei geplant.

Die militärische Lage

Ukrainische Quellen berichteten am Sonntagabend von der Bombardierung einer Kleinstadt, von einem Toten und mehreren Verletzten. Das russische Militär meldete am Montagabend seinen Erfolg: Man habe einen Militärtransport nahe Kiew bombardiert und Militärtechnik zerstört, sagte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow. Zudem habe es zahlreiche russische Raketen- und Luftangriffe im ostukrainischen Donbassgebiet gegeben.

Derweil soll das Ausmaß der russischen Verluste bereits ein historisches Niveau erreicht haben. Nach Einschätzung britischer Geheimdienstexperten musste die russische Armee bereits jetzt schon ähnlich hohe Verluste hinnehmen wie die Rote Armee in den neun Jahren des sowjetischen Afghanistankriegs.

Die Ukraine warnt vor Russlands Verbündetem Belarus, der sich bislang nicht aktiv am Krieg beteiligt hat. Den Angaben zufolge zieht Belarus Streitkräfte an der Grenze zusammen. »Die belarussischen Streitkräfte führen verstärkt Aufklärung durch und haben zusätzliche Einheiten im Grenzbereich aufgestellt«, teilt der ukrainische Generalstab in seinem Lagebericht mit. Demnach bleibe die Gefahr von Raketen- und Luftangriffen auf die Ukraine von belarussischem Gebiet aus erhalten.

Autos fahren an zerstörten russischen Panzern vorbei, die bei einem Gefecht gegen ukrainische Soldaten in dem Dorf Dmytriwka in der Nähe von Kiew eingesetzt wurden

Autos fahren an zerstörten russischen Panzern vorbei, die bei einem Gefecht gegen ukrainische Soldaten in dem Dorf Dmytriwka in der Nähe von Kiew eingesetzt wurden

Foto: Efrem Lukatsky / dpa

Die humanitäre Lage

Durch den Ukrainekrieg sind bislang acht Millionen Menschen innerhalb des Landes vertrieben worden, mehr als sechs Millionen Menschen sind aus der Ukraine geflohen. Weltweit ist die Zahl der durch Gewalt vertriebenen Menschen durch den Krieg und andere tödliche Konflikte erstmals seit Beginn der Aufzeichnungen auf mehr als 100 Millionen angestiegen. Das teilt das Uno-Flüchtlingshilfswerk in Genf mit. »Hundert Millionen ist eine krasse Zahl – ernüchternd und alarmierend zugleich. Es ist ein Rekord, den es niemals hätte geben dürfen«, sagte der Uno-Hochkommissar für Flüchtlinge, Filippo Grandi.

Das sagt der Kreml

Russland hat einem Medienbericht zufolge seine Bereitschaft zu Verhandlungen mit der Ukraine signalisiert. Voraussetzung sei, dass Kiew eine »konstruktive Position« einnehme, zitiert die russische Nachrichtenagentur Ria den stellvertretenden Außenminister Russlands, Andrej Rudenko. Er wollte demnach nicht ausschließen, dass auch über den Austausch der Gefangenen aus dem Asow-Stahlwerk gesprochen werde. Die Ukraine hatte die Verhandlungen zur Beendigung des Kriegs zuletzt ausgesetzt.

Das sagt Kiew

Mit Blick auf drohende Hungerkrisen in der Welt fordert der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj Verhandlungen über den Zugang zu blockierten ukrainischen Seehäfen. In seiner Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos sagte Selenskyj, von dort sollten dringend benötigte Lebensmittel mit Schiffen ausgefahren werden. Selenskyj lud zudem ausländische Unternehmen ein, sich nach dem Ende des Kriegs am Wiederaufbau der zerstörten ukrainischen Städte zu beteiligen. Zur Finanzierung solle auch eingefrorener russischer Besitz verwendet werden, schlug er vor.

So reagiert die internationale Gemeinschaft

Im schweizerischen Davos versammelt sich die Wirtschaftselite; natürlich ist der Ukrainekrieg dort ein großes Thema. So fordert Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck etwa ein von der Europäischen Union gemeinsam getragenes Ölembargo gegen Russland. Am Nachmittag löste aber eine Nachricht aus Genf Aufsehen aus: Der russische Uno-Diplomat Boris Bondarew hat seinen Rücktritt eingereicht – und wettert in einem Brief gegen Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine.

»In den zwanzig Jahren meiner diplomatischen Laufbahn habe ich verschiedene Wendungen unserer Außenpolitik erlebt, aber noch nie habe ich mich so sehr für mein Land geschämt wie am 24. Februar dieses Jahres«, schreibt Bondarew in Anspielung auf das Datum des Beginns der russischen Invasion. »Es ist unerträglich, was meine Regierung jetzt tut«, sagte Bondarew der Nachrichtenagentur AP.

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  • Michail Afanasjew beschrieb, dass russische Sonderpolizisten sich weigerten, weiter in der Ukraine zu kämpfen. Nun droht ihm jahrelange Haft. Sein Fall zeigt, wie das Putin-Regime mit dem neuen Zensurgesetz Exempel statuiert.  

  • Die Separatistenrepublik Südossetien, die im Norden von Georgien liegt, will sich mit Moskau vereinigen und plant ein Referendum. Doch es spricht wenig dafür, dass Putin jetzt an einer Annexion interessiert ist.

  • Im Kampf gegen Russlands Soldaten kommt offenbar eine clevere Software zum Einsatz, die Feuerbefehle im Nu weiterleiten kann. Dafür benötigen ukrainische Kommandeure lediglich ein Smartphone. 

  • In Kiews Vororten fehlt der Strom für den Wiederaufbau. Im Stahlwerk von Mariupol beginnt die russische Armee mit der Minenräumung. Und der polnische Präsident spricht vor dem ukrainischen Parlament. Die Lage im Video.

ptz/AFP/AP/dpa/Reuters