Krieg in Osteuropa Russland fordert Verteidiger von Asot-Werk zur Kapitulation auf, Ukraine meldet Austausch von getöteten Soldaten

Um Sjewjerodonezk wird heftig gekämpft. Laut Kiew gibt es keinen Fluchtweg mehr für Zivilisten. Hunderte haben sich in einem Chemiewerk verschanzt. Dutzende britische Medienvertreter sind fortan in Russland unerwünscht. Der Überblick.
Rauch steigt über dem Chemiewerk Asot in Sjewjerodonezk auf

Rauch steigt über dem Chemiewerk Asot in Sjewjerodonezk auf

Foto: Oleksandr Ratushniak / REUTERS

Auch bald vier Monate nach dem ersten russischen Angriff im völkerrechtswidrigen Krieg werden die Kämpfe auf ukrainischem Staatsgebiet fortgesetzt. Die russischen Bemühungen konzentrieren sich dabei momentan vor allem auf Sjewjerodonezk im Osten des Landes. 70 bis 80 Prozent des Stadtgebietes befinden sich unter russischer Kontrolle. In einem Chemiewerk haben sich Verteidiger und Hunderte Zivilisten verschanzt. Russland fordert von den Soldaten die Kapitulation und bietet den Bürgern einen Fluchtkorridor – in prorussisches Gebiet. Im bereits eroberten Cherson stellt die Besatzungsverwaltung klar, »unwiderruflich« zu Russland zu gehören. Auf russischem Gebiet unerwünscht sind künftig Dutzende britische Journalisten und Medienvertreter.

Die Entwicklungen im Überblick.

Das Chemiewerk Asot

Droht der Ukraine ein zweites Mariupol? Hunderte Zivilisten haben sich – wie vor wenigen Wochen im Asow-Stahlwerk  in der Hafenstadt Mariupol – in der schwer beschossenen Stadt Sjewjerodonezk in einem Chemiewerk verschanzt.

Russland hat für die eingekesselten Zivilisten einen humanitären Korridor angekündigt, allerdings in die von prorussischen Separatisten kontrollierte Stadt Swatowe. An diesem Mittwoch solle von 8 bis 20 Uhr Ortszeit ein Fluchtweg geöffnet werden, sagte der Vertreter des russischen Verteidigungsministeriums, Michail Misinzew, in Moskau. »Es wird eine sichere Evakuierung aller friedlichen Bürger garantiert – ohne Ausnahme«, sagte Misinzew.

Einen Vorschlag der Gegenseite, die Menschen auf von Kiew kontrolliertes Gebiet fliehen zu lassen, lehnte Moskau ab. Das diene nur dazu, ukrainische Kämpfer über diesen Weg aus der Stadt herauszuschleusen, sagte Misinzew. Kiew versuche, solch ein Szenario wie zuvor beim Werk Asow-Stahl in Mariupol durchzuziehen.

In Mariupol hatten Zivilisten wochenlang mit verwundeten ukrainischen Kämpfern in einem Stahlwerk ausgeharrt, bevor viele Bürger in russisches Gebiet evakuiert worden sind. Die Verteidiger des Stahlwerks müssen sich nach der Kapitulation in Russland gegen Vorwürfe von Kriegsverbrechen verantworten. Auch die Todesstrafe steht für sie zur Debatte.

Auf dem Werksgelände in Sjewjerodonezk werden in Bombenschutzkellern etwa 540 bis 560 Zivilisten vermutet. Misinzew forderte die ukrainischen Kämpfer auf, die Waffen niederzulegen und sich zu ergeben. Dann werde ihr Leben verschont.

Nach der Zerstörung der letzten strategisch wichtigen Brücke nach Sjewjerodonezk gibt es ukrainischen Angaben zufolge für die Bewohner keinen Ausweg mehr aus der seit Wochen umkämpften Stadt. »Eine Evakuierung ist unmöglich«, erklärte der Gouverneur der Region Luhansk, Serhij Hajdaj.

Die Situation in Sjewjerodonezk habe sich extrem verschärft, erklärte Hajdaj auf dem Nachrichtendienst Telegram. »Die Russen zerstören Hochhäuser und Asot«, fügte er mit Blick auf das Chemiewerk in der Stadt hinzu.

Militärische Lage

Auch abseits von Sjewjerodonezk setzen die russischen Streitkräfte ihre Angriffe fort. Laut Angaben des britischen Verteidigungsministeriums haben die Kremltruppen wohl erstmals seit Wochen kleinere Fortschritte im Bereich um die Millionenstadt Charkiw gemacht, heißt es in dem täglichen Geheimdienst-Update zum Ukrainekrieg.

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Laut der Nachrichtenagentur RIA hat Russland außerdem ein ukrainisches Artilleriewaffendepot in der nördlichen Region Tschernihiw mit Marschflugkörpern vom Typ Kalibr beschossen. Zudem habe die Luftabwehr einen ukrainischen MiG-29-Kampfjet und einem MI-24-Hubschrauber abgeschossen, meldet die russische Nachrichtenagentur Tass unter Berufung auf das Verteidigungsministerium in Moskau.

In der russischen Region Brjansk ist nach offiziellen Angaben erneut ein Dorf unweit der Grenze zur Ukraine aus dem Nachbarland beschossen worden. In der Grenzstadt Klintsi seien mindestens sechs Bewohner verletzt worden, teilte Gouverneur Alexander Bogomas mit. Mehrere Wohngebäude seien beschädigt worden.

Das sagt Kiew

Die Ukraine hat erneut den Austausch getöteter Soldaten mit Russland bekannt gegeben. Russland habe die Leichen von 64 »heldenhaften«, gefallenen Verteidigern des Asow-Stahlwerks in Mariupol übergeben, teilte das ukrainische Ministerium für die Wiedereingliederung der von prorussischen Separatisten kontrollierten Gebiete mit. Wie viele Leichen an Russland übergeben wurden, blieb unklar.

Der Austausch fand demnach in der Region Saporischschja statt. Zum genauen Ort und Zeitpunkt machte Kiew keine Angaben. Bei zwei früheren ähnlichen Aktionen waren bereits 210 getötete ukrainische Soldaten wieder in ihre Heimat überführt worden.

Wolodymyr Selenskyj hat den Kirchen in Deutschland Schweigen gegenüber dem Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Kyrill I., vorgeworfen. »Wenn ein religiöser Führer solche Untaten und das Abschlachten von Menschen segnet, warum verurteilen ihn andere Kirchenführer dann nicht? Wie können Christen da schweigen?«, sagte Selenskyj im Interview mit der »Zeit«  .

Das sagt Moskau

Kremlsprecher Dmitri Peskow hat Reportern laut der russischen Nachrichtenagentur Ria mitgeteilt, er sei »sicher«, dass die Führer der prorussischen Separatisten im Donbass bereit seien, einen Appell Großbritanniens bezüglich des Schicksals zweier Briten anzuhören, die wegen ihres Kampfes für die Ukraine zum Tode verurteilt wurden.

Die beiden Briten im Alter von 28 und 48 Jahren hatten sich nach wochenlangen Kämpfen in der südostukrainischen Hafenstadt Mariupol prorussischen Truppen ergeben. Sie lebten laut Medienberichten schon vor dem Krieg in der Ukraine und heirateten dort auch. Gemeinsam mit einem Marokkaner wurden sie am Donnerstag als »Söldner« zum Tode verurteilt. Die britische Außenministerin Liz Truss sprach von einem »Scheinurteil ohne jegliche Legitimität«.

Dutzende britische Journalisten, Medien- und Militärvertreter dürfen fortan nicht mehr nach Russland einreisen. »Die britischen Journalisten auf der Liste sind an der vorsätzlichen Verbreitung falscher und einseitiger Informationen über Russland und die Ereignisse in der Ukraine und im Donbass beteiligt«, erklärte das Außenministerium.

29 Journalisten und Mitglieder britischer Medienorganisationen wie der BBC, des Senders Sky News und der Zeitungen »Guardian« und »Times« sind mit einem Einreiseverbot belegt.

Die Besatzungsverwaltung in Cherson im Süden der Ukraine hat die Zugehörigkeit zu Russland beansprucht. Das gab der stellvertretende Leiter der militärisch-zivilen Gebietsverwaltung von Cherson, Kyrill Stremoussow, bei einer Videoansprache auf Telegram vor dem Hintergrund einer russischen Flagge und eines Fotos von Wladimir Putin bekannt.

In der Region gebe es keine »Symbolik des Nazismus« mehr, sagte der Beamte. Sabotageakte sowie Aktivitäten von Partisanen bezeichnete er als »sinnlose Zeitverschwendung«. Die Region sei nun »unwiderruflich Russische Föderation«, sagte Stremoussow.

Cherson wurde zu Beginn des Krieges komplett von russischen Truppen erobert. Die Besatzer haben zuletzt begonnen, russische Pässe an die Einwohner zu verteilen. Die Ukraine befürchtet eine Annexion des Gebiets.

svs/dpa/Reuters/AFP
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