»Sie haben weder Moral noch Anstand« Syrische Weißhelme warnen Ukraine vor russischen Kriegstaktiken

Viele Syrer fühlen sich durch die Bombardements in der Ukraine an das eigene Leid erinnert. Nun sammeln sie Hilfsgüter – und geben Tipps, wie man die russische Armee austricksen kann.
Syrische Weißhelme suchen nach einem Luftangriff auf Ariha in den Trümmern nach Überlebenden (2019)

Syrische Weißhelme suchen nach einem Luftangriff auf Ariha in den Trümmern nach Überlebenden (2019)

Foto: Anas Alkharboutli/ dpa

Seit 2015 bombardiert die russische Luftwaffe Städte in Syrien, seit knapp zwei Wochen auch in der Ukraine. Nun haben die syrischen Weißhelme der Ukraine ihre Unterstützung angeboten. Man wolle mit allen Mitteln helfen, sagte der Weißhelm-Chef Raed al-Saleh der »Washington Post« .

Die russische Armee habe keine Prinzipien, warnt er, »sie haben weder Moral noch Anstand«. Seit sieben Jahren würden die Rebellen in Syrien der russischen Armee gegenüberstehen. Nun würden auch die Ukrainer »die bestialischste, unmoralischste und kriminellste Tötungsmaschine« dieser Zeit kennenlernen.

Im seit 2011 andauernden Syrienkrieg haben die Russen Partei für das Regime von Diktator Baschar al-Assad ergriffen. Seit September 2015 fliegen sie Luftangriffe auf von Rebellen und Islamisten besetzte Städte, immer wieder bombardiert die Luftwaffe dabei auch Krankenhäuser und Schulen. Saleh sagt, das habe System: Es gehe den Russen darum, den Willen der Zivilbevölkerung zu brechen.

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Die Weißhelme sind eine von Freiwilligen gegründete Gruppe von Zivilschützern, die in Syriens Rebellengebieten im Einsatz sind. 2016 wurde die Organisation mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Videoaufnahmen der Organisation dokumentierten immer wieder Angriffe und Bombardierungen des syrischen und russischen Militärs. Syrien und Russland werfen den Weißhelmen hingegen Nähe zu Terrorgruppen vor.

»Er macht jetzt in der Ukraine voll auf Aleppo, oder nicht?«

Konkret wollen die syrischen Weißhelme nun eine Videoserie starten, die den Ukrainerinnen und Ukrainern im Krieg helfen soll. In den Erklärvideos soll es unter anderem darum gehen, wie man Verletzte aus Gebäuden birgt, die noch unter Beschuss sind oder wie man mit nicht explodierten Raketen umgeht. Auch wollen die Weißhelme Hilfsgüter liefern und sind laut Saleh auch bereit, Hilfskräfte ins Land zu schicken.

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Auch andere syrische Rebellen und Widerstandskämpfer fühlen sich durch den Ukrainekrieg an ihre Situation erinnert. Manche haben angeboten, in der Ukraine zu kämpfen.

Unter anderem der berüchtigte nordsyrische Rebellenführer Suheil Hammoud hat auf Twitter angekündigt, sich auf den Weg machen zu wollen. Dass Russland »Fluchtkorridore« anbiete, wird im Netz von vielen Syrern als Farce bezeichnet. Die Waffen, die die Russen in Syrien getestet hätte, würden schon bald über der Ukraine niedergehen, schrieb einer. »Bild für Bild« werde nun in der Ukraine nachgezeichnet, was schon in Syrien geschehen sei, sagte ein anderer dem Sender Al-Jazeera . »Er macht jetzt in der Ukraine voll auf Aleppo, oder nicht?«, sagt er über Putin.

Auch ein früherer Rebellenvertreter, der seinerzeit über Fluchtwege aus dem belagerten Aleppo verhandelte, warnt vor den Korridoren. »Für die Russen war das nicht viel mehr als eine vorgezogene Siegeserklärung«, sagte er der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« . Mit dem russischen Angebot eines Korridors sei man mit zwei Übeln konfrontiert: »Willigt man ein, humanitäre Korridore nach einem festgelegten Zeitplan einzurichten, dann führt das zwangsläufig dazu, dass das Ende des Zeitplans den Beginn der systematischen Bombardierung markiert. Dann wird alles und jeder hinter den Linien als Feind betrachtet, und die russische Militärmaschine wird mit wahlloser Brutalität entfesselt.« Andererseits: Solche Korridore abzulehnen, heiße nicht, dass das Bombardement unterbleibe.

mrc