Tausende gestrandete ukrainische Touristen »Das ist kein Urlaub, sondern die Hölle«

Als in ihrer Heimat der Krieg ausbrach, waren Tausende Ukrainerinnen und Ukrainer gerade im Urlaub auf Trauminseln. Viele hängen dort noch immer verzweifelt fest – und versuchen, ihren eigenen Kampf zu führen.
Aus Sansibar, Tansania, berichtet Heiner Hoffmann
Marina ist im Urlaubsparadies Sansibar gestrandet, fernab der umkämpften Heimat

Marina ist im Urlaubsparadies Sansibar gestrandet, fernab der umkämpften Heimat

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Marc Ngotonie / Rangi Gallery / DER SPIEGEL

Globale Gesellschaft

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Die Kinder springen laut kreischend in den Pool, Wasser spritzt auf den perfekt glatt gestrichenen Beton. Das Türkis des Schwimmbeckens geht in das etwas dunklere Türkis des Indischen Ozeans über, auf den Liegen sind sorgfältig gefaltete Handtücher drapiert. Ein Urlaubskatalogbild, mit echtem Meeressound.

Marinas Tochter springt nicht in den Pool. Sie sitzt auf ihrem Zimmer. Ihr Sound seien nicht die Wellen, sondern die Raketen und Sirenen, so erzählt es die Mutter. Die 14-Jährige schaue mal wieder Videos des Krieges an, wie fast jeden Tag, rund um die Uhr. Panzer vor ihrer Heimatstadt Kiew, Raketen auf ein Atomkraftwerk, zerstörte Wohnblöcke.

Marina, ihre Mutter, sitzt unten auf der Terrasse des Luxushotels und hustet fürchterlich. Sie hat sich eine Erkältung geholt, wahrscheinlich von der Klimaanlage. Ein absurd kleines Problem angesichts der Zerstörung in ihrer Heimat. Aber irgendwie ist alles absurd an Marinas Situation. Sie ist gefangen im Urlaubsparadies in Nungwi, so wie Hunderte weitere Ukrainerinnen und Ukrainer auf der tansanischen Insel Sansibar.

In der Heimat tobt der Krieg, doch Marina sitzt im Fünfsterneluxus auf Sansibar fest

In der Heimat tobt der Krieg, doch Marina sitzt im Fünfsterneluxus auf Sansibar fest

Foto: Marc Ngotonie / Rangi Gallery / DER SPIEGEL

»Ich hatte meiner Tochter vor ein paar Wochen gesagt: Jetzt können wir wieder öfter Urlaub machen«, erzählt die 35-Jährige. Es sollte der erste nach Jahren des Stresses und der Überarbeitung werden. Sie hat ein schickes Hotel gebucht, eines der besten auf Sansibar. Hier haben sie noch den 14. Geburtstag gefeiert, mit Selfies vom Pool. Marina geht es finanziell gut, sie betreibt den edelsten Schönheitssalon von Kiew. Oder vielmehr: Ihr ging es gut. Sie betrieb einen der edelsten Schönheitssalons von Kiew. Drei Tage nach dem Geburtstag begann der Krieg.

Die Selfies stammen aus einer anderen Zeit. Jetzt sitzt Marina gekrümmt am Tisch, ihr Gesicht fahl und ohne Make-up, die Augen rot vom Weinen, sie starrt nur noch ins Leere. Im Restaurant hinter ihr bauen sie gerade ein üppiges Büfett auf, alles vom Feinsten. Marina hat in den vergangenen Tagen fünf Kilo abgenommen, die Wangen sind eingefallen. Sie entschuldigt sich dafür, dass sie nicht geschminkt ist. Und merkt selbst, wie absurd das alles klingt. Als gehe es um eine andere Person, die sie einmal war. Im Luxushotel sitzt plötzlich eine neue Marina: pleite, abgemagert und völlig hilflos.

Marina auf der Trauminsel: »Ich weiß, dass all das da ist, es ist ja direkt vor meinen Augen. Aber ich sehe es nicht. Ich versuche, es zu erfassen, aber ich kann es einfach nicht«

Marina auf der Trauminsel: »Ich weiß, dass all das da ist, es ist ja direkt vor meinen Augen. Aber ich sehe es nicht. Ich versuche, es zu erfassen, aber ich kann es einfach nicht«

Foto: Marc Ngotonie / Rangi Gallery / DER SPIEGEL

»Mein Leben ist vorbei«, sagt die Ukrainerin ausdruckslos. Sie hat keine Kraft mehr, auch nicht für Trauer. Dabei weiß Marina, dass es ihr von außen betrachtet gut geht: der Pool, die Sonne, die Palmen, Frieden. »Ich weiß, dass all das da ist, es ist ja direkt vor meinen Augen. Aber ich sehe es nicht. Ich versuche, es zu erfassen, aber ich kann es einfach nicht.«

Während die Kinder aus anderen Ländern laut im Pool planschen, schaut Marina auf ein Bild von Kalaschnikows, sorgfältig aufgereiht auf einem Tisch. Ihr Ex-Mann, der Vater ihrer Tochter, hat ihr das Foto geschickt. Er ist in sein Heimatdorf gefahren, denn dort wohnen nur noch die Alten. Er will sie verteidigen. Die Russen sind nur noch 20 Kilometer entfernt. Fünf Kalaschnikows gegen eine riesige Armee. An Marinas Nachbartisch falten sie weiße Servietten auf Kante.

Vor drei Tagen, am 1. März, wollte sie spätestens in Kiew zurück sein. Sie wollte den Schönheitssalon aufschließen, ihren Angestellten Urlaubsfotos zeigen, weiter an ihrem Lebenstraum arbeiten, für den sie all die Jahre gekämpft hat. Es war wahrlich kein einfacher Weg, denn Marina hat schon einmal alles verloren, im Krieg. Sie kommt aus Donezk, 2014 musste sie fliehen, vor den Kämpfern der prorussischen Truppen.

Erst nach Dubai, dann nach Kiew. »Es waren fürchterliche Jahre«, erinnert sie sich. Alles war fremd in Kiew, sie fühlte sich verloren. Dann kamen die Panikattacken. Doch sie hat weitergekämpft, der Urlaub auf Sansibar sollte eine Art Wiedergutmachung für all das Leid sein. Stattdessen sind die Panikattacken zurück, schlimmer denn je. Diesmal unter Palmen.

»Seid froh, dass ihr dort seid. Du bist im Paradies.«

Nachricht von Marinas Mutter

Auf dem Handy wählt sie die Nummer ihrer Mutter, wieder einmal. Nach nur einer Sekunde erscheint sie auf dem Bildschirm, in ihrer kleinen Kiewer Wohnung, die Stimme der älteren Dame mit kurzen dunklen Haaren schwankt zwischen unterdrückten Tränen und verzweifeltem Lachen. Eine Angestellte des Salons sei verrückt geworden, erzählt sie, durchgedreht. Man müsse sie sofort außer Landes bringen. Sie selbst halte sich mit Bügeln und Wäsche beschäftigt, immerhin sei gerade kein Luftalarm.

Neulich schrieb Marinas Mutter eine Nachricht an Tochter und Enkelin: »Seid froh, dass ihr dort seid. Wir sitzen unter der Erde, es sind null Grad, die Leute sind krank. Du bist im Paradies.« Ihr Ex-Mann, der sein Dorf verteidigen will, textete: »Mach dir keine Sorgen, habe Spaß.«

Marina weiß nicht, wo sie hin soll. Flüge in die Ukraine gibt es keine mehr, eine Reise nach Kiew ist ausgeschlossen, von dort fliehen schließlich Tausende. Sie hat sich an die für Ostafrika zuständige ukrainische Botschaft in Kenia gewandt, hofft auf einen Evakuierungsflug irgendwohin, auf eine Notunterkunft, vielleicht in Deutschland oder Spanien. Sie würde auch Putzen gehen, sagt sie. Im Fünfsternehotel läuft leise Fahrstuhlmusik. Immerhin darf sie umsonst hier wohnen, fast alle Hoteliers auf Sansibar zeigen grenzenlose Solidarität mit den gestrandeten Touristen, die plötzlich aus einem Kriegsland stammen. Russische Hotelbesitzer helfen ukrainischen Gestrandeten.

Neulich sei ein Paar am Strand vorbeigelaufen, Marina kam mit ihnen ins Gespräch – auf Russisch. »Sie haben schnell gesagt, dass sie eigentlich aus Deutschland kämen.« Sie hatten wohl Sorge davor, als Putin-Freunde zu gelten. »Ich habe Angst davor, dass es jetzt einen Hass auf Russen gibt«, sagt Marina. Es sei ein Krieg der Politik, nicht der Menschen. Auf Sansibar, wo Russen und Ukrainer zusammen Urlaub machen, sei es bislang friedlich geblieben, betont die Tourismusministerin im Gespräch mit dem SPIEGEL.

Marina hat es nicht mehr ausgehalten. Die Hilfslosigkeit, die Schuldgefühle, die Scham, dass sie hier ist, im Luxus, während zu Hause der Krieg tobt. Sie musste einen Weg finden, irgendetwas zu tun. Also hat sie sich am Mittwoch in ihr Konto eingeloggt, es zeigte wie üblich einen soliden Betrag. Über Stunden hat sie wie im Rausch ihr Geld verteilt: an ihre Angestellten, an ihre Familie, an die ukrainische Armee. Es war ihre Art des Kampfes. Jetzt sei das Konto fast leer, sagt sie, es reiche gerade noch so für ein Heimflugticket und ein paar Tage in einem neuen Land. Bereut habe sie ihre Entscheidung nicht.

Auch Julia (l.) und Silantieva sind auf Sansibar gestrandet, haben kein Geld mehr für den Heimflug. Julias 19-jähriger Sohn sagte seiner Mutter kürzlich: »Ich habe Angst, dass ich dich nie wieder umarmen kann«

Auch Julia (l.) und Silantieva sind auf Sansibar gestrandet, haben kein Geld mehr für den Heimflug. Julias 19-jähriger Sohn sagte seiner Mutter kürzlich: »Ich habe Angst, dass ich dich nie wieder umarmen kann«

Foto: Marc Ngotonie / Rangi Gallery / DER SPIEGEL
Natalia Dzemachkevysh war mit ihrer Mutter auf Sansibar im Urlaub, als der Krieg ausbrach. Ihr Vater ist plötzlich Soldat, sie verbringt den ganzen Tag am Handy und verfolgt die Nachrichten aus der Heimat

Natalia Dzemachkevysh war mit ihrer Mutter auf Sansibar im Urlaub, als der Krieg ausbrach. Ihr Vater ist plötzlich Soldat, sie verbringt den ganzen Tag am Handy und verfolgt die Nachrichten aus der Heimat

Foto: Marc Ngotonie / Rangi Gallery / DER SPIEGEL

Wie Marina hängen nach wie vor Hunderte fest, viele können sich einen Heimflug schlicht nicht leisten. Die verbliebenen Flüge werden von Tag zu Tag teurer, nicht selten weit mehr als tausend Euro. Mütter sind von ihren Kindern getrennt, die zu Hause im Luftschutzbunker ausharren.

»Das ist kein Urlaub, sondern die Hölle«, sagt Alina Cosmas gleich zu Beginn des Gesprächs, als hätte sie das Bedürfnis sich zu rechtfertigen. Es ist der erste Urlaub mit ihrem Partner Ivan Serov. Sansibar – die Trauminsel. Sie hatten schon Souvenirs für Freunde und Familie gekauft, am 25. Februar sollte es zurückgehen. Als sie am geplanten Tag der Abreise aufwachten, war der Krieg ausgebrochen. Seitdem sitzt Cosmas die meiste Zeit weinend im Restaurant des Hotels. Neulich hat die Kellnerin ihr einen Zettel geschrieben: »Ich hoffe, alles wird wieder gut.« Daneben ein Smiley. »Wir erleben die schlimmste Zeit unseres Lebens am friedlichsten Ort der Erde«, sagt Alina Cosmas.

Auf ihren Arm ist ein Peace-Zeichen tätowiert. »Ich bin Pazifistin, ich esse ja nicht einmal Fleisch«, sagt sie. »Neulich habe ich hier Insekten aus dem Pool gerettet.« Jetzt denkt Alina Cosmas darüber nach, zur Waffe zu greifen, wenn es sein muss. »Ich bin über mich selbst erschrocken«, erzählt sie.

Alina Cosmas sitzt am Pool – doch nach baden steht ihr der Sinn nicht

Alina Cosmas sitzt am Pool – doch nach baden steht ihr der Sinn nicht

Foto: Marc Ngotonie / Rangi Gallery / DER SPIEGEL

Ihr Freund nickt neben ihr, sie sitzen auf einer Art Pfahlbau über dem Meer, die leichten Wellen brechen unter ihnen am Holz. Ivan redet darüber, wie er Molotowcocktails bauen könnte oder wenn nötig an die Front gehen würde. Könnte, würde. Alina Cosmas und Ivan Serov blicken auf einen Traumstrand statt auf umkämpfte Wohngebiete.

»Das ist meine Knarre«, sagt Ivan Serov und hält seinen Laptop in die Höhe. Der IT-Experte hat in seiner Heimatstadt Lwiw ein eigenes Start-up, doch jetzt arbeitet er für sein Land, die Ukraine. Er hat gerade eine Plattform programmiert, auf der Hilfsangebote koordiniert werden können. Was er sonst noch genau macht, will er lieber nicht sagen. Nur so viel: »Wir sind Tausende, und zahlreiche russische Webseiten sind bereits offline.« Eine wachsende Cyberarmee führt in der Ukraine längst den Kampf im Netz. Aus Charkiw, Kiew, oder eben Sansibar.

»Ich hoffe, alles wird wieder gut«, diese handgeschriebene Notiz haben Alina Cosmas und Ivan Serov von einer Kellnerin bekommen

»Ich hoffe, alles wird wieder gut«, diese handgeschriebene Notiz haben Alina Cosmas und Ivan Serov von einer Kellnerin bekommen

Foto: Marc Ngotonie / Rangi Gallery / DER SPIEGEL

Auch Alina Cosmas hat einen Weg gefunden, mit den Schuldgefühlen umzugehen. Die 28-Jährige koordiniert inzwischen die Evakuierungsversuche für die gestrandeten Ukrainerinnen und Ukrainer auf Sansibar. 900 waren es laut offiziellen Angaben zunächst, 600 davon taten sich in Alinas Messenger-Gruppen zusammen.

Inzwischen sind es deutlich weniger, viele konnten die Insel bereits verlassen, haben sich selbst Flüge nach Polen oder in andere EU-Länder organisiert. »Wir suchen jetzt einen Sponsor, der einen Charterflug bezahlen kann«, sagt Cosmas. Außerdem hilft sie den ukrainischen Touristen, kostenlose Übernachtungsplätze zu finden.

Vom Hotelzimmer aus führen sie ihren eigenen Kampf: Alina Cosmas und ihr Freund Ivan Serov

Vom Hotelzimmer aus führen sie ihren eigenen Kampf: Alina Cosmas und ihr Freund Ivan Serov

Foto: Marc Ngotonie / Rangi Gallery / DER SPIEGEL

Das junge Paar darf selbst gratis im Strandhotel wohnen, obwohl ihr bezahlter Aufenthalt vor mehr als einer Woche abgelaufen ist, drei Mahlzeiten und Getränke inklusive. Wenn es mit dem Charterflieger klappen sollte, werden sie an Bord sein, wahrscheinlich Richtung Warschau.

In der Zwischenzeit organisiert Cosmas die Flucht ihrer Mutter und Großmutter aus Lwiw. Die beiden wollten zunächst bleiben, doch von Tag zu Tag wächst ihre Angst. Der Vater wird ausharren, um das Land zu verteidigen. Alina Cosmas und Ivan Serov wollen vor allem eines: Dass ihr Traumurlaub, der zum Albtraum wurde, ein Ende hat. Auch wenn sie wissen, dass die Heimat, die sie vor knapp zwei Wochen verlassen haben, wohl nie wieder dieselbe sein wird.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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