Evakuierung aus belagerten Städten Wo die Fluchtkorridore in der Ukraine funktionieren – und wo nicht

Russland und die Ukraine haben sich auf Evakuierungsrouten für Schutzsuchende geeinigt – doch fast nirgendwo klappt die Flucht. Beide Seiten werfen sich den Bruch von Feuerpausen vor. So ist die Lage vor Ort.
Fliehende Menschen aus Irpin warten unter einer zerstörten Brücke auf Anweisungen des ukrainischen Militärs (Bild vom 7. März)

Fliehende Menschen aus Irpin warten unter einer zerstörten Brücke auf Anweisungen des ukrainischen Militärs (Bild vom 7. März)

Foto: DIMITAR DILKOFF / AFP

Dreimal haben sich Delegationen der Ukraine und Russlands bisher zu Verhandlungen getroffen. Wichtigstes Ziel: Eine Waffenruhe und Fluchtkorridore für in den umkämpften Städten eingeschlossene Menschen zu vereinbaren. Theoretisch steht die Einigung auf die Fluchtrouten für fünf ukrainische Großstädte:

  • Kiew

  • Sumy

  • Charkiw

  • Mariupol

  • Tschernihiw

Praktisch ist es von den fünf Städten bisher allein in Sumy gelungen, Menschen in Sicherheit zu bringen. Gleichzeitig gibt es jedoch Meldungen von ukrainischer Seite, dass aus anderen Städten ebenfalls erfolgreich evakuiert wird.

Menschen aus Enerhodar und Mariupol sollten am Mittwoch nach Saporischschja im Südosten der Ukraine gebracht werden, sagte Vizeregierungschefin Iryna Wereschtschuk am Vormittag. Menschen aus Wolnowacha sollen demnach in Pokrowsk in Sicherheit gebracht werden, Einwohner aus Sumy nach Poltawa. So genannte Fluchtkorridore seien auch für die Stadt Isjum im Osten sowie für mehrere Kleinstädte nördlich von Kiew vorgesehen, sagte Wereschtschuk weiter.

DER SPIEGEL

Für Enerhodar im Südosten der Ukraine besteht nach Angaben des Bürgermeisters bereits eine Feuerpause. Damit könne ein sogenannter humanitärer Korridor geöffnet werden, durch den Zivilisten die Stadt verlassen könnten, sagt Dmytro Orlow. Die Busse, die in die Stadt führen, brächten Hilfsgüter für die Menschen mit. Auf dem Rückweg nähmen sie Zivilisten mit, die in die nahe gelegene Stadt Sapiroschschja gehen könnten.

Laut ukrainischen Medien würde auch aus den Kiewer Vororten Bucha, Gostomel und Irpin evakuiert, allerdings nur Frauen und Kinder.

6700 Menschen aus Sumy gerettet

Die größte Rettungsmaßnahme findet bislang im nordostukrainischen Sumy statt. Nach Angaben der ukrainischen Regierung wurden insgesamt bereits 6700 Menschen gerettet. Am Dienstag war der Fluchtkorridor dort erstmals eingerichtet worden. Dmytro Schywyzkyj, Chef der Gebietsverwaltung, schrieb am heutigen Morgen auf Telegram, Menschen hätten bis 21 Uhr Ortszeit die Stadt verlassen können.

Nach Angaben des stellvertretenden Leiters des Präsidentenbüros, Kyrylo Tymoschenko, sind am Dienstag aus Sumy im Laufe des Tages zwei Kolonnen mit insgesamt 61 Bussen in Richtung Poltawa gefahren. Unter den Passagieren waren etwa 1100 ausländische Studenten, darunter welche aus Indien und China. Für eine weitere Evakuierung ins westukrainische Lwiw nahe der polnischen Grenze stünden Züge bereit.

Auch am heutigen Mittwoch soll der Fluchtkorridor wieder geöffnet werden, eine Feuerpause sei ab 8 Uhr MEZ vereinbart. Die Menschen können dem Gebietsverwalter Schywyzkyj zufolge die Stadt mit eigenen Autos oder mit 22 Bussen verlassen. Dabei werde mit dem Roten Kreuz zusammengearbeitet.

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Russland behauptet, weitere Korridore zu öffnen

Auch das russische Verteidigungsministerium bestätigte die Feuerpause ab 8 Uhr, um die sichere Flucht für Zivilistinnen und Zivilisten aus Sumy zu gewährleisten. Gleichzeitig ließ das Ministerium verlauten, heute würden auch die anderen Korridore freigegeben. Aus Kiew etwa sollte es diesen Angaben zufolge Routen über Belarus nach Russland geben. Aus der ostukrainischen Großstadt Charkiw sei eine Fluchtroute in die russische Stadt Belgorod geplant, aus der Hafenstadt Mariupol nach Rostow am Don.

Ähnliche Versprechen gab es bereits zuvor, umgesetzt werden konnten die Korridore bisher nicht. Beide Seiten werfen sich vor, die vereinbarten Feuerpausen nicht einzuhalten. Am Dienstag waren so laut ukrainischer Seite bereits 30 Evakuierungsbusse auf dem Weg nach Mariupol, dann seien sie von russischer Seite aus beschossen worden.

Ein Hauptproblem: Russland will fast nur Fluchtrouten in sein eigenes Land und ins verbündete Belarus ermöglichen, die ukrainische Regierung lehnt dies ab. Keine Ukrainerinnen und Ukrainer hätten Interesse, ausgerechnet im Gebiet der Aggressoren Schutz zu suchen. Viele wollten lieber nach Westen in ein EU-Land fliehen.

mrc/dpa/Reuters