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Mögliche fehlgeleitete Raketen Zwei Tote bei Explosion in Polen nahe ukrainischer Grenze

Sind fehlgeleitete russische Raketen auf polnischem Gebiet eingeschlagen? Bei einer Explosion in einem Dorf nahe der ukrainischen Grenze wurden zwei Menschen getötet. Premierminister Morawiecki rief den nationalen Sicherheitsrat zusammen.
Mutmaßlicher Einschlagsort im polnischen Przewodów: Russische Raketen als mögliche Ursache

Mutmaßlicher Einschlagsort im polnischen Przewodów: Russische Raketen als mögliche Ursache

Foto: visegrad24 / Twitter

Bei einer Explosion in Polen nahe der ukrainischen Grenze sind nach Angaben der Feuerwehr am Dienstag zwei Menschen ums Leben gekommen. »Feuerwehrleute sind vor Ort, es ist unklar, was geschehen ist«, sagte der diensthabende Beamte. Demzufolge ereignete sich die Detonation auf einem landwirtschaftlichen Betrieb.

Der polnische Hörfunk-Sender ZET berichtete in diesem Zusammenhang, dass zwei verirrte Raketen in Przewodów eingeschlagen und dabei zwei Menschen ums Leben gekommen seien. Einzelheiten wurden nicht genannt. Auch die Nachrichtenagentur AP berichtete unter Berufung auf einen hochrangigen US-Geheimdienstmitarbeiter, dass fehlgeleitete russische Raketen in Polen niedergegangen seien.

Über Twitter verbreitete Fotos sollen den Einschlagort zeigen:

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Es wäre der erste derartige Vorfall in dem seit fast neun Monaten dauernden russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Polen ist Mitglied der EU und des westlichen Verteidigungsbündnisses Nato.

Ein Sprecher des US-Verteidigungsministeriums in Washington erklärte, es gebe momentan keine Informationen, um die polnischen Medienberichte zu einem angeblichen russischen Raketeneinschlag zu bestätigen. Auch das Weiße Haus teilte mit, die Berichte könnten derzeit nicht bestätigt werden.

Das russische Verteidigungsministerium dementierte, dass die Explosionen durch russische Raketen verursacht worden seien. Nahe der ukrainisch-polnischen Grenze habe es keine Angriffe mit russischen Waffen gegeben. Es handele sich um »absichtliche Provokation, die darauf zielt, die Situation zu eskalieren«. Wrackteile, die Berichten zufolge am Tatort gefunden wurden, hätten »nichts mit russischen Waffen zu tun«.

Russland hatte am Dienstag Dutzende Ziele in der Ukraine mit Raketen angegriffen. Die ukrainische Luftwaffe berichtete von 100 Geschossen.

Ein Journalist des polnischen Radiosenders ZET twitterte, seinen Quellen zufolge könnte der Vorfall auch durch Trümmer einer russischen Rakete ausgelöst worden sein, die zuvor von der ukrainischen Armee abgeschossen wurde.

Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki rief den nationalen Sicherheitsrat zu einer Krisensitzung zusammen. Das teilte ein Regierungssprecher Piotr Müller auf Twitter mit. Zu den Gründen wurden zunächst keine Angaben gemacht.

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Müller warnte davor, ungeprüfte Informationen zu verbreiten. Alle Informationen aus dem Ausschuss für Sicherheit und Verteidigung der polnischen Regierung sollten später auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, kündigte er laut PAP an.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj legte sich fest. Er erklärte, es seien russische Raketen, die Polen getroffen hätten. Die Ukraine habe seit Langem davor gewarnt, dass sich die russischen Aktionen nicht auf die Ukraine beschränken würden. Der russische Raketenangriff auf Nato-Gebiet bedeute eine gravierende Eskalation der Lage. Darauf müsse es eine Reaktion geben: »Es besteht Handlungsbedarf.«

Außenministerin Annalena Baerbock zeigte sich betroffen über die Explosion mit zwei Toten in Polen nahe der Grenze zur Ukraine gezeigt. »Meine Gedanken sind bei Polen, unserem engen Verbündeten und Nachbarn«, schrieb die Grünen-Politikerin am Dienstagabend auf Twitter. »Wir beobachten die Situation genau und stehen in Kontakt mit unseren polnischen Freunden und Nato-Verbündeten.« EU-Ratspräsident Charles Michel erklärte, die EU stehe an der Seite Polens. Er stehe zudem mit den polnischen Behörden, Mitgliedern des Rates und anderen Verbündeten in Kontakt, schrieb Michel auf Twitter.

Die Nato geht den Berichten über mögliche russische Raketeneinschläge in Polen nach. »Wir prüfen diese Berichte und stimmen uns eng mit unserem Verbündeten Polen ab«, sagte ein Nato-Verantwortlicher am Dienstag in Brüssel. Nach Angaben aus dem Bündnis könnte sich die Regierung in Warschau theoretisch auf Artikel 4 des Nordatlantik-Vertrags berufen und eine Aussprache der 30 Verbündeten verlangen. Eine solche Entscheidung sei aber noch nicht gefallen, hieß es in Brüssel.

In Artikel 4 sichern sich die Nato-Staaten »Konsultationen« in allen Fällen zu, in denen ein Mitglied »seine territoriale Integrität, politische Unabhängigkeit oder Sicherheit« gefährdet sieht. Daraus gehen aber nicht zwingend gemeinsame Schritte hervor.

Artikel 4 ist deutlich weniger weitreichend als der in Artikel 5 geregelte Bündnisfall. Dieser sieht im Falle eines »bewaffneten Angriffs« auf einen oder mehrere Mitgliedstaaten eine kollektive Antwort vor. Artikel 5 wurde in der 73-jährigen Nato-Geschichte nur ein einziges Mal von einem Mitgliedsland bemüht: von den USA nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001.

Der lettische Verteidigungsminister Artis Pabriks schlug vor, die Nato könne Luftverteidigung für Polen und »einen Teil des Territoriums der Ukraine« bereitstellen. »Eine der Möglichkeiten wäre eine Vereinbarung zwischen Nato-Mitgliedstaaten und Polen über die Bereitstellung zusätzlicher Flugabwehr, auch in einem Teil des Territoriums der Ukraine«, twitterte er. »Absichtlich oder unwissentlich verursacht – eine solche Situation ist inakzeptabel.« Der estnische Außenminister Urmas Reinsalu sagte, sein Land berate sich mit Verbündeten über eine »gemeinsame und entschlossene Reaktion«. Es handele sich um einen äußert ernsten Vorfall.

sol/dpa/AFP/AP/Reuters