Ukrainischer Präsident Selenskyj ruft nach eigenen Angaben bei Putin an – vergeblich

Der Präsident der Ukraine hat offenbar erfolglos versucht, mit dem Kremlchef zu sprechen. Außerdem wandte sich Wolodymyr Selenskyj direkt an das russische Volk: mit einem dramatischen Appell.
Wolodymyr Selenskyj und Wladimir Putin (2019): Zuletzt kein direkter Kontakt mehr

Wolodymyr Selenskyj und Wladimir Putin (2019): Zuletzt kein direkter Kontakt mehr

Foto: Mikhail Metzel / ITAR-TASS / IMAGO

Nach den Ereignissen des Mittwochabends deutet vieles auf einen baldigen Einmarsch russischer Truppen in der Ostukraine hin. Angesichts dieser Befürchtungen hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj laut eigenen Angaben vergeblich das Gespräch mit seinem russischen Kollegen Wladimir Putin gesucht.

»Ich habe heute die Initiative für ein Telefongespräch mit dem Präsidenten der Russischen Föderation ergriffen. Das Ergebnis: Schweigen«, sagte Selenskyj in einer in der Nacht zum Donnerstag veröffentlichten Ansprache an die Nation.

An der ukrainischen Grenze »sind fast 200.000 Soldaten positioniert, Tausende von Kampffahrzeugen«, sagte er mit Verweis auf die russischen Truppen. »Russland könnte in Kürze einen großen Krieg in Europa beginnen«, warnte er.

Selenskyj sprach ausnahmsweise auf Russisch statt Ukrainisch. Er appellierte an das russische Volk, einen Krieg zu verhindern. »Wollen die Russen einen Krieg?«, fragte er. »Ich würde so gern die Antwort auf diese Frage wissen. Und diese Antwort hängt von Ihnen ab, den Bürgern der Russischen Föderation«. Er sagte weiter: »Wenn die russische Regierung sich nicht mit uns an den Tisch setzen will, wird sie sich vielleicht mit Ihnen an den Tisch setzen.«

Zuvor hatte der Kreml erklärt, die Separatisten in der Ostukraine hätten Russland um »Hilfe« bei »der Zurückschlagung der Aggression« der ukrainischen Armee gebeten. Russland hatte in dieser Woche Freundschaftsverträge mit den selbst erklärten Volksrepubliken der prorussischen Separatisten in der Ostukraine geschlossen. Diese sehen auch Beistandsgarantien im Falle von Angriffen vor.

Selenskyj wies erneut Moskaus Vorwürfe zurück, dass Kiew einen Angriff auf eben jene Separatistengebiete vorbereite. »Was soll ich bombardieren? Donezk, wo ich Dutzende Male war?«, fragte Selenskyj.

DER SPIEGEL

Die reale Ukraine unterscheide sich komplett von dem Land, das in den russischen Nachrichten dargestellt würde. Die Ukrainer würden ihr Land nicht kampflos hergeben: »Wenn Ihr angreift, dann werdet Ihr unsere Gesichter sehen, nicht unsere Rücken!«

Ukraine beschließt landesweiten Ausnahmezustand

Das Parlament in Kiew hatte indessen einen landesweiten Ausnahmezustand beschlossen. Das ukrainische Militär ordnete die Mobilisierung von Reservisten an.

Seit 2014 kämpfen in den ostukrainischen Gebieten Luhansk und Donezk Regierungstruppen gegen von Moskau unterstützte Rebellen. Nach der staatlichen Anerkennung der »Volksrepubliken« durch den Kreml in dieser Woche haben diese am Mittwochabend (Ortszeit) in Russland um militärische Hilfe gebeten.

Die russische Staatsagentur Tass veröffentlichte die Briefe der Separatistenführer. Sie dankten Putin für die Anerkennung als unabhängige Staaten, nun gebe es aber eine militärische Aggression seitens der ukrainischen Streitkräfte. »Die Handlungen des Regimes in Kiew zeugen von der Weigerung, den Krieg im Donbass zu beenden«, hieß es in dem Schreiben, das auf den gestrigen Tag datiert ist.

Dies wird im Westen als Vorwand für eine Invasion eingeschätzt, ein Einmarsch russischer Truppen gilt nun als sehr wahrscheinlich. Uno-Schätzungen zufolge wurden in dem Konflikt bereits mehr als 14.000 Menschen getötet.

jok/AFP
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