Es sind Bilder voller Hoffnungslosigkeit. Lange haben es diese Menschen in Derhatschi im Nordosten der Ukraine ausgehalten, der Krieg dauert schon sechs Wochen. Jetzt aber sehen sie keine andere Chance mehr, als ihre Heimat zu verlassen.
Nina, Bewohnerin von Derhatschi:
»Es ist unerträglich, es ist schrecklich. Alles wackelt, das Glas ist aus den Fenstern geschossen worden.«
Reporter: Können Sie irgendwo hin?
Nina, Bewohnerin von Derhatschi:
»Egal wo hin. Ich habe keinen Ort, wo ich hinkann.«
Mykola, Einwohner von Derhatschi:
»Wir gehen irgendwohin, wo es keine Explosionen gibt, wo die Kinder sie nicht hören müssen. Ich möchte, dass das alles ganz schnell vorbei ist.«
Derhatschi liegt in unmittelbarer Nähe von Charkiw – und nur 30 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Die ukrainischen Behörden erwarten schon bald einen größeren Angriff auf Charkiw. Seit sich die russischen Truppen aus der Region rund um Kiew zurückgezogen haben, konzentrieren sie sich wieder stärker auf den Süden und den Osten der Ukraine.
Mykola, Einwohner von Derhatschi:
»Der Beschuss hat zugenommen in den vergangenen Tagen. Ich mache mir große Sorgen um meine Kinder.«
Nina, Bewohnerin von Derhatschi:
»Wir hören den Beschuss oft und die Einschläge sind nicht weit weg. Viele Häuser wurden getroffen, mein Balkon ist beschädigt worden. Er wurde nicht komplett zerstört, aber er wurde getroffen.«
Reporter:
»Wo haben Sie sich versteckt?«
Nina, Bewohnerin von Derhatschi:
»Nirgendwo. In meinem Bett oder im Bad. Oder ich bin im Keller geblieben.«
Zahlreiche Häuser sind bereits schwer beschädigt, auch das Innere einer Kirche und das Rathaus. Ganz in der Nähe steht eine Gedenktafel für die sowjetischen Streitkräfte, die Derhatschi im August 1943 von den Nazis befreit hatten. Jetzt sind die Russen selbst die Angreifer, gegen die die Ukraine sich verteidigt.
Am Mittwoch haben mindestens acht Busse die Stadt verlassen, das Rote Kreuz hat die Evakuierung organisiert. Die Menschen fahren zunächst Richtung Poltava, das 150 Kilometer weiter westlich liegt – in relativer Sicherheit
Iryna, Bewohnerin von Derhatschi:
»Gestern gab es keinen Strom. Ich möchte nicht gehen, ich lasse alles zurück. Aber es gibt keine andere Wahl mehr.«
Viktor, Einwohner von Derhatschi und Busfahrer:
»Die Menschen haben Angst, sie sind deprimiert. Sie haben vor allem Angst. Ich habe Menschen aus Chukhuiv evakuiert. Sie haben es schon nach Polen geschafft - und als da eine Kiste umgefallen ist, sind sie alle durchgedreht, haben Angst bekommen, auch die Kinder. Es war schlimm, einfach schlimm.«
Nach den jüngsten Berichten aus den Vororten von Kiew ist die Angst besonders groß. Dort haben russische Truppen Hunderte Zivilisten getötet. Allein deshalb sehen sich die Verantwortlichen in Derhatschi gezwungen, frühzeitig zu handeln.
Viacheslav Zadorenko, Bürgermeister von Derhatschi:
»Es gibt keine Information darüber, wo sich die Truppen des Besatzers aufbauen. Unsere Streitkräfte verteidigen die Stadt. Deshalb gibt es keinen Grund zur Panik. Aber mit Blick auf das, was in Butscha und Hostomel passiert ist, sollten wir wohl so viele Menschen wie möglich evakuieren, um ihre Leben zu retten.«