Abgehörte Telefonate So schilderten russische Soldaten den gescheiterten Angriff auf Kiew

Telefonate russischer Soldaten mit ihren Angehörigen geben Einblick in die Frühphase des Kriegs. Die »New York Times« hat nun Mitschnitte veröffentlicht, die ukrainische Sicherheitsbehörden aufzeichneten.
Russische Truppen in der Ukraine: »In Wirklichkeit ist es ein Scheißkrieg«

Russische Truppen in der Ukraine: »In Wirklichkeit ist es ein Scheißkrieg«

Foto: [M]: Lea Rossa Foto: Alexei Konovalov / ITAR-TASS / IMAGO

Wladimir Putins Truppen sollten von Norden aus nach Kiew vorstoßen. Die ukrainische Hauptstadt sollte binnen weniger Tage fallen und an der Staatsspitze eine Regierung von Gnaden des Kreml eingesetzt werden. So hatte sich die Führung in Moskau Berichten zufolge  den Verlauf ihres Angriffskriegs gegen das Nachbarland ausgemalt.

Doch das Vorhaben scheiterte – wegen mangelhafter Vorbereitung, taktischer Fehler und wegen des erbitterten Widerstands der ukrainischen Verteidiger. Zu Beginn des Frühjahrs musste die russische Armee aus der Region Kiew abziehen.

Für russische Soldaten hatte sich dieses Scheitern schon in den Wochen zuvor abgezeichnet. Bereits im März blieb ihr Feldzug in den Vorstädten stecken. Die Truppen machten ihrem Unmut in Telefonaten Luft. Aus Butscha und dem Umland des Kiewer Vororts riefen sie ihre Frauen, Freundinnen, Eltern und Freunde an. Die Gespräche wurden von ukrainischen Sicherheitsbehörden abgefangen.

Der »New York Times«  wurden Aufzeichnungen Tausender Telefonate aus dem Monat März zugespielt. Die Zeitung hat nun einen Teil der Mitschnitte veröffentlicht. Sie geben Einblick in die Frühphase des Kriegs. Die russischen Truppen – Mitglieder von Luftlandeeinheiten und der Nationalgarde – berichten darin über den Angriff auf Kiew, sein Scheitern, die schweren Verluste in ihren Reihen und Gewalt gegen Zivilisten. Sie üben nicht zuletzt auch Kritik an der eigenen Führung.

»In Wirklichkeit ist es ein Scheißkrieg.«

Sergej, ein russischer Soldat, zu seiner Freundin

Schon zwei Wochen nach Beginn der Invasion scheint den russischen Einheiten klar zu werden, dass sie Kiew nicht einnehmen können. In Gesprächen scheinen sie verwundert über den Widerstand und die Schlagkraft der Ukrainer. Ihnen gelinge es nur, Dörfer einzunehmen, berichten sie, mehr aber nicht.

Den Truppen wird auch klar, dass es sich nicht um eine schnelle »Spezialoperation« handeln werde. Stattdessen befinden sie sich in einem erbitterten Krieg.

Die Soldaten berichten, nicht darauf vorbereitet gewesen zu sein. Niemand habe ihnen gesagt, dass sie in den Krieg ziehen würden, sagt ein Soldat namens Sergej seiner Mutter. Sie hätten erst am Tag zuvor Bescheid bekommen. Laut Nikita, einem anderen Kämpfer, hatten ihre Vorgesetzten sie in dem Glauben gelassen, dass sie nur eine zwei- oder dreitägige Übung durchlaufen sollten.

»Putin ist ein Narr.«

Ein russischer Soldat namens Alexander

Ukrainische Streitkräfte lauern den russischen Angreifern auf, locken sie in Hinterhalte und schneiden den wichtigsten Zugang zur Hauptstadt ab. Die russischen Soldaten berichten ihren Verwandten daraufhin, dass ihre militärische Strategie fehlgeschlagen ist. Sie zeigen sich erstaunt über die »professionellen« ukrainischen Verteidiger. Häufig verwenden sie den Begriff »Chochol«, ein gegen Ukrainer gerichtetes Schimpfwort.

Der Frust der russischen Truppen schlägt sich schließlich auch in Kritik an der eigenen Führung nieder. Diese reicht bis zur Staatsspitze. »Putin ist ein Idiot«, sagt ein russischer Soldat namens Alexander. »Er will Kiew einnehmen, aber das schaffen wir niemals.«

Den Angreifern wird bald klar, dass ihre Offensivkraft verpufft ist. Es kommt zu schweren Fehlern. Ein Kämpfer berichtet von Beschuss durch die eigenen Kameraden. Andere beklagen, dass es ihnen an Ausrüstung fehlt: an Waffen, Nachtsichtgeräten und Schutzwesten.

»60 Prozent unseres Regiments ist schon weg.«

Nikita, Soldat des 656. Regiments der Nationalgarde

Entsprechend heftig sind die Verluste in den russischen Reihen. 60 Prozent seines Regiments seien »schon weg«, erzählt ein Nationalgardist namens Nikita seiner Freundin. Er schildert einen Hinterhalt, bei dem 90 Männer in seiner Nähe getötet worden seien.

Ein anderer Kämpfer beschreibt ganze Reihen von Särgen: 400 getötete Fallschirmjäger, die ausgeflogen werden sollen.

In einem Gespräch mit Kameraden spricht Semjon über Verluste. Ein Drittel seiner Einheit, des 331. Luftlanderegiments, sei getötet worden.

»Natürlich haben wir sie erschossen«

Sergej, russischer Soldat

Die russischen Soldaten sprechen nicht zuletzt über Gewalt gegen Zivilisten. Bei einigen der Schilderungen könnte es sich um Geständnisse mutmaßlicher Kriegsverbrechen handeln.

So berichtet ein Soldat namens Sergej in einem Telefonat mit seiner Freundin, dass sein Hauptmann die Erschießung von drei Männern befohlen habe, die »an unserem Lagerhaus vorbeigelaufen sind«. Er selbst sei damit zum »Mörder« geworden.

»Wir nahmen sie fest, zogen sie aus und durchsuchten ihre gesamte Kleidung. Dann mussten wir entscheiden, ob wir sie mitnehmen sollten. Hätten wir sie mitgenommen, hätten sie unsere Position verraten können«, berichtet Sergej. »Habt ihr sie erschossen?«, fragt seine Freundin. »Natürlich haben wir sie erschossen«, antwortet der Soldat. Auf die Frage, weshalb sie die Männer nicht gefangen genommen hätten, antwortet Sergej: »Wir hätten sie ernähren müssen, hatten aber selbst nicht genug zu essen.«

Ein Kämpfer namens Alexander berichtet von Toten auf den Straßen: »Die Leichen lagen auf der Straße, niemand hatte sie aufgesammelt.« Sie seien »nicht unsere«, sondern Zivilisten.

asa
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