+++ Krieg in Osteuropa +++ EU wirft Moskau Herbeiführen von Hungerkatastrophe vor

Der EU-Außenbeauftrage Borrell greift Russland für seine Getreideblockade scharf an. Kanzler Scholz zeigt sich nach seinem Ukraine-Besuch emotional. Und: Raketen zerstören offenbar Öltanks bei Dnipro. Das waren die News am 18. Juni.
Russische Soldaten an einem Feld in der Region Saporischschja: »Getreideexporte als Waffe«

Russische Soldaten an einem Feld in der Region Saporischschja: »Getreideexporte als Waffe«

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Uncredited / dpa

+++ Das Wichtigste in Kürze +++
  • Die EU beschuldigt Russland, bewusst das Risiko einer Hungerkatastrophe in großen Teilen der Welt herbeizuführen.

  • Zum ersten Mal seit Beginn des russischen Angriffskriegs hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die Frontlinie in der Südukraine besucht.

  • Russlands Präsident Wladimir Putin hat mit dem Angriff auf die Ukraine nach Überzeugung von Bundeskanzler Olaf Scholz »furchtbare Schuld« auf sich geladen.

  • Russland schickt nach ukrainischen Angaben eine große Zahl von Verbänden aus anderen Kampfgebieten in die Region von Sjewjerodonezk.

  • Die Union drängt auf schnellere Waffenlieferungen an die Ukraine. In einem Antrag der CDU/CSU-Bundestagsfraktion heißt es, die deutschen Waffenlieferungen sollten »in Quantität und Qualität unverzüglich und spürbar« intensiviert werden.

Union will offenbar Antrag zur Lieferung schwerer Waffen einbringen

22.08 Uhr: Die Union setzt Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) wegen dessen Zögerns bei der Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine unter Druck. Anlässlich der für Mittwoch geplanten Regierungserklärung von Scholz im Bundestag wollen CDU und CSU einen Antrag einbringen, der laut Medienberichten konkret die umgehende Lieferung von Marder-Schützenpanzern sowie von Berge- und Pionierpanzern fordert. »Sonst gibt es bald keine Ukraine mehr«, warnte Fraktionsvize Johann Wadephul.

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Russische Raketen zerstören laut Ukraine Öltanks bei Dnipro

21.13 Uhr: Russische Truppen haben nach ukrainischen Angaben am Samstag mit einem Raketenangriff Öltanks nahe der zentralukrainischen Stadt Dnipro zerstört. Die regionale Verwaltung berichtete von drei Raketen, die das Depot im Kreis Nowomoskowsk trafen. »Es gibt ein starkes Feuer«, schrieb der Gouverneur des Gebiets Dnjepropetrowsk, Walentyn Resnitschenko, auf Telegram. Drei Menschen seien mit Verbrennungen in Krankenhäuser gekommen.

In der Nähe der Stadt Isjum in der Ostukraine trafen russische Raketen eine Fabrik, die Gas verarbeitet. Auch dort gab es einen großen Brand, wie der Gouverneur des Gebietes Charkiw, Oleh Synjehubow, mitteilte. Außer der Fabrik seien auch Wohnhäuser getroffen worden. Angaben zu Opfern wurden in diesem Fall nicht gemacht.

EU wirft Russland Herbeiführen von möglichen Hungerkatastrophen vor

21.09 Uhr: Die EU beschuldigt Russland, bewusst das Risiko einer Hungerkatastrophe in großen Teilen der Welt herbeizuführen. Es sei Moskaus »bewusste politische Entscheidung, Getreideexporte als Waffe und Erpressungsinstrument gegen jeden einzusetzen, der sich gegen seine Aggression in der Ukraine stellt«, erklärte der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell am Samstag in einem Blogeintrag.

»Russland hat das Schwarze Meer in ein Kriegsgebiet verwandelt, blockiert dabei die Verschiffung von Getreide und Düngemitteln aus der Ukraine und beeinträchtigt auch die russische Handelsschifffahrt«, erklärte Borrell weiter. »Russland erhebt außerdem Quoten und Steuern auf seine Getreideexporte.«

Selenskyj besucht erstmals Frontlinie in der Südukraine

18.56 Uhr: Zum ersten Mal seit Beginn des russischen Angriffskriegs hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die Frontlinie in der Südukraine besucht. Auf einem offiziellen Video ist zu sehen, wie Selenskyj am Samstag ein schwer beschädigtes Gebäude der Regionaladministration in Mykolajiw inspiziert.

Nach Angaben des Präsidialbüros besuchte Selenskyj weitere ukrainische Stellungen in der Region sowie in der benachbarten Region Odessa. »Ich möchte Ihnen im Namen des ukrainischen Volkes, im Namen unseres Staates, für Ihre großartige Arbeit, für Ihren heroischen Dienst danken«, sagte er zu Soldaten.

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Scholz sieht bei Putin »furchtbare Schuld«

18.39 Uhr: Russlands Präsident Wladimir Putin hat mit dem Angriff auf die Ukraine nach Überzeugung von Bundeskanzler Olaf Scholz »furchtbare Schuld« auf sich geladen. Über seine Reise in das angegriffene Land sagte Scholz in einem am Samstag veröffentlichten Interview mit der Nachrichtenagentur dpa, es sei »etwas anderes, wenn man die Zerstörungen mit eigenen Augen sieht und selbst spürt, dass an einem Ort konkret Menschen gestorben sind, dass in den Autos, die dort zerstört herumstehen, Familien saßen, die fliehen wollten und brutal erschossen wurden«.

Der SPD-Politiker hatte am Donnerstag mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron, dem italienischen Ministerpräsidenten Mario Draghi und dem rumänischen Staatschef Klaus Iohannis die Ukraine besucht. Dabei machte er unter anderem in Irpin Halt, wo nach dem Abzug russischer Truppen Ende März knapp 300 teils hingerichtete Zivilisten gefunden worden waren.

Russland schickt laut Ukraine zahlreiche Kampfverbände nach Sjewjerodonezk

18.28 Uhr: Russland schickt nach ukrainischen Angaben eine große Zahl von Verbänden aus anderen Kampfgebieten in die Region von Sjewjerodonezk, um die volle Kontrolle über die Frontstadt zu erlangen. »Heute, morgen oder übermorgen werden sie alle Reserven hineinwerfen, die sie haben«, sagte der Gouverneur von Luhansk, Serhiy Gaidai, im nationalen Fernsehen. »Weil es bereits so viele von ihnen gibt, haben sie eine kritische Masse.« Gaidais Worten nach kontrollieren russische Truppen bereits den größten Teil der Stadt, aber noch nicht alles.

Ukraine gibt Gefangenenaustausch bekannt

17.25 Uhr: In einem Gefangenenaustausch mit Russland sind nach Angaben der Ukraine fünf Zivilisten in ihre Heimat zurückgekehrt. Außerdem wurde der Leichnam eines weiteren Zivilisten übergeben. Auch fünf russische Kriegsgefangene kehrten den Angaben nach in ihre Heimat zurück. Ob es sich bei ihnen um Soldaten handelte, ist nicht bekannt.

Separatisten: Ukraine beschießt Donezk

15.39 Uhr: Nach Angaben des prorussischen Bürgermeisters von Donezk, Alexej Kulemzin, wurde die Stadt am Morgen von ukrainischen Regierungstruppen beschossen. Dabei seien Zivilisten getötet oder verletzt worden. Ein Gebäude der Nationalen Universität Donezk, eine Schule, Geschäfte, Wohnhäuser und Verwaltungsgebäude seien beschädigt worden, schrieb Kulemzin auf Telegram.

Die Angaben konnten nicht unabhängig überprüft werden.

Bundesnetzagentur zu Gasdrosselung: »Das soll uns verunsichern und die Preise treiben«

14.21 Uhr: Die deutschen Gasvorräte sind nach den jüngsten Lieferbeschränkungen Russlands binnen eines Tages minimal gestiegen. Der Füllstand der Gasspeicher betrug am Samstag 56,67 Prozent nach 56,29 Prozent am Freitag, wie die Bundesnetzagentur mitteilt.

Russland hat die Lieferungen durch die Pipeline Nord Stream 1 zurückgefahren und zur Begründung notwendige Reparaturen genannt. Die Bundesregierung bezweifelt diese Darstellung und spricht von politischen Motiven.

Auch der Chef der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, sieht in der Drosselung der Gaslieferungen eine klare Strategie Russlands: »Russland liefert nun seit Tagen deutlich weniger Gas nach Deutschland und nach Europa. Das soll uns verunsichern und die Preise treiben.«

Ukrainer trauern um getöteten Aktivisten vom Maidan

13.48 Uhr: Hunderte Ukrainer haben in Kiew Abschied von einem im Krieg getöteten Aktivisten genommen. Die Beerdigung des 24 Jahre alten Roman Ratuschny fand am Samstag im Sankt-Michaels-Kloster in der Hauptstadt Kiew statt. Ratuschny hatte eine wichtige Rolle in der pro-europäischen Revolution von 2013/14 gespielt. Er wurde am 9. Juni nahe der Stadt Isjum in der ostukrainischen Region Charkiw bei Kämpfen mit russischen Truppen getötet.

Ein Soldat hält ein Bild des Aktivisten und Soldaten Roman Ratuschny während einer Gedenkfeier hoch

Ein Soldat hält ein Bild des Aktivisten und Soldaten Roman Ratuschny während einer Gedenkfeier hoch

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Natacha Pisarenko / dpa

Vier Soldaten trugen Ratuschnys Sarg durch die Menge von Trauernden. Der Sarg wurde dann am Eingang des Klosters platziert. Einige der Trauernden hielten Blumen, andere hatten ukrainische Flaggen auf dem Rücken. Eine weitere Versammlung zur Ehrung Ratuschnys ist für später auf dem Maidan-Platz geplant. Dieser Platz war das örtliche Zentrum der Revolution, die zum Sturz des pro-russischen Staatschefs Viktor Janukowitsch im Jahr 2014 führte.

Ratuschny – damals Schüler – war einer der ersten Demonstranten auf dem Maidan im Winter 2013/2014 gewesen. Später engagierte er sich im Kampf gegen die Korruption. Nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine am vergangenen 24. Februar trat er in die Armee ein.

Selenskyj besucht Frontregion

13.09 Uhr: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj ist nach offiziellen Angaben in eine weitere Frontregion gereist: Mykolajiw im Süden des Landes. Auf einem am Samstag erschienenen Video in seinem Telegram-Kanal ist zu sehen, wie der Präsident Ruinen in der Stadt in Augenschein nimmt und nach einer Lagebesprechung Orden verteilt.

Mykolajiw: Hier steht ein Denkmal für die gefallenen Soldaten des Donbass-Krieges von 2014 in der Nähe eines zerstörten Gebäudes

Mykolajiw: Hier steht ein Denkmal für die gefallenen Soldaten des Donbass-Krieges von 2014 in der Nähe eines zerstörten Gebäudes

Foto: Vincenzo Circosta / dpa

Der Präsident habe an einem Treffen zu wichtigen Themen in der Region teilgenommen. »Wir haben den Zustand der Wirtschaft, die Wiederherstellung der Wasserversorgung und die Situation in der Landwirtschaft besprochen. Besonderes Augenmerk wurde auf Bedrohungen von Land und Meer gelegt«, heißt es in der Beschreibung des Videos.

Derzeit laufen die Kämpfe entlang der Gebietsgrenzen zwischen Cherson und Mykolajiw. Es ist nicht der erste Frontbesuch Selenskyjs. Der ukrainische Präsident hatte in der Vergangenheit bereits den Osten des Landes besucht. Dabei war er in Charkiw, Saporischschja und im Donbass-Gebiet aufgetaucht.

Italien muss mit deutlich weniger Gas auskommen

13.06 Uhr: Nach der Drosselung der jüngsten Tage bekommt Italien weiterhin nur wenig Erdgas aus Russland. Das gab Eni, der wichtigste Gasimporteur des Landes, am Samstag bekannt. Der russische Energiekonzern Gazprom habe mitgeteilt, Gas »im Umfang der vergangenen Tage« bereitzustellen.

Am Freitag hatte Russland nur 50 Prozent der bestellten 63 Millionen Kubikmeter Gas zugesagt. Nach Angaben des Gasnetzbetreibers Snam flossen dann knapp 35 Millionen Kubikmeter Gas. Angesichts der Entwicklung plant die italienische Regierung eine Krisensitzung in der kommenden Woche.

Ministerpräsident Mario Draghi hatte die Begründung Gazproms, der Grund der Drosselungen für mehrere europäische Länder seien Reparaturarbeiten, nach seinem Besuch in Kiew klar zurückgewiesen. »Wir halten das für Lügen«, sagte er. »In Wirklichkeit wird das Gas hier politisch benutzt.«

Union drängt auf schnelle Waffenlieferungen an die Ukraine

12.44 Uhr: Kurz nach dem Besuch von Kanzler Olaf Scholz in Kiew will die Union den Druck zur Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine erhöhen. In einem Antrag der CDU/CSU-Bundestagsfraktion heißt es, die deutschen Waffenlieferungen an die Ukraine sollten »in Quantität und Qualität unverzüglich und spürbar« intensiviert werden.

Der Antrag sei final in der Fraktion abgestimmt, sagte ein Sprecher. Darüber soll in der kommenden Woche im Bundestag beraten werden. Die Bundesregierung hat der Ukraine sieben Panzerhaubitzen, drei Mehrfachraketenwerfer, etwa 50 Flugabwehrpanzer vom Typ Gepard und ein Raketenabwehrsystem vom Typ Iris-T zugesagt. Immer wieder aber gibt es Kritik daran, dass die Waffen zu spät geliefert werden.

Der Bundestag hatte Ende April mit den Stimmen der Ampel-Parteien und der Union die Lieferung schwerer Waffen beschlossen. Die Bundesregierung komme diesem Auftrag aber nicht nach, heißt es im Unions-Antrag. Alle von der Bundesregierung eingeleiteten und angekündigten Lieferungen schwerer Waffen seien über das Ankündigungsstadium und vorbereitende Maßnahmen nicht hinausgekommen.

Umkämpfte Stadt Sjewjerodonezk: Fluchtkorridore könnten heikel sein

11.53 Uhr: Die Schlacht um die strategisch wichtige Stadt Sjewjerodonezk in der Ostukraine wird ukrainischen Angaben zufolge zunehmend in den umliegenden Dörfern ausgetragen. »Die heftigsten Gefechte finden derzeit in der Nähe von Sjewjerodonezk statt«, berichtete der Regionalgouverneur von Luhansk, Serhij Hajdaj, am Samstag im Messengerdienst Telegram. Russische Truppen und ihre separatistischen Verbündeten seien aber bislang mit ihren Versuchen gescheitert, die Dörfer einzunehmen.

Zivilisten in der schwer umkämpften ukrainischen Stadt stecken nach Einschätzung britischer Geheimdienstexperten in einem Dilemma. Einerseits gebe es angesichts zerstörter Brücken außer den von Russland und seinen Verbündeten einseitig ausgegebenen humanitären Korridoren kaum Wege, um aus der Stadt zu kommen. Andererseits habe Moskau schon in früheren Fällen in der Ukraine (und auch in Syrien) solche Korridore als Mittel missbraucht, um sich Vorteile im Kampf zu verschaffen und Menschen zwangsweise umzusiedeln.

Menschen in der umkämpften Stadt Sjewjerodonezk

Menschen in der umkämpften Stadt Sjewjerodonezk

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IMAGO/Alexander Reka / IMAGO/ITAR-TASS

Russlands vorgeschlagene Route würde die Menschen in Richtung des Orts Swatowe führen, weiter in das von Russland besetzte Gebiet, hieß es in einer Mitteilung des britischen Verteidigungsministeriums. Sie warnten jedoch: »Wenn eingeschlossene Zivilisten das Angebot ablehnen, durch einen Korridor hinauszugehen, wird Russland das wahrscheinlich als Rechtfertigung nehmen, um weniger Unterschied zwischen ihnen und irgendwelchen militärischen ukrainischen Zielen zu machen.«

Zerstörtes Gebäude in Sjewjerodonezk, Aufnahme vom 15. Juni 2022

Zerstörtes Gebäude in Sjewjerodonezk, Aufnahme vom 15. Juni 2022

Foto: IMAGO/Alexander Reka / IMAGO/ITAR-TASS

Seit Beginn des russischen Angriffskriegs vor fast vier Monaten veröffentlicht die britische Regierung regelmäßig Geheimdienstinformationen zum Verlauf.

Boris Johnson warnt vor »Ukraine-Müdigkeit«

11.30 Uhr: Großbritannien darf bei der Unterstützung der Ukraine aus Sicht von Premierminister Boris Johnson nicht nachlassen. Er warnt vor einer »Ukraine-Müdigkeit« während des sich hinziehenden Krieges. »Die Russen schreiten Stück für Stück voran, und es ist wichtig für uns zu zeigen, was wir für wahr halten, nämlich dass die Ukraine gewinnen kann und gewinnen wird«, sagt Johnson nach seiner Rückkehr aus Kiew vor der Presse.

Der Politiker reagiert damit auf Kritik aus den Reihen seiner Konservativen Partei, dass er in die Ukraine gereist ist, anstatt an einer Konferenz in Nordengland teilzunehmen. Johnson machte sich außerdem dafür stark, dass der nächste Eurovision Song Contest (ESC) in der Ukraine ausgetragen wird. »Tatsache ist, dass sie ihn gewonnen haben, und sie verdienen es, ihn zu haben.«

»Kiew oder eine andere sichere ukrainische Stadt wäre ein fantastischer Austragungsort«, so Johnson. »Es ist noch ein Jahr bis dahin, ein Jahr! Das wird okay sein.« Mitte Mai hatte die ukrainische Gruppe Kalush Orchestra mit dem Lied »Stefania« in Turin den 66. ESC gewonnen. Doch wegen Sicherheitsbedenkenhatte die Europäische Rundfunkunion (EBU) am Freitag verkündet, Gespräche mit der BBC in Großbritannien über die Austragung zu beginnen. Der Brite Sam Ryder hatte in Turin den zweiten Platz belegt.

Russland will Automarken Wolga und Pobeda wiederbeleben.

11.00 Uhr: Angesichts des weitgehenden Stillstands der russischen Automobilindustrie hat die politische Führung in Moskau verkündet, die Produktion mindestens eine der sowjetischen Automarken »Wolga« und »Pobeda« wieder aufnehmen zu wollen. Russlands Industrieminister Denis Manturow sagte dem Sender RBC zugleich, dass bereits entschieden sei, nach dem Rückzug des französischen Autobauers Renault in dessen Moskauer Werk die Produktion des »Moskwitsch« wieder aufzunehmen.

Wrack eines russischen »Wolga« auf einer Wiese in Deutschland (Archiv 2014)

Wrack eines russischen »Wolga« auf einer Wiese in Deutschland (Archiv 2014)

Foto: Frank Bienewald / LightRocket / Getty Images

Der »Moskwitsch« wurde in Russland von 1947 (ursprünglich als Kopie des Opel Kadett) bis 1998 gebaut. 2006 wurde das Moskwitsch-Werk für bankrott erklärt und später von Renault übernommen. Der russische Automarkt erlebt insgesamt eine schwere Krise. Der Verkauf von Neuwagen im Mai ist gegenüber dem Vorjahr um mehr als 80 Prozent zurückgegangen. Die meisten Autobauer haben ihre Produktion wegen des sanktionsbedingten Teilemangels eingestellt.

Scholz verspricht der Ukraine weitere Hilfen

10.15 Uhr: Bundeskanzler Olaf Scholz hat der Ukraine weitere Unterstützung im Kampf gegen Russland zugesichert. »Wir werden weiter finanzielle Mittel zur Verfügung stellen. Wir werden beim Wiederaufbau helfen. Wir werden weiter Waffen liefern, die dringend notwendig sind für die Verteidigung der Unabhängigkeit der Ukraine«, sagte der SPD-Politiker in einer am Samstag erstmals veröffentlichten Videobotschaft.

Scholz betonte, Russland habe die Ukraine überfallen. Viele Menschen seien schon gestorben, viele Häuser, viele Städte und Dörfer seien zerstört. »Ich habe mich jetzt in Polen zusammen mit dem italienischen Ministerpräsidenten (Mario) Draghi und dem französischen Präsidenten (Emmanuel) Macron in einen Zug gesetzt und bin nach Kiew gefahren. Wir haben uns in der Nähe von Kiew die Zerstörung in Irpin angeschaut. Furchtbar.« Scholz war am Donnerstag in Kiew gewesen.

Bundeskanzler Olaf Scholz (rechts) und Emmanuel Macron, Präsident von Frankreich, verabschieden sich am Bahnhof der polnischen Grenzstadt Przemysl nach ihrer Ankunft aus Kiew

Bundeskanzler Olaf Scholz (rechts) und Emmanuel Macron, Präsident von Frankreich, verabschieden sich am Bahnhof der polnischen Grenzstadt Przemysl nach ihrer Ankunft aus Kiew

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Kay Nietfeld / dpa

Der Kanzler sagte, es gehe nun darum, die Solidarität auch mit einer Perspektive zu verbinden. »Denn viele kämpfen in der Ukraine für Freiheit und Demokratie, sie wollen wissen, dass das nach Europa führt.« Ein EU-Beitrittskandidatenstatus sei notwendig für die Ukraine. »Darüber werden wir nun in Brüssel sprechen. Am Donnerstag schon. Und versuchen, 27 Mal ein »Ja« zu bekommen, zu einem konkreten Beschluss, einem gemeinsamen Beschluss der Europäischen Union, die diese Perspektive auch eröffnet.«

Russlands Kohle-Export könnte 2022 um fast ein Drittel fallen

09.55 Uhr: Russlands Kohle-Export könnte als Folge der internationalen Sanktionen in diesem Jahr nach Schätzungen der Regierung in Moskau um 30 Prozent auf 156 Millionen Tonnen zurückgehen. Die gesamte Produktion könne um 17 Prozent auf 365,1 Millionen Tonnen sinken, meldet die russische Nachrichtenagentur Interfax unter Berufung auf das Energieministerium.

Grundlage der Schätzung sei das schlechteste Szenario, wenn ein vollständiges Embargo russischer Kohle in Kraft sei. Das Importverbot für russische Kohle, das die Europäische Union wegen des Angriffs Russlands auf die Ukraine verhängt hat, wird im August voll wirksam.

Ukraine will im August wieder mit Russland verhandeln

09.11 Uhr: Der ukrainische Chefunterhändler David Arachamija will Ende August nach der Durchführung von Gegenangriffen die Friedensverhandlungen mit Moskau wieder aufnehmen. Ende August werde die Ukraine eine bessere Verhandlungsposition haben, sagte er in einem am Samstag erschienenen Interview mit dem Sender Voice of America. »Ich denke, wir werden eine Operation mit Gegenangriffen an verschiedenen Orten führen«, erklärte Arachamija, ohne Details zu nennen.

Die Verhandlungen über eine Friedenslösung haben kurz nach dem russischen Angriff auf die Ukraine begonnen. Ende März hatte Kiew bei den Gesprächen in Istanbul unter anderem vorgeschlagen, auf einen Nato-Beitritt zu verzichten, wenn das Land im Gegenzug internationale Sicherheitsgarantien bekäme. Russland fordert allerdings darüber hinaus noch eine Entmilitarisierung und Gebietsabtretungen. Neben der schon seit 2014 annektierten Krim betrifft dies unter anderem die Gebiete Donezk und Luhansk. Später kamen die Gespräche zum Erliegen.

Russland will weiter in Region Donezk vordringen

07.55 Uhr: Das russische Militär hat in den vergangenen 48 Stunden nach britischen Angaben offenbar erneut versucht, südlich der im Osten der Ukraine gelegenen Stadt Isium vorzurücken. Ziel der russischen Armee sei es, weiter in die Region Donezk vorzudringen und die umkämpfte Stadt Sjewjerodonezk von Norden her einzukesseln, teilt das Verteidigungsministerium auf Twitter unter Verweis auf den britischen Militärgeheimdienst mit.

Ukrainische Soldaten begutachten ein zerstörtes Haus in der Umgebung von Lysyschanks, in der Region Donbas

Ukrainische Soldaten begutachten ein zerstörtes Haus in der Umgebung von Lysyschanks, in der Region Donbas

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ARIS MESSINIS / AFP

  • Die US-Diplomatin Karen Donfried ist besorgt über den Vormarsch Russlands im Donbass und wünscht sich eine EU-Mitgliedschaft der Ukraine, wie Sie dem SPIEGEL-Kollegen René Pfister erzählte. Zu dem ganzen Interview bitte hier entlang .

BKA hat einige hundert Hinweise auf Kriegsverbrechen

07.00 Uhr: Das Bundeskriminalamt (BKA) verfügt über eine »dreistellige Zahl von Hinweisen« auf Kriegsverbrechen russischer Soldaten in der Ukraine, wie BKA-Präsident Holger Münch der »Welt am Sonntag« sagte. Ermittelt werde nicht nur zu Tätern von Kriegsverbrechen, sondern auch zu den dafür militärisch und politisch Verantwortlichen.

»Unser klares Ziel ist es, die für Gräueltaten Verantwortlichen zu identifizieren, ihre Taten durch unsere Ermittlungen nachzuweisen und sie vor ein Gericht zu stellen.« Das BKA gehe allen Spuren nach, suche Hinweisgeber und sammele Beweise. »Damit bereiten wir uns auf mögliche Anklagen gegen Personen, die mutmaßlich Verantwortung für Kriegsverbrechen in der Ukraine tragen, in Deutschland vor«, sagt Münch. Nach dem Weltrechtsprinzip können Kriegsverbrecher auch in Deutschland vor Gericht gestellt werden.

Ukraine meldet Versenkung eines russischen Schleppers

06.50 Uhr: Der von ukrainischen Raketen getroffene Schlepper der russischen Schwarzmeerflotte ist nach ukrainischen Behördenangaben gesunken. Der Schlepper »Wassili Bech« sei am Morgen von ukrainischen Raketen beschädigt worden. »Später wurde bekannt, dass er gesunken ist«, sagte der Militärgouverneur von Odessa, Maxym Martschenko, am Donnerstagabend in einer Videoansprache auf seinem Telegram-Kanal. Eine Bestätigung von russischer oder unabhängiger Seite für die Versenkung gibt es nicht.

Den Beschuss hatte am Donnerstag bereits die ukrainische Marine gemeldet. Demnach wurde das Schiff, das erst 2017 in Dienst gestellt und mit einem Luftabwehrsystem des Typs »Tor« ausgestattet worden war, von Harpoon-Raketen getroffen und schwer beschädigt. Die Schiffsabwehrraketen hatte Dänemark an die Ukraine geliefert.

Die »Wassili Bech« wäre nicht das erste Schiff, das die russische Schwarzmeerflotte im Krieg gegen die Ukraine verloren hat. Bestätigt wurde von russischer Seite der Verlust des Landungsschiffs »Saratow« und des Raketenkreuzers »Moskwa«.

Selenskyj zu möglichem EU-Beitritt der Ukraine: »Das ist nicht nur für uns positiv«

06.30 Uhr: In der Debatte über die Europa-Tauglichkeit der Ukraine hat Präsident Wolodymyr Selenskyj den Wert seines Landes für die Europäische Union betont. »Unsere Annäherung an die Europäische Union ist nicht nur für uns positiv«, sagte er in seiner Videoansprache am Freitagabend in Kiew. »Das ist der größte Beitrag zur Zukunft Europas seit vielen Jahren.«

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) zeigte sich zuversichtlich, dass die EU-Mitglieder eine gemeinsame Position zum Beitrittsgesuch der Ukraine finden werden. Als Vorlage empfahl die EU-Kommission am Freitag, die Ukraine und Moldau als Beitrittskandidaten einzustufen.

Wolodymyr Selenskyj (r), Präsident der Ukraine, begrüßt Bundeskanzler Olaf Scholz am 16. Juni 2022 in Kiew

Wolodymyr Selenskyj (r), Präsident der Ukraine, begrüßt Bundeskanzler Olaf Scholz am 16. Juni 2022 in Kiew

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Kay Nietfeld / dpa

Beim Besuch von Scholz in Kiew am Vortag hatte die Ukraine dafür die Unterstützung von Deutschland, Frankreich, Italien und Rumänien bekommen. Entscheidend für die Anerkennung als Beitrittskandidat ist ein EU-Gipfel kommende Woche, bei dem Einstimmigkeit nötig ist.

Russische Medien führen in Ukraine gefangene US-Soldaten vor

06.21 Uhr: Der russische Staatssender RT hat Videos von zwei in der Ukraine vermissten US-Bürgern veröffentlicht. RT-Journalist Roman Kosarew veröffentlichte am Freitagabend im Messenger-Dienst Telegram ein Video, auf dem der frühere US-Soldat Alexander Drueke sich an seine Mutter richtete.

Auf dem offiziellen Telegram-Kanal von RT wurde zudem ein Video-Interview mit dem US-Veteranen Andy Huynh veröffentlicht, der angab, er und Drueke seien »an Kämpfen mit russischen Truppen« in der ukrainischen Region Charkiw beteiligt gewesen.

Drueke und Huynh sollen als Freiwillige an der Seite der ukrainischen Armee gekämpft haben. Huynh sagte in dem von RT veröffentlichten Video, er und Drueke hätten sich während der Gefechte in der Region Charkiw zurückgezogen und mehrere Stunden lang versteckt, bevor sie sich schließlich der russischen Armee ergeben hätten. Zunächst war unklar, von wem die beiden Männer festgehalten wurden. Die ganze Meldung lesen Sie hier.

Polen fordert weitere Sanktionen gegen Russland

05.12 Uhr: Polen drängt auf eine weitere Verschärfung der Strafmaßnahmen gegen Russland. »Es geht darum, die Sanktionen auszuweiten. Aus unserer Sicht muss ein siebtes Sanktionspaket so schnell wie möglich auf den Weg gebracht werden«, sagt Lukasz Jasina, Sprecher des polnischen Außenministeriums, der »Welt am Sonntag«.

Zum Inhalt eines möglichen siebten Sanktionspakets sagt Polens Vizeaußenminister Marcin Przydacz der Zeitung: »Wir wollen europäische Technologieexporte nach Russland vollständig unterbinden.« Außerdem müsse man stärker gegen russische Banken vorgehen und gegen russische Propaganda- und Desinformationskanäle.

Barley warnt über »überstürztem Beitritt« der Ukraine

02.45 Uhr: Nach der Empfehlung der EU-Kommission, die Ukraine und Moldau offiziell zu Kandidaten für den Beitritt zur EU zu ernennen, warnt die stellvertretende EU-Parlamentspräsidentin Katarina Barley vor Abstrichen bei den Aufnahmekriterien. »Überstürzte Beitritte darf es nicht geben. Wer einmal in der EU ist, kann nicht ausgeschlossen werden«, sagte die SPD-Politikerin der »Neuen Osnabrücker Zeitung«.

Das sehe man derzeit am Beispiel Ungarns, das die Rechtsstaatlichkeit systematisch aushöhle. »Umso wichtiger ist es, dass die für einen Beitritt festgelegten Kriterien wie zum Beispiel institutionelle Stabilität, funktionierende Marktwirtschaft und Rechtsstaatlichkeit voll und ganz erfüllt werden.«

Die ausführliche Meldung zu Barley lesen Sie hier.

»Wirtschaftsweise« will Prämien für Haushalte, die Gasverbrauch drosseln

02.30 Uhr: Die »Wirtschaftsweise« Veronika Grimm fordert im Zuge der Energiekrise die Einführung von Prämien für Verbraucher, die sparsam mit Gas umgehen. Angesichts der Drosselung russischer Gaslieferungen »sollte man dringend Prämien ausschreiben für Haushalte, die ihren Gasverbrauch im kommenden Winter drastisch reduzieren«, sagte das Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung der »Rheinischen Post«.

Das Potenzial sei groß, man müsse aber frühzeitig kommunizieren, dass es sich lohne, sagte die Ökonomin. »Bevor man zu gesetzlichen Einsparmaßnahmen greift, wie von Wirtschaftsminister Robert Habeck ins Spiel gebracht, sollte man die Potenziale heben, die durch Anreize möglich sind«, sagte Grimm.

Ukraine beklagt bis zu 50 Prozent Verluste bei Ausrüstung

00.09 Uhr: Die ukrainische Armee hat nach Angaben eines ranghohen Generals seit Beginn des russischen Angriffskriegs hohe materielle Verluste erlitten. »Bis heute haben wir infolge aktiver Gefechte schätzungsweise 30 bis 40, manchmal bis zu 50 Prozent Verluste bei der Ausrüstung«, sagte der Brigadegeneral Wolodymyr Karpenko dem US-Magazin »National Defense«. »Schätzungsweise 1300 Infanterie-Kampffahrzeuge, 400 Panzer und 700 Artilleriesysteme wurden verloren.«

Ein ukrainischer Soldat steht während schwerer Kämpfe an der Front in Sjewjerodonezk in der Region Luhansk in einer zerstörten Wohnung.

Ein ukrainischer Soldat steht während schwerer Kämpfe an der Front in Sjewjerodonezk in der Region Luhansk in einer zerstörten Wohnung.

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Oleksandr Ratushniak / dpa

Die Kämpfe in dem Krieg konzentrieren sich derzeit auf die ostukrainische Donbass-Region. Dramatisch ist die Lage vor allem in der strategisch wichtigen Stadt Sjewjerodonezk in der Region Luhansk, wo die russische Armee am Freitag erneut das Asot-Chemiewerk bombardierte. In dem Fabrikgelände befinden sich nach ukrainischen Angaben mehr als 560 Zivilisten, darunter 38 Kinder.

fok/sol/AFP/dpa/Reuters/