Putins Überfall Ölterminal in Flammen – das geschah in der Nacht

Russische Raketen haben ein Ölterminal getroffen und in Flammen aufgehen lassen, Putins Truppen dringen in die Stadt Charkiw vor. Und: Erstmals bezieht Nordkorea in dem Konflikt Position. Der Überblick.
Das Öllager in der Nähe Kiews steht in Flammen

Das Öllager in der Nähe Kiews steht in Flammen

Foto: Maksim Levin / REUTERS

Der vierte Tag der Kriegshandlungen in der Ukraine ist angebrochen, und Russland setzt seinen Feldzug unbeirrt fort. Russische Streitkräfte fliegen Luftangriffe, rücken immer weiter in das Land vor, stoßen jedoch auf massive Gegenwehr. Aus der Hauptstadt Kiew und anderen Orten wurde auch in der Nacht zum Sonntag von heftigen Kämpfen zwischen russischen und ukrainischen Kräften berichtet.

Gemeldet wurden schwere Angriffe der russischen Armee »aus allen Richtungen« – sowie »entschlossener Widerstand«, wie es in einer Mitteilung der ukrainischen Armee hieß. Westliche Staaten haben unterdessen ihre Sanktionen deutlich verschärft, insbesondere Deutschland legte eine Kehrtwende hin.

Ein Überblick über die Entwicklungen in der Nacht:

Wie die Invasion voranschreitet

Russland hat in der Nacht zum Sonntag den Vormarsch seiner Truppen in der Ukraine fortgesetzt, gemäß der Maxime, die Moskau am Vortag ausgegeben hatte: Den Streitkräften sei befohlen worden, »die Offensive aus allen Richtungen zu erweitern«. Nach US-Angaben kommen die Russen aber langsamer voran als erwartet. (Lesen Sie hier den laufen aktualisierten News-Überlick.)

Die Bürgermeisterin der Stadt Wassylkiw südwestlich von Kiew teilt mit, russische Raketen hätten die Stadt getroffen und einen Ölterminal in Brand gesteckt. Im Internet veröffentlichte Fotos und Videos zeigen Flammen, die in den Nachthimmel steigen. Die Behörden warnen die Bewohner vor giftigen Dämpfen. Die von Russland unterstützten Separatisten in der ukrainischen Provinz Luhansk melden indessen, dass ein Ölterminal in der Stadt Rowenky von einer ukrainischen Rakete gesprengt wurde.

Die russische Armee hat zudem nach eigenen Angaben zwei große Städte im Süden der Ukraine eingekesselt. »In den vergangenen 24 Stunden haben die russischen Streitkräfte die Städte Cherson und Berdiansk vollständig eingeschlossen«, meldete die russische Nachrichtenagentur Tass am Sonntag unter Berufung auf das Verteidigungsministerium in Moskau. Zudem hätten russische Truppen die Stadt Henitschesk und einen Flughafen in der Nähe von Cherson eingenommen.

Ukrainische Streitkräfte an der Militärbasis Vasylkiv

Ukrainische Streitkräfte an der Militärbasis Vasylkiv

Foto: Maksim Levin / REUTERS

Russische Truppen sind nach ukrainischen Angaben in die umkämpfte Stadt Charkiw im Nordosten der Ukraine vorgedrungen. Sie seien mit leichten Militärfahrzeugen in die zweitgrößte Stadt des Landes gelangt, auch in das Stadtzentrum, sagt der Gouverneur der Region, Oleh Sinegubow. Ukrainische Streitkräfte versuchten, die russischen Soldaten zurückzudrängen.

Zivilisten wurden aufgefordert, nicht nach draußen zu gehen. Auf Videos, die von dem Innenministeriumsberater Anton Heraschtschenko und dem staatlichen Dienst für Sonderkommunikation und Informationsschutz im Internet veröffentlicht wurden, waren mehrere leichte Militärfahrzeuge auf einer Straße und ein brennender Panzer zu sehen.

In Kiew warnten erneut Sirenen vor russischen Luftangriffen, und es wurde heftig gekämpft. Dabei soll ein Lager mit radioaktiven Abfällen des Unternehmens Radon von russischen Granaten getroffen worden sein, wie der Sender Kanal 24 und andere Medien meldeten. Nach ersten Messungen bestehe »keine Bedrohung für die Bevölkerung außerhalb der Schutzzone«, hieß es.

In der Nähe der Großstadt Charkiw in der Ostukraine ging nach Darstellung der ukrainischen Agentur Unian eine Gasleitung in Flammen auf. Sie soll von russischen Truppen gesprengt worden sein. Unklar war, ob es sich bei der Leitung um eine regionale Erdgasleitung oder um einen Teil der aus Russland nach Europa führenden Leitungen handelt. All diese Angaben lassen sich nicht von unabhängiger Seite überprüfen.

Für eine Vielzahl von Bildern aus dem umkämpften Land und von den vielen Ukrainern, die vor den Kampfhandlungen fliehen, bitte hier entlang.

Der ukrainische Verteidigungsminister Olexij Resnikow machte seinen Soldaten nach den tagelangen schweren Kämpfen gegen die angreifende russische Armee Mut. In einem Beitrag auf Facebook sprach er von »drei Tagen, die unser Land und die Welt für immer verändert haben«. Dabei sei es den Russen nicht gelungen, wie geplant Kiew zu erobern. »Stattdessen sehe ich eine heldenhafte Armee, eine siegreiche Wache, furchtlose Grenzwächter, engagierte Retter, zuverlässige Polizisten, unermüdliche medizinische Engel.«

Resnikow sprach den Verteidigern Mut zu. »Stündlich erkennen immer mehr Menschen, dass es nirgendwo in Europa eine solche Armee gibt.« Die Ukraine erwarte nunmehr Hilfe, die vor drei Tagen nicht möglich schien. »Die Dunkelheit wird zurückweichen. Die Morgendämmerung ist nahe.«

Welche Kehrtwende Deutschland hinlegte – und wie die Ukraine reagiert

Deutschland hatte sich lange gesträubt, die Ukraine mit Waffenlieferungen in ihrem Kampf gegen Russland zu unterstützen. Die Bundesregierung lieferte lediglich die von der ukrainischen Führung angeforderten 5000 Schutzhelme. Am Samstag vollzog sie wegen des russischen Angriffs in zweifacher Hinsicht eine Kehrtwende.

Deutschland will nun doch Waffen an die Ukraine liefern, nämlich 1000 Panzerabwehrwaffen sowie 500 Boden-Luft-Raketen vom Typ »Stinger« aus Bundeswehrbeständen. Und sie beschloss gemeinsam mit westlichen Verbündeten nun doch einen Ausschluss russischer Banken aus dem internationalen Finanz-Kommunikationssystem Swift.

Beides hatte Bundeskanzler Olaf Scholz zunächst nicht gewollt, doch sagte er nun: »Der russische Überfall auf die Ukraine markiert eine Zeitenwende.« Nun sei es auch für Deutschland Pflicht, die Ukraine nach Kräften zu unterstützen bei der Verteidigung »gegen die Invasionsarmee von Wladimir Putin«.

Grünenpolitiker Jürgen Trittin, außenpolitischer Sprecher seiner Fraktion, hatte die deutsche Haltung zuvor im SPIEGEL-Interview noch gerechtfertigt. Trittin räumte ein, er habe Putin unterschätzt. Das ganze Interview lesen Sie hier .

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj begrüßte die deutsche Entscheidung. »Weiter so, Kanzler Olaf Scholz«, schrieb er auf Twitter. Auch der ukrainische Botschafter in Berlin würdigte den Kurswechsel als historischen Schritt. »Wir sind froh, dass Deutschland endlich diese 180-Grad-Wende vollzogen hat«, sagte Botschafter Andrij Melnyk.

Nach Ansicht des ukrainischen Botschafters in Deutschland, Andrij Melnyk, können die deutschen Waffenlieferungen jedoch nur ein erster Schritt sein. »Die Ukrainer sind erleichtert, dass die Ampelregierung diesen geschichtsträchtigen Kurswechsel in letzter Minute wagte«, sagte er der »Welt«. Die Entscheidung bedeute »den endgültigen Abschied von deutschen Illusionen«.

Die Ukrainer hofften, »dass die Bundesregierung auch in den nächsten schicksalhaften Tagen und Wochen uns mit weiteren Verteidigungswaffen stark unter die Arme greift«, sagte Melnyk. Außerdem verlange die Ukraine »einen sofortigen Importstopp für alle russischen Rohstoffe, und zwar ohne Ausnahme, nicht nur für Gas, Erdöl, Kohle oder Metalle«, sagte Melnyk. So könne die Finanzierung des »wahnsinnigen Feldzugs trockengelegt werden«. Deutschland ist der mit Abstand größte Importeur von russischem Gas und Öl in Europa.

Wie die Weltgemeinschaft agiert – inklusive China und Nordkorea

Die westlichen Staaten haben weitere Sanktionen beschlossen, um Russland wirtschaftlich erheblich zu schaden. Die USA, Frankreich, Kanada, Italien, Großbritannien, die EU-Kommission und Deutschland vereinbarten, russische Banken aus dem internationalen Zahlungssystem Swift auszuschließen. Auch gegen die russische Zentralbank und russische Oligarchen wurden neue Strafmaßnahmen beschlossen.

»Mit all diesen Maßnahmen erschweren wir es Putin, seinen Krieg gegen die Ukraine zu finanzieren«, sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. In der Europäischen Union hatte bezüglich des Swift-Ausschlusses lange Uneinigkeit geherrscht. Insbesondere Deutschland galt als Bremser.

Die Niederlande kündigten außerdem an, 200 »Stinger«-Flugabwehrraketen zu liefern. Tschechien schickte nach eigenen Angaben Waffen im Wert von 7,6 Millionen Euro und Belgien will 2000 Maschinengewehre und 3800 Tonnen Heizöl liefern.

China ist indes nicht bereit, den Einsatz von Sanktionen zu unterstützen. Dies teilte das chinesische Außenministerium am Sonntag auf Twitter mit. »China unterstützt den Einsatz von Sanktionen zur Lösung von Problemen nicht und ist gegen einseitige Sanktionen, die keine Grundlage in internationalem Recht haben«, zitiert das Ministerium eine Erklärung des chinesischen Außenministers Wang Yi.

In einem Telefongespräch mit der deutschen Außenministerin Annalena Baerbock habe Minister Wang gesagt, der Uno-Sicherheitsrat solle zu einer Lösung der derzeitigen Krise beitragen, anstatt neue Konfrontationen anzuzetteln. Außenministerin Baerbock hatte in dem Gespräch auf die besondere Verantwortung Chinas als ständiges Mitglied des Uno-Sicherheitsrates hingewiesen.

Zudem hat erstmals Nordkorea offiziell zur Eskalation in der Ukraine Stellung genommen – und die USA für den Konflikt verantwortlich gemacht.

»Die Grundursache der Ukrainekrise liegt in der Selbstherrlichkeit und Willkür der USA«, heißt es in einem Beitrag, der am Samstag auf der Website des Außenministeriums in Pjöngjang veröffentlicht wurde. Washington habe »militärische Vorherrschaft unter Missachtung legitimer Forderungen Russlands nach seiner Sicherheit« angestrebt. Neben China ist Russland einer der wenigen Staaten, die Nordkorea freundschaftlich gesinnt sind.

Hintergründe zum Krieg in der Ukraine

  • Wie reagieren die Menschen in der Ukraine auf den Überfall? Was denkt die russische Bevölkerung? Ein SPIEGEL-Team berichtet aus dem Kriegsgebiet und analysiert, was Wladimir Putins Großmachtstreben für die Weltordnung bedeutet. Hier weiter lesen

  • Warum hat der Krieg in der Ukraine so eine immense Bedeutung? Und was macht den Konflikt so gefährlich? Das erklärt der Politologe Bertrand Badie im Interview.

  • Viele Menschen glauben, Wladimir Putin könne allein von seinem Volk aufgehalten werden. Wie der russische Machthaber gegen Kritiker vorgeht, lesen Sie in einem Bericht von unseren Korrespondentinnen in Moskau.

Meinungen und Kommentare zur russischen Invasion

  • Von rechten Kommentatoren in Europa und den USA wird Wladimir Putin als Held gefeiert – oder zumindest als erfrischender Gegenentwurf zum vermeintlich verweichlichten Westen. Damit muss endlich Schluss sein, findet der SPIEGEL-Kolumnist Christian Stöcker.

  • Die deutsche Bevölkerung reagiere auf den Krieg in der Ukraine allzu unpolitisch, kritisiert Sarah Brockmeier, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, in einem Gastbeitrag. Das müsse sich ändern, die Zeit leerer Solidaritätsbekundungen sei vorbei.

  • »Schämen Sie sich, Herr Scholz«, forderte der SPIEGEL-Journalist Maximilian Popp in dieser Woche in einem Kommentar mit Blick auf die aus seiner Sicht halbherzige Sanktionspolitik Deutschlands.

fok/AFP/AP/dpa/Reuters
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