Ukraine und Corona "Umarmt einander!"

Kurz vor dem orthodoxen Osterfest steckten sich die Mönche des Kiewer Höhlenklosters mit dem Coronavirus an. Der Fall zeigt, wie sehr sich manche Kirchen den Pandemie-Regeln widersetzen.
Von Christian Esch aus Moskau
Mönche beim Entzünden des Osterlichts im Kiewer Höhlenkloster

Mönche beim Entzünden des Osterlichts im Kiewer Höhlenkloster

Foto: VALENTYN OGIRENKO/ REUTERS

Am Steilufer des Dnjepr liegt das Kiewer Höhlenkloster, eines der größten Heiligtümer der Ukraine. An Ostern ist hier normalerweise viel los. Tausende Kirchgänger bringen bunte Eier und Osterkuchen zum Segnen, es wird die halbe Osternacht hindurch gesungen und gebetet, man ruft den traditionellen Ostergruß.

Diesmal war es anders. Für orthodoxe Christen fiel das Osterfest dieses Jahr auf den vergangenen Sonntag - aber die Messe verfolgten sie in der Ukraine, so wie in anderen Ländern, vor allem auf dem Fernsehschirm, viele Kirchen waren für die Gläubigen geschlossen. Und nirgends hat das Coronavirus das Fest so sehr verdorben wie im Höhlenkloster. Weil man nirgends das Virus so wenig ernst genommen hat wie hier.

Rund hundert Infektionen wurden zu Beginn der orthodoxen Osterwoche unter den 200 Mönchen, den Priestern und Mitarbeitern des Klosters festgestellt - das entsprach einem Sechstel aller bekannten Infektionen in Kiew. Das Kloster wurde unter Quarantäne gestellt. Drei Mönche sind bereits gestorben, und auch der Abt des Klosters, Metropolit Pawel, musste mit Lungenentzündung ins Krankenhaus gebracht werden.

Das Virus als Einbildung

Abt Pawel hatte zuvor sämtliche Warnungen in den Wind geschlagen. Als die Behörden Mitte März vom Kirchenbesuch abrieten, rief der Abt in einer Videobotschaft auf, jetzt erst recht in die Kirche zu gehen. "Ob alt oder jung, eilt alle in die Kirche", sagte er darin, und fügte hinzu: "Umarmt einander!"

Noch am orthodoxen Karsamstag - da war der Covid-19-Ausbruch im Höhlenkloster schon eine Woche bekannt - warf Pawels Vorgesetzter Onufrij im Fernsehen die Frage auf, ob es das Coronavirus überhaupt gebe. Er wolle "die Verantwortung nicht auf sich nehmen", das zu entscheiden. Onufrij ist Vorsteher der traditionell größten Glaubensgemeinschaft des Landes, der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats. Töten könne allerdings auch ein eingebildetes Virus, setzte Onufrij hinzu. Insofern sei es am Ende unerheblich, ob Corona existiere.

Onufrij selbst immerhin sei gesund, behauptet jedenfalls die Kirche. Allerdings hatte er reichlich Kontakt mit infizierten Menschen, darunter der prorussische Politiker, Geschäftsmann und Kirchensponsor Wadim Nowinskij. Onufrij war in der Osternacht auf keiner der übertragenen Messen zu sehen.

Das Zögern des Patriarchen

Für die bizarren Aussagen der Kirchenleute gibt es politische Gründe. Nicht alle Kirchenorganisationen in der Ukraine haben sich so starrsinnig verhalten wie die Anhänger des Moskauer Patriarchats. Seit dem Konflikt mit Russland über die Krim und den Donbass ist es in der Ukraine unter Druck geraten. Eine konkurrierende orthodoxe Großkirche hat sich mit staatlicher Hilfe von Moskau gelöst und dem Patriarchen von Konstantinopel unterstellt.

Das Moskauer Patriarchat hat nun Angst, seine führende Position und vielleicht auch das Höhlenkloster selbst an die Konkurrenz zu verlieren. Man fühlt sich vom Staat verfolgt.

Interessanterweise sind die ukrainischen Anhänger des Moskauer Patriarchats im Umgang mit Hygienevorschriften weit starrsinniger, als der Moskauer Patriarch selbst es ist. Patriarch Kirill hat, nach langem Zögern, öffentlich die Gläubigen dazu aufgerufen, den Kirchen fernzubleiben. Den Ostergottesdienst hielt er in der leeren Christ-Erlöser-Kathedrale der russischen Hauptstadt - ohne Ostergemeinde und ohne die übliche Prominenz. Die Kirche fügte sich den Vorschriften der Behörden und duldete es auch, als die Moskauer Polizei am Sonnabendmittag Gläubige davon abhielt, Kirchen zu betreten.

"Wollt ihr ohne Wasser und Strom dasitzen?"

Deutlich schwieriger hatte es die georgische Regierung. In der Kaukasusrepublik müssen die Behörden Angst haben, dass ihr bisher vorbildlicher Kampf mit der Pandemie von einer mächtigen und wenig kompromissbereiten Kirche nachträglich zunichtegemacht wird. Georgien hatte schnell auf die Virusgefahr reagiert, es hatte mit seinen knapp vier Millionen Einwohnern am Montag 394 nachgewiesene Infektionen. Aber während Schulen, Grenzen, Läden schon geschlossen wurden, hielt die Kirche am Ritual fest - einschließlich des Austeilens des Abendmahls mit einem einzigen Löffel für die gesamte Gemeinde. Und trotz einer nächtlichen Ausgangssperre bestand Kirchenoberhaupt Ilia II darauf, die Osternacht mit Gläubigen zu feiern.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Bleibt die Frage, ob mit der Dauer der Pandemie auch der Widerstand gegen die Kirche wächst. In der ukrainischen Großstadt Dnipro jedenfalls ist der Umgangston schon recht ruppig geworden. Dort hat der Bürgermeister Boris Filatow vor Ostern einen Wutausbruch gegen das Bistum des Moskauer Patriarchats auf Facebook veröffentlicht, mit groben Drohungen an die Gemeinden. "Wollt ihr ohne Wasser und Strom dasitzen, mit verbarrikadierten Türen und aufgerissenen Straßen? Wir können dafür sorgen." Knapp 18.000 Menschen drückten den "Gefällt mir"-Knopf.

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