Raketenbeschuss und Bodentruppen Putin greift die Ukraine an

Raketenangriffe auf Kiew und andere Städte, Grenzübertritte russischer Truppen in mehreren Landesteilen: Der russische Angriff auf die Ukraine gilt dem ganzen Land. Die Regierung in Kiew meldet die ersten Todesopfer.
Schwarzer Rauch steigt nach einem russischen Angriff auf eine Militäreinrichtung in Mariupol auf

Schwarzer Rauch steigt nach einem russischen Angriff auf eine Militäreinrichtung in Mariupol auf

Foto: Carlos Barria / REUTERS

Der russische Angriff auf die Ukraine hat begonnen – und er gilt dem ganzen Land. Kurz nachdem der russische Präsident Wladimir Putin in einer TV-Ansprache den Start der Militäraktion angekündigt hatte, gab es Meldungen über Gefechte und Explosionen in mehreren Landesteilen.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj teilte mit, Explosionen seien in vielen ukrainischen Städten zu hören gewesen. Russland habe die Infrastruktur des Landes sowie Grenzposten angegriffen. Selenskyj rief das Kriegsrecht aus.

Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba spricht von einem »groß angelegten Krieg gegen die Ukraine«. Kremlchef Wladimir »Putin hat gerade eine große Invasion der Ukraine gestartet. Friedliche ukrainische Städte werden attackiert. Das ist ein Angriffskrieg«, teilte der Minister bei Twitter mit. Das Innenministerium meldete, Raketen seien auf Militärflughäfen, Depots, in mehreren Großstädten sowie in Grenzregionen eingeschlagen.

Nach Angaben des ukrainischen Grenzschutzes drangen russische Bodentruppen mit Panzern aus mehreren Richtungen in die Ukraine vor. Die Armee habe unter anderem von der annektierten Halbinsel Krim aus mit Panzern und weiterem schweren Gerät die Grenze passiert, teilte der Grenzschutz mit. Demnach drangen russische Bodentruppen auch in den östlichen Regionen Luhansk und Charkiw, in Sumy im Nordosten sowie in Tschernihiw im Norden an der Grenze zu Belarus in die Ukraine ein.

Der Sender CNN berichtete, an einem Grenzübergang zwischen der Ukraine und Belarus hätten russische Truppen in einer Kolonne von Militärfahrzeugen die Grenze überschritten. In Belarus hatte die Konzentration russischer Truppen seit Wochen zugenommen. Belarussische und russische Einheiten hielten zusammen Manöver ab.

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Ein Land im Krieg

Foto: Chris McGrath / Getty Images

Laut Berichten von vor Ort waren in der Hauptstadt Kiew Explosionen zu hören. Nahe dem Flughafen der Stadt sei es ebenfalls zu Schüssen gekommen, berichtete die Agentur Interfax. Das ukrainische Innenministerium bestätigte, Kiew sei mit Marschflugkörpern und ballistischen Raketen angegriffen worden.

Berichte über erste Todesopfer

Durch die russischen Luftangriffe sind ukrainischen Angaben zufolge mindestens sieben Soldaten getötet und 15 weitere verletzt worden. Zudem würden 19 Soldaten vermisst, teilte das Innenministerium in Kiew mit.

Explosionen erschütterten zudem die Stadt Donezk im Osten des Landes, die unmittelbar in der Nähe des bislang schon von prorussischen Separatisten kontrollierten Gebietes liegt. Auch aus der Stadt Charkiw nahe der russischen Grenze meldeten Augenzeugen Explosionen.

Meldungen über Gefechte gab es auch aus anderen Landesteilen. Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters soll in der Hafenstadt Odessa eine Landungsoperation von Einheiten der russischen Schwarzmeerflotte begonnen haben. Das ukrainische Militär dementierte dies allerdings umgehend.

Berichte über Einschläge gab es auch aus Dnipro, Berdjansk und Kramatorsk, wie die staatliche Nachrichtenagentur Ukrinform meldete. Prorussische Separatisten in der Ostukraine meldeten die Einnahme von zwei Kleinstädten. Es handele sich dabei um Stanyzja Luhanska und um Schtschastja in der Region Luhansk. Demnach sollen russische Truppen über den Fluss Siwerskyj Donez vorgedrungen sein, der bisher die Frontlinie bildete.

Die Behörden in Kiew bestätigten, russische Kräfte seien auf das von ukrainischen Regierungstruppen kontrollierte Gebiet vorgedrungen. Auch prorussische Separatisten in Donezk begannen nach eigenen Angaben massive Angriffe auf die ukrainische Armee.

Laut Personen vor Ort waren auch in Lwiw im Westen des Landes Sirenen zu hören, die vor Luftangriffen warnten.

Luftraum komplett geschlossen

Das Verteidigungsministerium in Moskau teilte laut der Nachrichtenagentur Ria mit, Russland greife die militärische Infrastruktur der Ukraine mit »Hochpräzisionswaffen« an. Kommandozentralen des ukrainischen Militärs in der Hauptstadt Kiew und der Millionenstadt Charkiw würden mit Raketen angegriffen, zitierte die ukrainische Zeitung »Prawda« auf ihrer Website einen Vertreter des ukrainischen Innenministeriums.

In den Morgenstunden nach Beginn des Angriffs gab es erste Meldungen über Ergebnisse militärischer Aktionen. Unabhängige Bestätigungen dafür gab es zunächst nicht. Die russische Armee gab an, die Luftabwehr sowie Luftwaffenstützpunkte der Ukraine zerstört zu haben. Prorussische Separatisten schossen nach eigenen Angaben in der Region Luhansk ein ukrainisches Militärflugzeug ab.

Schwarzer Rauch steigt nach einem russischen Angriff über einem Militärflughafen nahe Charkiw auf

Schwarzer Rauch steigt nach einem russischen Angriff über einem Militärflughafen nahe Charkiw auf

Foto: Aris Messinis / AFP

Das ukrainische Militär wiederum meldete, im Gebiet Luhansk fünf russische Flugzeuge und einen Hubschrauber abgeschossen zu haben. Dies wurde vom russischen Verteidigungsministerium zurückgewiesen.

Als Reaktion auf den russischen Angriff schloss die Ukraine ihren gesamten Luftraum.

Kurz vor der erwarteten Invasion hatte der Selenskyj an die russische Bevölkerung appelliert, einen Krieg zu verhindern. Entlang der über 2000 Kilometer langen Grenze stünden fast 200 000 russische Soldaten mit schwerer Technik zum Einmarsch bereit. Selenskyjs Versuch, mit Putin zu telefonieren, um eine Eskalation im letzten Moment abzuwenden, schlug fehl.

Uno-Generalsekretär António Guterres sagte nach einer Dringlichkeitssitzung des Uno-Sicherheitsrates: »Präsident Putin, im Namen der Menschlichkeit: Bringen Sie Ihre Truppen zurück nach Russland.« Guterres sprach von dem möglicherweise schwersten Konflikt in Europa seit Jahrzehnten und seinem »traurigsten Tag« als Uno-Generalsekretär.

ulz/heb/Reuters