»Es ist wie ein Gladiatorenkampf« Militärexperte aus Russland gibt erhebliche Schwächen der Kremlarmee zu

Veraltete Sowjetpanzer gegen moderne Nato-Systeme, kaum genügend Soldaten: Der kremltreue Analyst Ruslan Puchow hat in ungewohnter Schärfe die eigene Armee kritisiert. Und skizziert, wann sie gänzlich scheitern könnte.
Eine russische Panzerhaubitze vom Typ 2S3 im Einsatz im ukrainischen Charkiw

Eine russische Panzerhaubitze vom Typ 2S3 im Einsatz im ukrainischen Charkiw

Foto: Viktor Antonyuk / SNA / IMAGO

Seit knapp einem halben Jahr versuchen russische Truppen, die Ukraine in einer völkerrechtswidrigen Invasion zu erobern, im Kreml wird der Krieg bisher geschönt dargestellt. Nun hat der russische Militärexperte Ruslan Puchow in seltener Schonungslosigkeit den Erfolg der Kremltruppen kritisiert. In einem mittlerweile gelöschten Interview mit dem russischen Analyseunternehmen Prisp attestiert er der russischen Armee beträchtliche Probleme, das deutsche Fachblog »Konflikte&Sicherheit«  hat das Gespräch ins Deutsche übersetzt und analysiert.

Puchow bemängelt den Einsatz veralteter Waffentechnik und zu wenige Soldaten. Auch die russische Luftwaffe arbeite viel zu unpräzise. Vor allem die Ausrüstung der ukrainischen Armee mit modernen Waffensystemen aus dem Westen mache es Russland kaum möglich, große Erfolge zu feiern.

»Es ist wie ein Gladiatorenkampf«, sagt Puchow, »der eine kämpft mit einem Kurzschwert und einem Schild, der andere mit einem Dreizack und einem Netz. Sie sind also unterschiedlich bewaffnet«. So sei es auch im Krieg zwischen Russland und der Ukraine: »Die Streitkräfte der Ukraine sind größtenteils eine Armee aus Infanterie und Artillerie, und unsere Streitkräfte nutzen gepanzerte Fahrzeuge. Und die sind auch nicht mit einem modernen, wirklich wirksamen Schutz ausgestattet.«

»Nicht ganz fair«

So setze Russland in der Ukraine noch zu stark auf veraltete Panzer wie den T-90. Der sei »ein Tuning eines sowjetischen Panzers«. Laut dem Militärexperten sei es »nicht ganz fair, von diesem zu verlangen, den neuesten Panzerabwehrsystemen wie Javelin, NLAW oder Matador erfolgreich zu widerstehen«. Auch die Luftwaffe sei veraltet. So gebe es kaum genügend Präzisionsmunition und Erkennungs- und Zielgeräte, um die nach wie vor starke ukrainische Flugabwehr zu durchbrechen. Auch habe die Ukraine vom Westen viele tragbare Flugabwehrsysteme erhalten, wodurch Russland kaum effektiv operieren könne.

Am Boden macht Puchow ebenfalls einen »erheblichen Mangel« aus: die Zahl einsetzbarer Soldaten. »Die Front ist groß, und es gibt nicht genug Einsatzkräfte«, sagt der Experte im Interview. »Die Ukrainer sind in der Defensive, sie haben eine Menge Artillerie und Kampfflugzeuge. Wir hingegen müssen die Front mit einer unzureichenden Anzahl von Soldaten sowie mit anfälligen Panzern und Schützenpanzern durchbrechen.«

Dramatische Lage im Herbst

Als Pluspunkt sieht Puchow lediglich, dass der Westen bisher nur rudimentär Waffen geliefert habe. Sollten sich die Nato-Partner jedoch entscheiden, mehr Waffen zu liefern und sollte die zahlenmäßige Überlegenheit der ukrainischen Armee durch die allgemeine Mobilmachung bestehen bleiben, dann könnte sich die Lage für Russland zum Ende des Sommers hin dramatisch verschlechtern.

Die ungewöhnlich scharfen Worte sind für russische Verhältnisse eine Besonderheit: Der Krieg muss offiziell »militärische Spezialoperation« genannt werden, bisherige Misserfolge werden im Kreml kleingeredet. Puchows Worte stehen dazu deutlich im Kontrast. Der 49-Jährige ist Direktor des Zentrums für die Analyse von Strategien und Technologien (CAST) und seit 2012 Mitglied des Expertenrates der Regierung der Russischen Föderation und eng mit dem russischen Verteidigungsministerium verbunden. Er gilt als kremltreu und ausgewiesener Kenner der russischen Armee.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hatten wir nicht auf das deutsche Fachblog »Konflikte&Sicherheit« verwiesen, in dem das Gespräch ins Deutsche übersetzt und analysiert wurde. Wir haben das ergänzt.

mrc
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