Krieg in der Ukraine Selenskyj verspricht der EU Strom, Russland kämpft offenbar mit massiven Verlusten – das geschah in der Nacht

Angesichts drohender Energieengpässe in Europa kündigt der ukrainische Präsident Hilfe an. Und: Die Zahl der gefallenen Russen ist laut US-Erkenntnissen viel höher als angenommen. Der Überblick.
Präsident Wolodymyr Selenskyj (Foto vom 26.7.2022)

Präsident Wolodymyr Selenskyj (Foto vom 26.7.2022)

Foto:

Ukrainian Presidential Press Off / dpa

Was in den vergangenen Stunden geschah

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat angesichts der Furcht vor Energieengpässen in Europa verstärkte Stromlieferungen in die EU angekündigt. »Wir bereiten uns vor, unsere Elektrizitätsexporte an Verbraucher in der Europäischen Union zu erhöhen«, sagte Selenskyj am Mittwochabend in seiner täglichen Fernsehansprache.

»Unsere Exporte erlauben uns nicht nur, unsere Deviseneinnahmen zu erhöhen, sondern helfen auch unseren Partnern, dem russischen Energiedruck zu widerstehen.« Die Ukraine solle schrittweise »ein Garant für die europäische Energiesicherheit« werden, sagte der Präsident.

In Deutschland und anderen EU-Ländern wachsen Befürchtungen vor Energieengpässen in den kommenden Monaten wegen reduzierter russischer Gaslieferungen. Wie Selenskyj erklärte, wird in der Ukraine ein Großteil der Energie nicht gebraucht, da wegen des Krieges die Produktion stillsteht.

Allerdings hatten die russischen Truppen zuletzt auch das größte Atomkraftwerk in Enerhodar, ein Wasserkraftwerk am Fluss Dnipro und mindestens zwei Kohlekraftwerke eingenommen.

Die Ukraine war Mitte März an das europäische Stromnetz angeschlossen worden. Vor Beginn des russischen Angriffskriegs gegen das Land am 24. Februar war das ukrainische Netz mit dem russischen Netz synchronisiert. Anfang Juli begann die Ukraine dann mit Stromexporten in die EU über Rumänien. In der Ukraine stammt mehr als die Hälfte des Stroms aus der Atomkraft.

Ein brennendes Gebäude in der Ostukraine (Foto vom 27. Juli 2022)

Ein brennendes Gebäude in der Ostukraine (Foto vom 27. Juli 2022)

Foto: BULENT KILIC / AFP

Nach Schätzungen aus den USA sollen in dem Krieg gegen die Ukraine allein auf russischer Seite mehr als 75.000 Menschen getötet oder verwundet worden sein. Das berichtete der Sender CNN unter Berufung auf Abgeordnete des US-Repräsentantenhauses.

»Wir wurden darüber informiert, dass mehr als 75.000 Russen entweder getötet oder verletzt wurden, was enorm ist«, zitierte der Sender die demokratische Abgeordnete Elissa Slotkin, die zuvor an einem geheimen Briefing der US-Regierung teilgenommen hatte.

Der US-Auslandsgeheimdienst CIA hatte zuletzt geschätzt, dass auf russischer Seite bereits 15.000 Menschen ums Leben gekommen seien. Aktuelle Angaben der offiziellen Stellen in Russland zu Totenzahlen gibt es nicht.

Das sagt Kiew

Einem hochrangigen Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zufolge unternimmt Russland eine »massive Verlegung« von Truppen in Richtung der drei südlichen Regionen Cherson, Melitopol und Saporischschja. Die ukrainischen Streitkräfte im Süden sagten, sie hätten in den vergangenen 24 Stunden 66 feindliche Soldaten getötet, drei Panzer und zwei Waffenlager zerstört. Russische Streitkräfte hätten die Stadt Mykolajiw mit mehreren Raketenwerfern angegriffen. Diese Angaben sind nicht zu überprüfen.

Russlands Präsident Putin

Russlands Präsident Putin

Foto: Mikhail Klimentyev / AP

Die Ukraine beschoss auch eine wichtige Brücke über den Fluss Dnipro bei Cherson. »Wir tun alles, um sicherzustellen, dass die Besatzungstruppen in unserem Land keine logistischen Möglichkeiten haben«, sagte Selenskyj in seiner Ansprache. Russische Beamte hatten zuvor erklärt, sie würden ihre Truppen mit Pontonbrücken und Fähren über den Fluss bringen. »Wir werden unser ganzes Land mit militärischen, diplomatischen und allen anderen zugänglichen Instrumenten befreien«, sagte Selenskyj. Nach der Rückeroberung werde alles wieder aufgebaut.

Der Berater Oleksyj Arestowytsch bestätigt zudem frühere Angaben prorussischer Kräfte, wonach das zweitgrößte Kraftwerk des Landes nun in russischer Hand sei.

Diplomatischer Vorstoß

Zum ersten Mal seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine will US-Außenminister Antony Blinken in den kommenden Tagen mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow sprechen. Dabei soll es um die Freilassung der US-Basketballerin Brittney Griner und ihres Landsmanns Paul Whelan gehen, sagte Blinken bei einer Pressekonferenz in Washington am Mittwoch. Auch die Einhaltung des neuen Abkommens zum Export von Getreide aus der Ukraine wolle der US-Außenminister ansprechen.

Blinken kündigte an, bei dem Gespräch mit Lawrow auch über die Einhaltung des neuen Abkommens zur geschützten Ausfuhr von Getreide aus der Ukraine sprechen zu wollen. »Ich werde auch die vorläufige Vereinbarung über Getreideexporte ansprechen, die die Ukraine, Russland, die Türkei und die Vereinten Nationen letzte Woche getroffen haben«, sagte der US-Chefdiplomat. »Die Vereinbarung ist ein positiver Schritt nach vorn, allerdings gibt es einen Unterschied zwischen einer Vereinbarung auf dem Papier und einer Vereinbarung in der Praxis.«

Auch in der Frage der russischen Beteiligung an der Internationalen Raumstation scheint das letzte Wort noch nicht gefallen. Russland wird sich nach Angaben der US-Raumfahrtbehörde Nasa doch bis mindestens 2028 weiter an der Internationalen Raumstation (ISS) beteiligen. Dies habe man von den russischen Kollegen erfahren, sagt die hochrangige Nasa-Managerin Kathy Lueders der Nachrichtenagentur Reuters. »Auf Arbeitsebene gibt es keinerlei Anzeichen dafür, dass sich etwas geändert hat«, sagt sie weiter. Roskosmos-Chef Juri Borisow hatte am Dienstag erklärt, Russland habe die Zusammenarbeit mit der Nasa gekündigt und werde sich nach 2024 aus der ISS zurückziehen.

DER SPIEGEL
jul/dpa/Reuters/AFP
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.