Evakuierung einer älteren Bewohnerin von Irpin

Evakuierung einer älteren Bewohnerin von Irpin

Foto: Vadim Ghirda / picture alliance/dpa/AP

Tagebuch aus Kiew, 28. März bis 3. April Die Zurückgelassenen

Trotz Krieg und Gräueltaten wollen viele ältere Menschen ihre Wohnungen nicht verlassen. Wie geht man mit ihnen um? Die Autorin Yevgenia Belorusets beschreibt für den SPIEGEL den Alltag in der ukrainischen Hauptstadt.
Montag, 28. März

Unendliche Kanonaden

Mein voriger Eintrag liegt eine Ewigkeit zurück. So scheint es mir zumindest. Ich habe zwar nur einen Tag verpasst, aber es fühlt sich an, als ob mir mein Deutsch entglitten ist und ich mich nicht mehr daran gewöhnen kann, Gedanken in dieser Sprache zu äußern. Russisch, Ukrainisch und Englisch mischen sich in meine innere Stimme, wenn ich über etwas nachdenke.

Die Zeit läuft manchmal zu schnell, dabei unterscheiden sich die Tage und Stunden rasant voneinander. Ein Gefühl der Sicherheit entsteht unter dem laufenden Beschuss und wird unerträglich. Die Sicherheit scheint aus gefälschten Materialien zusammengebastelt zu sein.

Zur Autorin
Foto: privat

Yevgenia Belorusets, Jahrgang 1980, ist Mitbegründerin der Zeitschrift für Literatur und Kunst »Prostory« und Mitglied der Kuratorengruppe Hudrada. Mit ihrer ukrainischen Heimat hat sie sich in mehreren Langzeitprojekten beschäftigt, von 2014 bis 2017 interviewte sie Bewohnerinnen und Bewohner in der Konfliktregion Donbass. Aus den Begegnungen ist das Buch »Glückliche Fälle« (Matthes & Seitz 2019) entstanden. Sie lebt in Kiew und Berlin und hat für den SPIEGEL in den ersten Kriegsmonaten ein Tagebuch aus der ukrainischen Hauptstadt geschrieben.

Eine Künstlerin, die Bekannte eines Freundes, lebt am Rand von Kiew. Sie erzählt, dass man in den Wäldern am Stadtrand den Beschuss viel lauter hört als hier im Zentrum. Es scheint, als finden die Kämpfe zwischen den Bäumen statt, als ob jemand jagen würde und auf jemand anderen schießt. Die Künstlerin dachte über diese von allen Seiten kommenden Audiobotschaften der Schüsse nach und überlegte sich eine Aktion: Sie legte sich auf einem Waldpfad auf den Boden und beschloss, ihren eigenen Tod einzuladen und zu akzeptieren. Mein Freund denkt, dass diese Aktion einen befreienden Sinn haben könnte.

Eine einsame Frau lehnt sich an einen Baum im leeren Park während eines Luftalarms

Eine einsame Frau lehnt sich an einen Baum im leeren Park während eines Luftalarms

Foto: Yevgenia Belorusets

Morgen sollen wieder einmal Gespräche zwischen ukrainischen und russischen Unterhändlern in Istanbul stattfinden. Vielleicht wurde Kiew deswegen den ganzen Tag lang beschossen. Schon früh am Morgen hörte ich unendliche Kanonaden, die eine Schusskomposition bildeten. Meine Mutter kam bei mir zu Hause vorbei, wir gingen spazieren. Wir erzählten einander ulkige Geschichten und malten uns aus, dass alle Explosionsgeräusche von unserer Luftabwehr stammten, die die Stadt beschützt. Dann aber hörten wir ein langes, tiefes und rollendes Dröhnen. Auf dem Himmel entstand eine weiße Linie, die einer Flugzeugspur ähnelte, dabei aber kurz und ungerade war. Es war die Spur einer Rakete. Wir hörten die Explosion.

Die Nachrichten schwiegen auch eine Stunde nach dem Einschlag. Seit einigen Tagen verspäten sich die Nachrichten über Angriffe und Treffer mehr und mehr. Es ist wichtig, dem Feind keinen Hinweis darauf zu geben, ob er uns verletzt hat. Ein Nebeneffekt davon ist, dass man kaum mehr weiß, wo man sich befindet. Wo und wann beginnt auch nur flüchtige Sicherheit, und wo sie hört auf? Es bleiben die Nachrichten in den Telegram-Kanälen: »Viele Kiewer berichten über Explosionen. Wir aber möchten jetzt nichts Genaueres dazu schreiben«, heißt es dort.

Bei Gesprächen in der Stadt erfährt man mehr. An dem Kiosk, wo es einen der besten Espressos in Kiew (und überhaupt) gibt, arbeitet ein junger Barista, der mir anvertraute, dass nur 15 Minuten Laufweg von seinem Haus entfernt Hochhäuser beschädigt wurden. Das berichtete er mit einer Intonation, die man benutzt, um mit leichter Ironie über das schlechte Wetter zu reden.

Eine gute Freundin und Menschenrechtlerin ist jetzt in Tscherniwzi im Südwesten der Ukraine, dorthin ist auch endlich ihr Freund gekommen, der zu Fuß aus Mariupol geflohen ist. Die Bewohner von Mariupol versuchen immer wieder, die Stadt ohne Auto und nur mit dem Nötigsten bepackt in Richtung Berdjansk zu verlassen, wo sie abgeholt werden. Oft kommen Nachrichten, dass diese Fußgänger unterwegs erschossen werden. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man von so etwas erfahren kann und nicht sofort etwas Wirksames unternimmt, um diese Verbrechen zu stoppen. Eine kollektive Psychose durchzieht gerade russische Medien, verbunden mit einem offensichtlichen Genuss der Straflosigkeit und der Fähigkeit, die mächtigsten Länder in Angst zu versetzen.

Ich bin von einem Anruf geweckt worden. Eine junge Frau, die 2014 fast ein Kind war, ist seit jenem Jahr auf der Flucht. Sie weinte und sagte am Telefon, dass sie ihre neue Heimat, die Stadt Slowjansk im Osten der Ukraine, sehr liebt und sie nie verlassen würde. Von Bekannten habe sie meine Telefonnummer bekommen, um sich über mögliche Fluchtwege zu beraten. Ich hörte ihre zarte, hohe Stimme und spürte, wie unvereinbar diese Stimme mit der Luftabwehr und den Schussgeräuschen ist, die aus dem Hintergrund meines Alltags kamen, gedämpft von den dicht geschlossenen Fenstern.

Dienstag, 29. März

Inseln der temporären Ruhe

Dieses Tagebuch begann ich mit dem Plan, es nicht allzu lange zu führen, weil der Krieg, wie ich annahm, nur wenige Tage dauern würde. »Es kann doch nicht sein«, dachte ich, »dass so ein Krieg nicht sofort aufhört. Er bringt niemandem etwas! Die Verluste sind viel höher, als man denkt.« Die Verluste der Ukraine, Russlands und der ganzen Welt wurden schon am ersten Tag riesig, jede weitere Stunde fühlte sich unangemessen und überflüssig an.

Das Wichtigste ist, sich nicht umzudrehen und nicht über alles, was wir erleben, in umgekehrter Perspektive zu denken. Jeder Tag im Krieg ist wie eine gefährliche Krankheit, von der man dringend geheilt werden muss. Wenn ich aufwache, schaue ich mit hungriger Neugierde die Nachrichten an und erwarte, dass etwas sich verschiebt und endlich die Werte von früher wiederhergestellt und für gültig erklärt werden. Es kann doch nicht sein, denke ich, dass die Welt einfach zuschaut, wie die Bewohner von Mariupol deportiert oder in den Schutzbunkern umgebracht werden; dass die Menschen in Tschernihiw für Tage ohne Lebensmittellieferungen sich selbst überlassen werden; dass es so viel Tod, Vergewaltigungen, Plündereien und wieder Tod gibt.

Während die Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine in Istanbul andauern, warten Menschen in Kiew auf das Ende des Luftalarms

Während die Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine in Istanbul andauern, warten Menschen in Kiew auf das Ende des Luftalarms

Foto: Yevgenia Beloruset

Die Zärtlichkeit des Lebens wird auf den Inseln der temporären Ruhe bewahrt. Und das scheint mir heute frech, unerklärbar zu sein. Sogar die Soldaten, die offenbar bereits an der Front waren, scheinen, wenn ich sie im Zentrum von Kiew treffe, trotz der Waffen immer noch ihre früheren Berufe in sich zu spüren. »Was waren Sie vor dem Krieg?«, frage ich und höre: Anwalt, Mechaniker. Dann bitten sie mich, wenn ich sie fotografiert habe, die Fotos zu löschen. Ich tue es immer. Nach dem Krieg wird mein Archiv fast gar keine Bilder von Soldaten oder Ruinen enthalten.

Am frühen Abend traf ich an der Chreschtschatyk-Straße eine ältere Dame, die langsam ging, weil ihre kleine Einkaufstasche zu schwer war. Wir liefen eine Weile in die gleiche Richtung, dann sprach sie mich an. »Haben Sie von den Verhandlungen gehört?«, fragte sie. So nüchtern und schnell, wie die alte Dame sprach, wirkte sie wesentlich jünger, als ihre gebeugte Haltung andeutete. Sie meinte die Gespräche zwischen Vertretern von Russland und der Ukraine in der Türkei. »Wie kann man ihnen glauben? Denken Sie, dass Leben gerettet werden können? Nach einer Pause werden sie uns doch wohl wieder angreifen.« Den letzten Satz sprach sie so enttäuscht aus, dass ich gleichzeitig eine Hoffnung in ihrer Stimme bemerkte. Sie gehörte zu denen, die immer noch sicher sind, dass dieser Krieg unmöglich ist und schnell verschwinden wird, wie ein Traum.

Der heutige Tag begann mit einer Nachricht aus Mykolajiw im Süden der Ukraine. Die Stadtverwaltung wurde beschossen, ein Riesenloch klaffte in einem Haus. Ein Geschoss hat aus der Mitte der zusammenhängenden Gebäude etwas herausgerissen, als ob eine destruktive Kraft auf der Suche nach einem Organ war, das das Stadtleben beenden könnte. Warum verbreiten sich solche Bilder so leicht? Sie vermitteln etwas Unmenschliches, ein Ausmaß der Zerstörung, das zeigt, was gerade passiert, und in den Dimensionen der Abstraktion den fremden Schmerz deutlich macht. Erst am Abend wurde klar, dass bislang zwölf Menschen unter diesen Trümmern ums Leben gekommen sind. Die Suche läuft weiter.

Nach dem Ende der Verhandlungen erlebte ich kurzfristig eine Euphorie. Ich dachte, es ist ein Schritt in die richtige Richtung, einige Städte werden jetzt sicherer, auch Kiew. Es bedeutet mehr gerettete Leben.

Als die Verhandlungen andauerten, war immer wieder Luftalarm zu hören. Auf der Straße sah ich im Vorbeigehen Menschengruppen, die nicht wagten, die Läden zu verlassen, in denen sie eingekauft haben. Sie warteten ab, bis der Alarm abgestellt wurde.

Ich schreibe und höre das Heulen der Sirenen.

Vorgestern traf ich eine ältere Dame, die in Kiew etwas ziemlich Exotisches organisiert und geleitet hat: ein Mode-Theater. Sie atmete schwer, lief hinter mir und sprach mich an, weil ich mich mehrmals zu ihr umgedreht hatte. Jeden Tag geht sie fünf Kilometer zu Fuß, um an einer Baustelle Tiere zu füttern, deren Besitzer die Stadt verlassen haben. Es sind mehrere Hunde und Katzen, die sich an einem Ort verstecken. Sie wurden in Panik und Eile in Kiew zurückgelassen und warten jetzt auf die Menschen, bei denen sie lebten und die sie vermissen.

Die Dame erzählte mir, wie sie am Anfang des Krieges sah, dass ein Auto beladen mit Koffern und Taschen wegfuhr und einen Hund zurückließ. Ein Junge weinte und bat seine Mutter, das Tier mitzunehmen. Sie sagte aber streng ab. Der Hund, der ein goldenes Fell hatte, lief lange neben dem Auto her, um es einzuholen. Nachdem die Dame diese Szene mitangesehen hatte, entschied sie sich, die Straßentiere von Kiew mit Futter zu versorgen.

Abends, als ich nach Hause ging, traf ich eine hübsch gekleidete Frau, die fünf Hunde mit sich führte und diese scherzend ansprach. Sie erklärte mir, dass diese Hunde und zwei Katzen, die zu Hause auf sie warten, der einzige Grund seien, weshalb sie Kiew nicht verlassen habe. Es sei nicht leicht, mit so einer Riesengesellschaft zu verreisen, sagte sie. Sie sah glücklich aus.

Mittwoch, 30. März

Im Nervenzentrum der Katastrophe

Das Zimmer, in dem ich aufgewachsen bin, entspricht nicht mehr dem Leben, das ich führe und das sich draußen vor dem Fenster abspielt. Ich schaue mich um, es sieht aus wie ein Kinderzimmer, das man vor langer Zeit verlassen hat. Und jetzt muss ich wieder hier übernachten. Der Raum erzählt von dem Frieden wie von etwas, was man als »Erwachsener« nicht mehr ernst nehmen kann. Im Regal stehen Bücher auf Russisch, Deutsch, Ukrainisch und Englisch, es wirkt, als stamme es aus einem anderen Jahrzehnt. Seit Beginn des Krieges konnte ich nur selten ein Buch öffnen, und wenn ich es getan habe, las ich nicht mehr als zwei, drei Seiten hintereinander.

Das Wort »Krieg« bleibt im Krieg noch weniger verständlich als in Friedenszeiten, wenn man es anders benutzt. Das, was um mich herum gerade passiert, der ständige Beschuss und die Warnungen, die ich höre, all das soll Krieg heißen. Dabei scheint diese Bezeichnung doch sinnlos zu sein, denn während des Krieges zerfällt die Realität in Teile, Inseln, Stücke. Neben der Kiewer Wohnung meiner Bekannten werden ständig Wohnungen und Häuser beschädigt. In ihrem Mehrfamilienhaus fehlt in vielen Fensterrahmen das Glas, nachdem es von Detonationswellen zerbrochen wurde. Es ist gefährlich, ihren Bezirk zu besuchen. Nicht nur beschädigte Häuser und Autos sind da zu sehen, auch Minen und Sprengstoff sind in kleinen Parkanlagen verbreitet. In den Häusern in meiner Umgebung ist dagegen nur selten etwas derart stark zerstört, ich kenne nur zwei, drei Richtungen, die in eine Gefahr hineinführen, wenn man mehr als 30 Minuten läuft.

Eine Kiewer Freundin schläft seit dem Beginn des Krieges nachts überhaupt nicht, die Einschläge sind zu nahe und sie hat das Gefühl, dass ihr Haus jederzeit beschädigt werden könnte. Sie bekommt Panikattacken, hat Herzschmerzen, bleibt aber in Kiew und verteilt freiberuflich Medikamente und Hilfsgüter. Ich dagegen bin oft während des Luftalarms auf der Straße und schlafe irgendwann in der Nacht doch ein.

Ukrainischer Soldat an einem Kontrollposten am Rand von Kiew

Ukrainischer Soldat an einem Kontrollposten am Rand von Kiew

Foto: SERGEI SUPINSKY / AFP

Diese Zerrissenheit der Erfahrungen zeigt auch hier in Kiew, dass der Krieg und die Katastrophe ein lokales Nervensystem besitzen. Es fällt mir schwer nachzuvollziehen, was woanders passiert, hinter den Grenzen meines Bezirks, den ich so selten verlasse.

Lissitschansk ist eine Stadt im Osten der Ukraine, eine kleine Stadt, die an Sjewjerodonezk grenzt. Sjewjerodonezk wurde, nach der Besetzung von Luhansk, zu einem neuen administrativen Zentrum der ganzen Oblast Luhansk. Lissitschansk blieb eine fast unsichtbare Kleinstadt, deren Existenz meistens mit der langsam sterbenden Kohleindustrie zusammenhängt. Ich habe diese Stadt in den vergangenen Jahren mehrmals besucht, um an Fotoserien über die Bergwerke der Gegend zu arbeiten. In Gedanken nannte ich diesen Ort »Die Stadt des Fuchses«, weil man das Wort Fuchs (Lissa) sehr deutlich in dem Ortsnamen hört.

Als ich dort unterwegs war, schien ganz Lissitschansk vom Krieg zwischen 2014 und 2015 traumatisiert worden zu sein. Ich hörte Geschichten über wundersame Rettungen, mehrere Menschen berichteten mir in unterschiedlichen Variationen von einer inneren Stimme, die ihnen geholfen habe, unter Beschuss dem Tod zu entkommen.

Der Krieg war schrecklich und hat die Stadt eingeschüchtert. Für die Bewohner von Lissitschansk, die ich traf, wurde jede Form von Protest unvorstellbar, obwohl das Recht auf Protest zu der politischen Kultur der Ukraine gehört und unter Bergarbeitern eine lange Geschichte hat. Ich wohnte in dem einzigen Privathotel dieser Stadt und dort, im Hotelzimmer, erlebte ich meine erste große Angst vor Grad-Systemen und Raketen, und das, obwohl ich bereits in vielen Städten des Donbass unterwegs gewesen war.

Es war ein später Abend im Jahr 2015. Nach dem Gespräch mit der Rezeptionistin, die mir erzählte, wie sie ihre Enkeltochter während eines Angriffs mit dem eigenen Körper für mehrere Stunden bedeckte, ging ich ans Fenster meines Zimmers und hörte ein weites, aber deutliches Brüllen. Es erinnerte an ein langes Windrauschen mit metallischen Klängen. Es schien sich zu nähern. Die Frau an der Rezeption erklärte mir, das seien die Geräusche von Raketen, man könne sich kaum verstecken, wenn so eine Attacke kommt. Ich spürte damals einen unheimlichen, fast panischen Wunsch, diese Stadt sofort zu verlassen. Schließlich konnte ich mich doch beruhigen und davon überzeugen, meine Interviews weiterzuführen.

Jetzt erfahre ich, dass die Stadt des Fuchses unter Beschuss steht. Früh am Morgen wurden Plattenbauten beschossen und fielen in sich zusammen, wie Kartenhäuser. Etwas Konkretes erfahre ich über eine Familie: Die Eltern sind verletzt, werden aber überleben. Zwei kleine Kinder wurden so schwer verletzt, dass man nicht mehr weiß, ob man sie noch retten kann. Möglicherweise müssen Beine amputiert werden. Der Beschuss dauert an, während ich diesen Text schreibe.

Fast keine meiner Freunde sind je in dieser Stadt gewesen, es ist eine hermetisch abgeschlossene Welt der Bergarbeiter und deren Alltagskultur. Meine Facebook-Timeline schweigt über die Bombardierungen von Lissitschansk.

Nach den Gesprächen mit Russland hieß es, die Kriegshandlungen würden sich auf die Donbass-Region konzentrieren. Das bedeutet für mich, dass Städte angegriffen werden, die kaum besucht wurden, über die niemand viel weiß und die schon lange unter dem von Russland initiierten Krieg leiden.

Freitag, 1. April

Eine veränderte Stadt

Regelmäßig zu schreiben wird schwerer und schwerer. Der Tag meiner Abreise nähert sich, und dieser Eintrag könnte mein letzter sein, bevor ich Kiew verlasse. Ich fahre weg, um für meine Verwandten woanders eine Wohnmöglichkeit zu organisieren, und um dieses Tagebuch mit den Fotos für eine Gruppenausstellung vorzubereiten.

Danach möchte ich zurückkehren. Ich versuche, die Ziele meiner Abreise nicht wieder und wieder zu hinterfragen. Schon zweimal änderte ich meine Pläne und blieb trotz der im Voraus gekauften Tickets doch in Kiew.

Auf dem Weg zum Lebensmittelgeschäft tauchte aus dem Nebel ein Auto auf, gefüllt mit Schutzwesten. Die Westen wurden für die ukrainische Armee von einer ehrenamtlichen Initiative in die Stadt gebracht.

Auf dem Weg zum Lebensmittelgeschäft tauchte aus dem Nebel ein Auto auf, gefüllt mit Schutzwesten. Die Westen wurden für die ukrainische Armee von einer ehrenamtlichen Initiative in die Stadt gebracht.

Foto: Yevgenia Belorusets / DER SPIEGEL

Wenn ich durch die Stadt laufe, bemerke ich große Veränderungen. Jeden Tag öffnet eine neue Tür, ein neues Kaffeehaus, eine neue Bäckerei oder ein Lebensmittelladen. »Neu« bedeutet in diesem Fall wiedereröffnet, aber in meinen Vorstellungen wurde das frühere Stadtleben unterbrochen und alles, was jetzt wieder zu existieren beginnt, startet von Anfang an, blickt mit den Schaufenstern und geöffneten Türen auf eine absolut andere Realität.

Als ob die ganze Stadt mit ihren Straßen, Straßenbahnen, Kurven und Sorgen an einen anderen Ort übergesiedelt ist, und die meisten Spaziergänger und Passanten an der vorigen Station ausgestiegen sind. Und jetzt, da diese große kollektive Reise stattgefunden hat, ist es besonders schwer, selbstständig woanders hinzufahren. »Außerdem wächst hier die Sicherheit mit jedem weiteren Tag« – mit diesem Gedanken versuche ich, mich selbst zu überzeugen.

Gestern am Abend wollte ich ein Foto aus meinem Archiv für einen kurzen Radiobeitrag aussuchen. Ich hatte vor, von einer kleinen Zentrale für Ehrenamtliche zu erzählen, die drei Frauen gegründet hatten, die ich besucht hatte. Aber es fand sich kein einziges nützliches Bild. Die drei Frauen – Freundinnen einer Freundin von mir – packten Körbe und Plastiksäcke mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln voll. Sie heißen Olga, Katia und Yevgenia, und wenn sie arbeiten, bewegen sie sich so blitzartig schnell und dabei graziös, dass es eine undurchführbare Aufgabe ist, mithilfe der Fotografie über ihre Arbeit zu berichten. Olga unterrichtete vor dem Krieg Tanz, sie hat in Kiew eine Flamenco-Schule gegründet.

Die Ehrenamtszentrale operiert von einem Teil eines Schutzbunkers aus, alle Wände sind in grellem Blau gefärbt. Ich war bewegt von diesem Rahmen in schrillem Blau, den die Wände und Türschwellen bildeten, und versuchte, wenigstens beim Abschied ein Foto zu machen. Dann aber drehte sich Olga schnell um, unabsichtlich aber anscheinend unvermeidlich, und schon war auf dem Bild nur ihre Bewegung zu sehen.

Mehrmals wiederholte Olga den Satz: »Solche Ehrenamtszentralen gibt es jetzt in jedem Kiewer Hof! Die Idee ist, dass manche von denen auch nach dem Krieg weiter funktionieren werden.« Viele Menschen, die in Kiew geblieben sind, würden ohne solche Initiativen die Zeit des Krieges kaum überleben: Mütter mit kleinen Kindern, die sie nicht allein lassen können; ältere, einsame Menschen, die kaum ihre Wohnungen verlassen und Medikamente benötigen. Diese ganze Arbeit wird auf Telegram-Kanälen koordiniert, wo Hilfsanfragen veröffentlicht werden.

Ich war selbst bei einigen solcher Telegram-Kanäle angemeldet und sah, wie schwer es zeitweise gewesen ist, zwischen dem rechten und linken Dnepr-Ufer Medikamente zuzustellen. Die ganze Stadt hat im Lauf des Krieges eine andere Form bekommen, die Abstände müssen immer wieder neu vermessen und interpretiert werden.

Der Nebel, bemerkte ich heute, ist die Fortsetzung der Nacht und ihrer Dunkelheit am Tag. Das Licht wird weiß und dicht und verlängert den vergangenen Tag. Ich fühlte mich heute so, als ob ich mit einem Fuß noch im Gestern stehe.

Irgendwann auf meinem Weg zum Lebensmittelgeschäft tauchte heute aus dem Nebel ein Auto gefüllt mit Schutzwesten auf. Die Westen wurden für die ukrainische Armee von einer weiteren ehrenamtlichen Initiative in die Stadt gebracht. Sie sind von einer Frau angefertigt worden, die selbst flüchten musste. An ihrem neuen Wohnort organisiert sie die Produktion der Schutzwesten. Durch eine Gruppe ihrer Freunde und Bekannten werden die Westen jetzt nach Kiew und Umgebung geliefert.

Meine Gedanken gleiten an diesen Treffen entlang und fallen dann doch in eine Kluft. Eine junge Pädagogikstudentin, die erst 19 war und Anastasia hieß, versuchte gestern früh mit Lebensmitteln nach Chernihiv zu gelangen. Die Stadt liegt neben Kiew, es ist eine der schönsten Städte der Ukraine, mit Kathedralen und Klöstern, die teilweise aus dem 11. Jahrhundert stammen, und wo es jetzt in vielen Bezirken keine Elektrizität, keine Lebensmittel und kein Wasser mehr gibt. Sie hatte einen kleinen Bus mit Brot und Medikamenten beladen, es war offensichtlich ein ziviles Fahrzeug, wurde aber auf dem Weg nach Chernihiv beschossen. Anastasia starb. Zusammen mit ihr ist ein Klassenkamerad eines guten Freundes ums Leben gekommen. Auf Fotos, die ich später sah, stand der kleine, einstmals weiße Bus krumm in der Mitte der Straße, schwarz vom Feuer, durchbohrt von Schüssen.

Samstag, 2. April

Das Lachen kehrt zurück nach Kiew

Eine Freundin schickte mir ein Foto. Darauf war die Hand ihres Mannes zu sehen, auf der kleine, wellenförmige Metallstückchen lagen. Sie schrieb dazu: »Das ist Grad«. Grad, das ist der Name eines der lebensgefährlichsten Raketenwerfsysteme Russlands. Die weiche Handfläche auf dem Foto trug einen leichten rosafarbenen Stich. Und wenn ich sie mir ansehe, denke ich an die Familie meiner Freundin, eine Künstlerin, die ich gut kenne. Sie heißt Alevtina Kakhidze. Ihre Mutter ist vor einigen Jahren auf der Grenze zwischen den besetzten Teilen des Donbass und der von der Ukraine kontrollierten Gebieten ums Leben gekommen. Wie viele alte Menschen musste ihre Mutter damals eine mehrstündige, kräftezehrende und erniedrigende Reise über die neue Grenze unternehmen, um ihre Rente auf ukrainischen Boden abholen zu können. Ihre letzte Reise durch die Checkpoints hat sie nicht überstanden.

Aus ihren Ersparnissen hat Alevtina für ihre Mutter eine kleine Wohnung in Irpin gekauft, um sie zu überzeugen, die gefährliche Gegend zu verlassen. Die Mutter zögerte aber mit der Entscheidung, weil sie ihren Garten und die Umgebung so liebte.

Ihre Mutter lebte in einer kleinen Stadt, Zhdanovka. Wegen ihres Gartens wollte sie die Stadt nicht verlassen. Als sie noch am Leben war, hat sie ihrer Tochter über das Leben während der Besatzungszeit erzählt, und die Tochter verwandte ihre Worte in Zeichnungen. Davon abgesehen war nach dem Jahr 2014, nach dem Beginn der russischen Besatzung, wenig über die Stadt zu hören.

Ein schiefer Baum in Kiew, ähnlich krumme, windschiefe Bäume wachsen in Toretsk im ukrainisch kontrollierten Donbass.

Ein schiefer Baum in Kiew, ähnlich krumme, windschiefe Bäume wachsen in Toretsk im ukrainisch kontrollierten Donbass.

Foto: Yevgenia Belorusets

Als ich die Hand auf dem Foto sah, beunruhigte mich die Erinnerung an eine andere Stadt, Toretsk. Es ist eine kleine Stadt im ukrainisch kontrollierten Donbass, wo ich mehrmals war, um zusammen mit einer Familie, die zur örtlichen Roma-Gemeinde gehörte, eine Fotoserie zu entwickeln. Ich kannte diese Stadt nur zu Kriegszeiten, es ist die letzte von der Ukraine kontrollierte Stadt vor der Grenze zu den besetzten Gebieten. Jenseits der Grenze liegt Horlivka, etwas größere und lebhaftere Stadt, die vor dem Krieg sehr eng mit Toretsk verbunden war. Viele Menschen lebten in Toretsk und arbeiteten in Horlivka.

In Toretsk wachsen merkwürdige Bäume. Entweder standen sie etwas grob und seltsam beschnitten da, sodass die langen und dünnen Zweige aus dem abgehakten, hohen Baumstamm emporragten; oder es waren jüngere und dünnere Bäume, die trotz der Geometrie der Straßen immer wieder radikal schräg wachsen wollten, als ob sie die Straße während der Drehung der Erde zu überholen versuchten. Die Mitglieder der Roma-Gemeinde von Toretsk lebte eng beieinander, in kleinen netten Häuschen am Stadtrand. Immer wenn ich sie besuchte, spürte ich etwas Feierliches in der Luft. Die Gefahr war immer nah, und doch haben viele von ihnen bei der Arbeit Musik gehört und gelacht. In ihrem Lachen zerfielen die weit entfernten Explosionen der andauernden Kämpfe. Ich war so neugierig und sogar glücklich, dass ich in Toretsk nie große Angst vor der nahen Kriegsgewalt hatte.

Kristina Belous spielte eine wichtige Rolle in der Gemeinde, sie hat eine juristische Ausbildung und ist Mutter von zwei eigenen und drei adoptierten Kindern. Bis heute ist sie mit ihrer ganzen Familie in Toretsk geblieben. Wir telefonierten, und sie erzählte mir, dass die Ortschaft Verkhnotoretske (Oberer Toretsk) nur noch aus Ruinen bestehe. Anfang Februar bekam sie panische Nachrichten von einigen Menschen, die in dieser Ortschaft lebten. Man konnte aber nichts tun. Die Ortschaft gehörte seit 2014 zu der grauen Zone des Konflikts und wurde von keiner Seite kontrolliert.

Die Tochter ihrer Freundin, die 16 Jahre alt ist, wohnte da bei ihren Großeltern. Vor einer Woche machte sie sich auf dem Weg und lief tagelang zu Fuß durch Wälder, Sümpfe und Felder, um die russischen Checkpoints zu umgehen. Sie hatte nichts bei sich, übernachtete allein in der kalten Dunkelheit irgendwo auf dem Weg und hörte, wie die Artillerie beinahe pausenlos grummelte. Sie berichtete, dass kein Haus in ihrem Dorf den Beschuss heil überstanden hat, sie weiß auch nicht, ob noch jemand am Leben ist. Das Mädchen ist so schockiert, dass sie kaum sprechen kann. Sämtliche Telefonnummern von Verkhnotoretske schweigen, man bekommt keine Verbindung mehr mit den Menschen aus dieser Ortschaft.

Ich war nie im Oberen Toretsk, ich kann mir diese Siedlung kaum vorstellen. So sind viele Ortschaften und Städte im ukrainischen Osten, deren Namen kaum in den Nachrichten erwähnt werden. Die Menschen sprechen dort meistens Russisch und zugleich Ukrainisch, seit 2014 finden auf den besetzten Gebieten Kriegsverbrechen statt. Und jetzt befinden sich die Städte auf der ukrainischen Seite des Donbass in neuer Gefahr. Russland behauptet, man wolle sich auf den ukrainischen Osten konzentrieren, und so wählen die Angreifer für ihre nächsten Verbrechen jene Teile des Landes, die bereits stark gelitten haben.

In Kiew hört man manchmal am Abend wieder Lachen auf den Straßen. Die Stadt wird aber immer noch täglich mit Raketen attackiert. Jetzt, da ich diesen Text korrigiere, ist wieder der Luftalarm wieder zu hören.

Viel schlimmer ist es, wenn nicht nur Raketen, sondern auch Artilleriebeschuss stattfindet und die russische Armee einmarschiert. Die ganze Welt schaute sich beinahe sprachlos die Bilder aus Butscha an. Irpin und Butscha waren die Ortschaften, in denen sich Binnenflüchtlinge aus der besetzten Krim und dem Donbass oft Wohnungen gekauft und gemietet haben. Dort konnte man günstiger Leben und nach Kiew zur Arbeit fahren.

Ich bitte meine Leserinnen und Leser, alle, die in ihren Gedanken in diesem Moment bei uns sind, sich die unbekannten Ortsnamen aus der Ukraine einzuprägen. Es sind immer Städte und Dörfer, wo sich niemand eine Katastrophe von solchem Maßstab vorstellen konnte. Sehr oft sind es Orte, wo Menschen ein neues Leben mit der Hoffnung auf ein neues Zuhause begonnen haen. Diese Orte gehören uns allen. Die Verantwortung für ihre Sicherheit gehört der ganzen Welt. Auch der Schrei nach Rettung ist immer an die ganze Welt gerichtet.

Der Himmel über die Ukraine muss geschützt werden. Und wenn internationale Politiker und Staatschefs zu vorsichtig sind, um es zu tun, dann können sie uns wenigstens die Mittel verschaffen, damit wir selbst es tun können.

Sonntag, 3. April

Eine Stadt versinkt in Blut

Ein junger Mann, der an einer bipolaren Störung leidet und sein ganzes Leben zusammen mit seiner Oma in Butscha lebte, einer Kleinstadt nordwestlich von Kiew, ging zu Fuß in die Hauptstadt, weil seine Oma vor dem Hauseingang von russischen Soldaten erschossen wurde. Er hat sein Zeitgefühl komplett verloren und weiß nicht mehr, wie lang er unterwegs war. Einige Tage wohnte er in Kiew am Bahnhof und lernte einen Polizisten kennen, der ihn zu Bekannten von mir gebracht hat, in eine Ehrenamtszentrale in Kiew.

Eine Frau konnte tagelang aus Irpin nicht evakuiert werden. Auf Anrufe ihrer Tochter, die im Ausland war, reagierte sie nicht mehr. Ihre Freunde versuchten vergebens, die Frau zu überzeugen, Irpin zu verlassen. Es gab im Haus bereits keine Elektrizität mehr, kein Wasser, aber die Frau blieb. Auch ihre Nachbarn weigerten sich, das Hochhaus zu verlassen. Sie haben versucht, die zurückgelassenen Haustiere zu unterstützen und anderen Bewohnern, die ebenfalls geblieben sind, behilflich zu sein. Aber die Situation in der Stadt wurde unerträglich. Mit einem der letzten Evakuierungstransporte sollten die Nachbarn wegfahren und die Frau mitnehmen. Als sie zu ihrer Wohnung kamen, war die Tür verschlossen. Sie redete mit den Nachbarn durch die geschlossene Tür, ließ sich aber nicht überzeugen. Zum Glück hat sie die Besatzung von Irpin überlebt.

Ein Spielplatz neben meinem Haus, der mich an die Spielplätze in Butscha erinnert.

Ein Spielplatz neben meinem Haus, der mich an die Spielplätze in Butscha erinnert.

Foto: Yevgenia Belorusets

Der Vater einer guten Freundin lebt mit seiner Frau in Charkiw. Als der Krieg begann, haben sie eine ehrenamtliche Initiative gestartet und Medikamente verteilt. Meine Freundin bat ihre Eltern immer wieder, die Stadt zu verlassen. Sie blieben aber da und haben vielen Menschen geholfen. Während der Beschuss und die Bombardierungen heftiger wurden, verschwand der Vater meiner Freundin plötzlich. Erst Tage später wurde er gefunden. Er hatte einen paranoiden Anfall und sah überall nur Feinde, Tod und Zerstörung. Selbst seiner Frau, seinen Kindern und seinen Freunden glaubte er nicht mehr. In diesem von Misstrauen berauschten Zustand hat er die russischen Positionen erreicht und wurde verwundet. Zwei oder drei Kugeln wurden aus seinem Körper entfernt. Er wird überleben.

Jetzt höre ich manchmal den beiläufigen Satz, diese oder jener wurde verletzt. Schüsse und Kriegsverletzungen sind fast legitimierte Schäden in den Vorstellungen über das mögliche gesundheitliche Unglück.

Butscha versank in Blut (lesen Sie hier mehr über die Hintergründe ). Wenn man hört, dass jemand in dem Ort überlebt hat, ist es ein Wunder. Der Diktator behauptet, wir seien nicht einfach verwandte Völker, wir seien sogar »ein Volk«. Aber wenn man sieht, was die russische Armee hier tut – tote, vergewaltigte Frauen liegen in Butscha und Irpin am Straßenrand, tote Kinder –, dann versteht man sofort: Es geht um ein genozidales Verbrechen gegen jene, die man entmenschlicht hat.

Die Straßen von Kiew waren heute besonders still. Die wenn auch nur kleine, sogar gestern noch spürbare Freude der Wiederkehr des Lebens, war weg. Die Stadt trauerte auf eine unbewegliche menschenleere Weise. Manchmal hörte ich sehr leise ausgesprochene Wörter: Brüdergräber, Massengräber.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.