Am Bahnhof traf ich eine junge Frau mit einem Baby

Am Bahnhof traf ich eine junge Frau mit einem Baby

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Yevgenia Belorusets

Tagebuch aus Kiew, 21. bis 26. März Verletzungsgefahr!

Die Autorin Yevgenia Belorusets beschreibt für den SPIEGEL den Alltag in der ukrainischen Hauptstadt. So hat sie den 21. bis 26. März erlebt.
Montag, 21. März

»Kiew wird wie Berlin sein, genauso sauber!«

Blass vor Spannung starrte mich ein Mann an. Es war ein älterer Herr mit einem gebundenen großen Besen, neben ihm standen drei große Säcke mit Straßenmüll, ein Hausmeister, den ich hier in der Nähe noch nie getroffen habe. Er bemerkte, dass ich ihn fotografieren wollte. Nach einer Weile näherte er sich und fragte mich, ob ich »für den Feind arbeite«. Ich zeigte ihm meine Akkreditierung als Journalistin und meinen Pass und fragte ihn, warum er in Kiew geblieben sei. Mit meinen Dokumenten war er zufrieden. Er lehnte sich nach vorn, sein Gesicht wurde groß wie in einer Nahaufnahme. Dann sprach er zu mir vertraulich, aber auch im Ton einer offiziellen Ankündigung: »Ich bin stolz, in diesen schweren Tagen hier in Kiew zu sein und für die Sauberkeit unserer Stadt zu sorgen!« Er fügte hinzu: »Kiew wird wie Berlin sein, genauso sauber! Das werden wir erreichen.«

Zur Autorin
Foto: privat

Yevgenia Belorusets, Jahrgang 1980, ist Mitbegründerin der Zeitschrift für Literatur und Kunst »Prostory« und Mitglied der Kuratorengruppe Hudrada. Mit ihrer ukrainischen Heimat hat sie sich in mehreren Langzeitprojekten beschäftigt, von 2014 bis 2017 interviewte sie Bewohnerinnen und Bewohner in der Konfliktregion Donbass. Aus den Begegnungen ist das Buch »Glückliche Fälle« (Matthes & Seitz 2019) entstanden. Sie lebt in Kiew und Berlin und hat für den SPIEGEL in den ersten Kriegsmonaten ein Tagebuch aus der ukrainischen Hauptstadt geschrieben.

Er erzählte mir, dass er einige Zeit außerhalb von Berlin gelebt hatte, in Bernau: »Eine sehr nette kleine Stadt, die so viel Geschichte erlebt hat. Sie war sogar ein Teil der DDR. Großartige Menschen!« Ich wurde neugierig. Jeden Tag sehe ich, wie Kiew umsorgt, sauber gemacht, repariert wird. Neben allen zerschossenen, zerstörten Türen und Fenstern sehe ich Menschen mit Sperrholz, die die zerbrochenen Hüllen der Stadt zudecken und konservieren. Damit wir eines Tages an diesen Stellen wieder richtige Scheiben, Türen und Schaufenster installieren können.

Der Hausmeister wollte noch mehr über Berlin und Bernau erzählen, über die Großzügigkeit der Menschen dort, wie viel sie für andere tun würden. Einige seiner weiteren Verwandten hätten dort eine Zuflucht gefunden. Dann traten zwei Mitglieder der Territorialverteidigung an uns heran. Ich sollte wieder meine Akkreditierung und meinen Pass zeigen. Sie schauten besorgt auf meine Kamera und baten mich mehrmals, vorsichtig zu sein, wenn ich die Bilder veröffentliche.

Am Bahnhof traf ich eine junge Frau mit einem Baby. Sie fragte mich, ob ich wisse, ob es einen Zug nach Tscherniwzi im Süden gebe, nicht weit von der Grenze nach Rumänien. Sie hoffe, sich dort in Sicherheit zu bringen. Dann wurde ihr Gesicht plötzlich traurig: »Aber meine Mutter ist dageblieben. Sie wollte nicht wegfahren! Ich will zurück! Ich will nach Hause!«

Am Bahnhof traf ich eine junge Frau mit einem Baby. Sie fragte mich, ob ich wisse, ob es einen Zug nach Tscherniwzi im Süden gebe, nicht weit von der Grenze nach Rumänien. Sie hoffe, sich dort in Sicherheit zu bringen. Dann wurde ihr Gesicht plötzlich traurig: »Aber meine Mutter ist dageblieben. Sie wollte nicht wegfahren! Ich will zurück! Ich will nach Hause!«

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Yevgenia Belorusets

Ich habe gesehen, dass die Beschüsse von gestern, die mich so erschreckt haben, offenbar auf ein TikTok-Video zurückzuführen sind. Auf dem Video sind ukrainische Panzer zu sehen, der Clip dauert nur wenige Sekunden. Weil es die Angreifer womöglich auf diese Panzer abgesehen hatten, wurden ein riesiges Wohnhaus und ein großes Einkaufszentrum zu verbrannten schwarzen Gerippen. Dabei waren die Panzer, die im Video kurz im Hintergrund zu sehen waren, zur Zeit des Bombardements längst nicht mehr da. Die Wohnungen in dem Haus mit ihren kleinen, privaten und verdeckten Welten existieren nicht mehr, Menschen wurden verletzt und kamen ums Leben. Die Zahlen, die die Verluste beschreiben, ändern sich, man zählt wieder und wieder.

Bilder können gefährlich sein. Sie können etwas verraten, ohne es zu wollen. Sie verwandeln die Stadt in ein Militärobjekt, nur weil Fotos existieren, nur weil die Dokumentation des eigenen Lebens zu einer modernen Gewohnheit geworden ist, die noch stärker sein mag als die Schmerzen, die Angst und die Gefahr. Die gesprochene Sprache trügt, wenn auch manchmal nur ein wenig. Ein Dokumentarfoto dagegen scheint etwas unwiderruflich festzuhalten und gleichzeitig eine eigene Stimme zu sein. Man will berichten, und man will nicht Worte, sondern etwas Unwiderlegbares wie Videos und Fotos benutzen.

Heute wollte ich früher als sonst Tagebuch schreiben. Ich wollte nicht mehr zitternd im Korridor die Sätze miteinander verbinden, wenn es draußen dunkel ist und so spät, dass Russland entscheidet: Jetzt ist wieder die Zeit gekommen, Wohnhäuser zu beschießen. Experten behaupten, dass die Angriffe deshalb tief in der Nacht stattfinden, weil die Erwartung besteht, dass die ukrainische Luftabwehr wegen Erschöpfung nicht mehr so gut funktioniert. Für morgen wurde ein langer Lockdown angekündigt. Die Wohnungen darf man nicht mehr verlassen. Trotz der bevorstehenden Ausgangssperren waren heute nur wenige Menschen auf den Straßen.

Ich ging zusammen mit meiner Mutter zum Bahnhof, um zu schauen, ob wir Zugtickets für uns und einige Verwandte bekommen würden. Wir liefen durch die alte Stadt, die mir meine Mutter einmal gezeigt hatte, wie eine Erzählung, die man einem Kind vorliest. Der Bahnhof war nicht so voll, wie wir erwartet hatten. Alle Verkaufsstellen hatten geschlossen, nur Plätze in den Evakuierungszügen waren zugänglich, manchmal sind es nur Stehplätze. Einige meiner Verwandten können solche Plätze aus Gesundheitsgründen nicht belegen, wir entschieden uns, später wieder nach Tickets zu schauen.

Am Bahnhof sah ich eine junge Frau mit einem Baby. Sie fragte mich, ob ich wisse, ob es einen Zug nach Tscherniwzi im Süden gebe, nicht weit von der Grenze nach Rumänien. Sie komme aus einem Dorf außerhalb Kiews und hoffe, sich in Tscherniwzi in Sicherheit zu bringen. Sie lächelte und dann wurde ihr Gesicht tief unglücklich: »Aber meine Mutter ist dageblieben. Sie wollte nicht wegfahren! Ich will zurück! Ich will nach Hause!«

Meine Mutter und ich gingen die Straße zurück und versuchten einander mit Scherzen aufzumuntern. Dann sahen wir kleine gelbe Busse mit roten Kreuzen, die uns entgegen in Richtung Bahnhof fuhren. Auf jedem Bus stand »Irpin«, ein Ort nördlich von Kiew, wo so viele Künstler und Schriftsteller lebten und nun täglich Menschen ums Leben kommen. Russland vernichtet diese kleine Stadt Meter für Meter. In den Busfenstern sahen wir graue, müde Gesichter, alte Menschen, Kinder, alle starrten irgendwohin weit weg, in die Ferne. Wir blieben stehen und schauten die verstaubten Busfenster an. Ich konnte kein Foto machen.

Abends sah ich, dass wieder Zugtickets verkauft werden. Ohne lange nachzudenken, habe ich sechs Tickets für kommenden Freitag gekauft. Meine Eltern wollen Kiew immer noch nicht verlassen. Ich weiß wirklich nicht, was wir tun sollen. Aber bis Freitag wird genug Zeit vergehen, um sich zu entscheiden. Das, was passiert, kann doch nicht mehr so lange dauern. Dieser Krieg kann und soll endlich unterbrochen werden, er muss aufhören.

Dienstag, 22. März

Die Häuser, die verschwunden sind

Ein Tag im Lockdown, ohne ausgehen zu dürfen, allein mit den Nachrichten und den Zukunftsanalysen. Wie eine Wettervorhersage wird das Kriegsende angekündigt, einige Experten äußern sich in Zeitungen, einige halten lange, beruhigende Videomonologe. Auf diese Art, durch den Sprung in diesen entfernten Nachrichtenstrom, kann man langsam das akzeptieren, was mit meinem Land passiert. Gleichzeitig ist dieser Gedanke unerträglich, ich schiebe ihn weg. Außerdem weiß ich, dass »Land« abstrakt genug klingt, um etwas »akzeptieren« zu können – aber man kann nie begreifen, wie den Menschen etwas derart Brutales angetan werden kann.

Wenn ich durch Kiew gehe, sehe ich immer wieder Männer und Frauen, die wie kleine Statuen auf ihre Smartphones schauen, sie scheinen nicht mehr wissen zu wollen, was in ihrer unmittelbaren Umgebung passiert. Sie lesen Nachrichten, weil sich offenbar nur in den Nachrichten die geheimnisvollen Antworten auf die Fragen verbergen, die sich jeden Tag auf neue dunkle und unklare Weise stellen. Viele Telefonnummern funktionieren nicht mehr. In allen besetzten Gebieten ist eine humanitäre Katastrophe in vollem Gang, es herrscht Hunger, Menschen werden entführt und verhaftet.

Vielleicht bezeugt eine Nachrichtenquelle in ihrer aufreihenden Erzählung etwas, das gerade fehlt. Aber eigentlich fehlen gerade die Worte. Ich bin in meiner Wohnung, fand Zeit zum Schreiben, kann aber kaum einen Gedanken entwickeln.

Eine Gruppe von Freunden, Kollegen und Tierärzten, die vor der langen Ausgangssperre mit ihren Hunden spazieren gehen. Sie bleiben in Kiew, um Tiere zu retten

Eine Gruppe von Freunden, Kollegen und Tierärzten, die vor der langen Ausgangssperre mit ihren Hunden spazieren gehen. Sie bleiben in Kiew, um Tiere zu retten

Foto: Yevgenia Belorusets

Auf dem Bildschirm meines Smartphones sehe ich Videoclips von Beschüssen. Sie werden in den Telegram-Kanälen geteilt, in denen Bewohner von Kiew posten. Ich sehe, wie silberne Streifen leuchtend und langsam vom Himmel auf die Dächer fallen. Jemand behauptet, so sehe Phosphormunition aus, andere meinen, es sei ein Raketenbeschuss aus einem »Grad-System«, einem Mehrfachraketenwerfer. Einige Bezirke von Kiew, auch mein Bezirk, wurden heute beschossen.

Dann denke ich zum ersten Mal, dass es sich um eine Fälschung handeln könnte, dass es Aufnahmen aus einer anderen Realität sind. Es geht gar nicht um Kiew. Ist es möglich, dass gerade jetzt, da ich in meiner Wohnung diesen Text schreibe und fast alle meine Nachbarn in Schutzbunkern übernachten, Grad-Raketen durch die Luft fliegen und weißes Phosphor auf jemandes Zuhause regnet, nicht weit von hier, in meiner Stadt?

Ich vermisse alle Wände, alle Häuser dieser Stadt, die ich noch nicht gesehen, nicht fotografiert habe und die bereits verschwunden und zerstört sind, die zu etwas Unkenntlichem, Verbranntem wurden.

Heute gegen Mittag spürte mein Haus einen mächtigen Schlag. Die Regeln für die Berichterstattung ändern sich, es ist jetzt nicht mehr sofort nachvollziehbar, welche Angriffe wo stattfinden. Nur der Körper des Hauses und auch der eigene Körper spüren die Gefahr, sie werden jetzt zu unmittelbaren Informationsquellen.

Vor einigen Stunden telefonierte ich mit Elena, der Mitarbeiterin eines Zoos in Charkiw. Sie ist die Leiterin eines Kindertheaters, wo Kinder zusammen mit Hunden, Mäusen und Ratten als Schauspieler auftraten.

Es ist ein Zoo außerhalb von Charkiw, immer wieder finden in der Nähe Angriffe statt. Und immer wieder versuchen Mitarbeiter, die Tiere zu füttern und zu evakuieren. Sobald aber die russische Armee die Autos sieht, fliegen die Geschosse.

Am 7. März versuchte Elena zum letzten Mal, den Zoo zu erreichen, um den Tieren Nahrung zu bringen. Am Telefon erzählte sie mir, dass viele Tiere noch immer in ihren Gehegen sind. »Die Hirsche wurden beschossen, einige starben, andere konnten durch den zerstörten Zaun in den Wald fliehen. Als wir mit unserem Bus ankamen, begann der Beschuss, wir rannten mit dem Futter aus dem Bus und erreichten die Gehege. Einige Menschenaffen wurden erschossen, wir liefen durch die beschädigten Räume und versuchten, so viel Futter wie möglich zu verteilen. Dann liefen wir zum Bus, aber der Fahrer war schon tot. Wir versuchten, ein anderes Auto zu bekommen, um zurückzufahren und seinen Körper mit in die Stadt zu transportieren. Eine weitere Mitarbeiterin wurde tödlich verletzt. Nur eine Kollegin und ich konnten entkommen.«

Sie sagte noch: »Ich kann nicht weinen. Ich kann nicht glauben, dass das alles wirklich stattfand. Vor meinen Augen sehe ich immer wieder das Plastikschaufenster mit den Affen, die auf uns warteten. Viele davon standen dort mit ihren Babys, die sie an ihre Körper drückten. Sie hofften auf Nahrung, aber wir haben es an diesem Tag nicht geschafft, sie zu füttern.« Elena fährt im Moment nicht mehr zum Zoo, aber andere Mitarbeiter versuchen die Gehege zu erreichen, damit die Tiere, die noch leben, nicht vor Hunger sterben.

Ich möchte keinen »letzten« Satz schreiben. Wir alle treffen täglich unsere Wahl.

Mittwoch, 23. März

Verletzungsgefahr!

Es ist ein Tag der Widersprüche, als würden verschiedene Realitäten miteinander kämpfen. Ich bin aufgewacht und sah draußen weißen Rauch, in der Luft lag Brandgeruch. Der Luftalarm war aktiv, zusätzlich gab es die Aufforderung: »Treten Sie nicht an Ihre Fenster! Es besteht Verletzungsgefahr!«

Aber schon einige Stunden später, gegen Mittag, war die Luft wieder sauber. Ich musste etwas einkaufen und wollte nach dem langen Lockdown unbedingt aus dem Haus. Aber als ich endlich meine Wohnung verließ, heulten die Sirenen wieder. Ich wollte schon zurückgehen, aber dann sah ich zwei junge Menschen auf einer Bank, die sich friedlich unterhielten, als ob es den Alarm nie gegeben hätte.

Es waren zwei Studenten, Nikolaj und Sonia. Sonia erzählte, dass sie Jura studiere und fast zufällig in Kiew geblieben sei. Zweimal plante sie, wegzugehen, jedes Mal hat es aus unterschiedlichen Gründen nicht funktioniert. Jetzt versuchen sich beide in der Nähe ihrer benachbarten Häuser aufzuhalten und, wenn sie Zeit haben, selbstständig zu studieren. Sie wollen nicht unterrichtet werden, weil sie sagen, dass das unter diesen Umständen unvorstellbar sei. Unterricht sei eine organisierte Vermittlung von Kenntnissen, eine von anderen strukturierte Arbeit. Das ergebe keinen Sinn mehr. Sie denken trotzdem, dass das Wissen weiter existieren und wichtig bleiben wird, deshalb sei es sinnvoll, autonom weiterzulernen.

Es gab heute nur wenige Passanten auf den Straßen in meiner Nachbarschaft, aber diejenigen, die ich sah, verbreiteten Wärme. Immer wieder beobachtete ich Menschen dabei, wie sie sich umarmten.

Es gab heute nur wenige Passanten auf den Straßen in meiner Nachbarschaft, aber diejenigen, die ich sah, verbreiteten Wärme. Immer wieder beobachtete ich Menschen dabei, wie sie sich umarmten.

Foto: Yevgenia Belorusets

Wir versuchten gemeinsam, diesen Gedanken klarer zu formulieren, aber so recht gelang uns das nicht. Sie sagten, am 4. April solle das Studium, falls es möglich ist, wieder beginnen.

Wir sprachen über den Luftalarm, der mehrmals am Tag angeht, der immer neue Gefahr und neue Angriffe bedeutet. Jedes Mal muss man hoffen, dass niemand verletzt wird. Die beiden sagten, sie hätten den Luftalarm nicht gehört, deswegen saßen sie in dem Park, unterhielten sich und versuchten diesen sonnigen Tag trotz Müdigkeit wegen der vielen schlaflosen Nächte zu genießen.

Es waren nur wenige Passanten auf den Straßen. Ich sah junge Frauen und Männer, die an diesem ersten warmen Tag des Jahres unter dem Schreien der Sirenen zum Joggen nach draußen gegangen waren. Zwei Blumenläden hatten unerwartet geöffnet, ich traf zwei Fußgänger mit Blumensträußen in den Händen. Eine Frau, die gerade Blumen gekauft hatte, war auf dem Heimweg nach ihrer Arbeit an einem neulich wieder eröffneten Café vorbeigekommen. Sie blieb mit ihrem Smartphone neben mir stehen, wir lasen beide mitten auf der Straße die aktuellen Nachrichten.

Ich wollte ihr sagen, wie tapfer sie sei, dass sie in Kiew bleibe und arbeite. Aber sie unterbrach mich und meinte, dass die wirklich tapferen Menschen diejenigen seien, die sich in den besetzten Städten Cherson und Berdjansk immer wieder zu Protestaktionen gegen die Besatzer versammeln. Es verschwinden dort immer wieder Menschen, sie werden verhaftet, nach Russland verschleppt oder werden während der Proteste beschossen und verletzt.

Sie erzählte, dass sie Familie in der Nähe von Berdjansk hat, in der kleinen Stadt Polohy, die auch von der russischen Armee besetzt ist. Sie verliert oft den Kontakt nach Polohy, die Internetverbindung ist instabil, der Strom fällt aus, das Essen ist knapp. Ihre Verwandten überleben jetzt hauptsächlich, weil eine kleine Bäckerei im Nachbardorf funktioniert und den ganzen Bezirk mit dem Brot versorgt. »Die Logistik kann ausfallen«, meinte die Frau, »die Lager für Lebensmittel können blockiert sein. Und doch gibt es manchmal jemanden, der trotz allem weitermacht. Diese Bäckerei rettet jetzt Leben.«

Ich erinnerte mich an Nachrichten, die ich immer wieder lese: Russland attackiert offenbar die Lagerhäuser, in denen Lebensmittel liegen. Es wird immer wieder der Versuch unternommen, auch Kiew von Lebensmittellieferungen abzuschneiden. Dasselbe erlebt Tschernihiw, eine der schönsten Städte der Ukraine, die beschossen wurde und wo es jetzt fast nirgends mehr Wasser gibt, keine Elektrizität, keine Heizung.

Ich kenne eine ältere Frau, die vor Kurzem nach Tschernihiw gefahren war, weil sie allein in Kiew lebte und nicht mehr allein sein wollte. Vergebens versuchte ich sie telefonisch zu erreichen. Die Stadt ist in so großer Gefahr, dass man die Körper der Bewohner, die bei den Angriffen ums Leben gekommen waren und auf den Straßen lagen, wegen des anhaltenden Artilleriefeuers tagelang nicht abtransportieren und beerdigen konnte.

Es gab heute zwar nur wenige Passanten auf den Straßen in meiner Nachbarschaft, aber diejenigen, die ich sah, verbreiteten Wärme. Immer wieder beobachtete ich Menschen dabei, wie sie sich umarmten. Sogar im Lebensmittelladen inmitten eiliger Kunden umarmten sich ein Mann und eine Frau. Ich hatte mir die Szene wohl etwas zu offensichtlich angeschaut. Irgendwann drehte sich die Frau zu mir und sagte mit einer fast fröhlichen Stimme: »Ich habe ihn zwei Wochen lang nicht gesehen. Er ist aus dem Krieg zurück, und er lebt!«

Donnerstag, 24. März

Der Geruch brennender Wälder

Ein kleines Mädchen schaute mich freundlich an. Sie bemalte dabei mit einem Stück Kreide die Rückenlehne einer Holzbank. Sie versuchte mir etwas zu sagen, wurde aber von ihrem Großvater unterbrochen, der verärgert aussah. »Hören Sie zu«, sagte er zu mir mit etwas frecher Stimme, »ich sagte zu meiner Tochter: Lass uns die Wohnung in Kiew kaufen. Sie aber meinte: Es will doch niemand in Kiew wohnen, mit dieser schweren Großstadtluft! Wir sollten uns außerhalb von Kiew, in Butscha, eine nette Wohnung unter grünen Bäumen besorgen. Als der dumme Mensch, der ich bin, habe ich zugesagt!« Er schaute mich vorwurfsvoll an, als ob ich diejenige war, die ihn dazu überredet hatte, eine Wohnung in einer angenehmen Vorstadt zu kaufen, die jetzt unter Feuer, Raketen und Mörsergranaten erstickt.

Ich wollte erst gar nicht mit ihm reden, aber er rief nach mir und bat mich, einige Schritte in seine Richtung zu kommen. Es war bereits Abend, bald würde die Sperrstunde beginnen. Der kleine Park, an dem ich vorbeiging, war menschenleer und machte einen wachsamen Eindruck.

Der Luftalarm war aus und ich dachte, dass ich einige Minuten für ein kleines Gespräch hatte. Dann erinnerte ich mich daran, dass er »Butscha« erwähnt hatte, und entschied spontan, so viel Zeit mit den beiden zu verbringen, wie sie wollten. Das Mädchen, das ungefähr sechs Jahre alt war, sagte zu mir mit ernster Stimme: »Zwei Wochen lebten wir im Keller! Wir waren 21 Erwachsene und sieben Kinder.«

Ich traf einen alten Mann mit seiner Enkelin. Das Mädchen, ungefähr sechs Jahre alt, sagte zu mir mit ernster Stimme: »Zwei Wochen lebten wir im Keller! Wir waren 21 Erwachsene und sieben Kinder.«

Ich traf einen alten Mann mit seiner Enkelin. Das Mädchen, ungefähr sechs Jahre alt, sagte zu mir mit ernster Stimme: »Zwei Wochen lebten wir im Keller! Wir waren 21 Erwachsene und sieben Kinder.«

Foto: Yevgenia Belorusets

Der Großvater schien immer noch böse auf mich zu sein: »Ich komme aus einer Stadt, wo die meisten Russisch sprechen, aus Dnipro. Aber ein Teil unserer Familie wohnt hier in Butscha und in Kiew. Zwei Wochen im Keller nur mit Wasser, etwas Essen, fast keiner Heizung und selten Elektrizität! Ständiger Beschuss, besonders dann, wenn wir versuchten, draußen etwas Luft zu schnappen. Und dann fanden sie uns! Die Russen kamen zu uns in den Keller und erklärten – nein, sie bellten, dass sie gekommen seien, um uns zu denazifizieren. Wäre ich nicht 70 Jahre alt, antwortete ich ihnen, ich würde euch rauswerfen und nicht mit euch reden! Keine Sekunde reden! Aber jetzt bin ich mit meiner Enkelin hier. – Sie wollten uns zwingen, den Keller zu verlassen.«

Er erzählte weiter, aber die Geschichte zerfaserte. Am Ende wurde er so wütend, dass er zu mir meinte: »Sie sollten dorthin fahren. Nach Butscha! Wären Sie dort, würden Sie mich nicht so ansehen, dann würden Sie alles verstehen. Und hier, in Kiew, ist immer noch nichts klar!«

Es ist Abend, ich sitze in meinem Zimmer. Die Luft füllt sich langsam mit leichtem Brandgeruch. Irgendwo weit weg, am rechten Ufer des Dnjepr, brennen die Wälder nach einem heftigen Raketenbeschuss. Zwei große Wohnblöcke sollen getroffen worden sein. Es ist nicht klar, wie viele Opfer es gibt.

Mein Jugendfreund hat heute sein Familienhaus verloren. Vor eineinhalb Wochen evakuierte er aus diesem Haus in Eile und mit großen Schwierigkeiten seinen Onkel, der Widerstand leistete, weil er keinesfalls wegwollte. Ich war früher oft zu Besuch in diesem Haus. Ich versuche, mir die Zimmer in Erinnerung zu rufen, und stelle mir ein traditionelles Wohnzimmer eines kleinen Privathauses mit niedriger Decke vor, einen glänzenden Schrank mit alten Fotos hinter einem Glasregal und die Mahlzeit, die die Oma meines Freundes für uns vorbereitet hatte. Diese Erinnerung scheint von keinem Gefühl begleitet zu sein.

Vielleicht wird es in der Nacht regnen, dann verschwindet der Rauch schneller. Jetzt muss man einfach viel Wasser trinken. Das wird in den Telegram-Kanälen empfohlen, die Fotos von den Bränden zeigen.

Der betrübte Verkäufer in meinem Haus erinnerte mich daran, dass der Krieg vor genau einem Monat, am 24. Februar, begann. Dann entschieden wir beide, dass wir uns nicht mehr auf solche Daten fixieren wollen. Das kleine Mädchen mit seinem Großvater, das ich getroffen habe, hätte vermutlich noch viel mehr zu erzählen gehabt. Es ist gut, einzuschlafen und zu wissen, dass die beiden gerettet wurden, dass sie nach mir gerufen und ihre Geschichte erzählt haben, um letztlich zu fragen, wo sie in Kiew Jeans kaufen können. Sie hatten keine Anziehsachen zum Wechseln mitgenommen. In Kiew öffnen langsam wieder die Geschäfte. Etwas werden sie bestimmt bald kaufen können.

Freitag, 25. März

Ziel des Tages: die Zugtickets für heute, die ich für meine Familie und Verwandten kaufte, am Bahnhof zurückzugeben, damit sie jemand anderes benutzen kann. Die Onlinerückgabe funktioniert jetzt nicht.

Anfang des Tages: ein kurzes und teilweise ironisches Gespräch mit der Kinderpsychologin Irina, die in der Kleinstadt Hirske wohnt, nicht weit von Lyssytschansk und Rubischne, wo täglich heftiger Artillerie- und Raketenbeschuss stattfindet. Die Nachrichten berichteten, dass in Rubischne vorgestern Phosphorbomben eingesetzt wurden, in einer der Kleinstädte in der Oblast Luhansk, die von Journalisten jahrelang nur selten besucht wurden. Dennoch bleibt Irina vor Ort, weil dort auch Schüler, kleinere Kinder und alte Menschen geblieben sind, die sie täglich besucht und unterstützt. Unser Gespräch wurde unterbrochen, weil ich zum Bahnhof gehen wollte und Irina die Arzneien abholen musste, die für sie aus einer anderen Stadt zugestellt werden. Keine Apotheke, kein Geldautomat funktioniert mehr in Hirske. Morgen wollen wir weiterreden.

Ich traf heute Timofij, 14 Jahre alt, der mit seiner Familie in Kiew geblieben ist und fast täglich mit einem Freund auf den leeren Straßen Fußball spielt

Ich traf heute Timofij, 14 Jahre alt, der mit seiner Familie in Kiew geblieben ist und fast täglich mit einem Freund auf den leeren Straßen Fußball spielt

Foto: Yevgenia Belorusets

Als ich Irina zuhörte, kam es mir unheimlich vor, an einem solchen Ort zu bleiben. Noch schwerer fiel es mir, mir vorzustellen, dass dort noch immer Kinder, Frauen und ältere Menschen leben. Irina sagte, dass die Schule, wo sie als Psychologin und Kunstlehrerin arbeitete, heute früh von Raketen beschossen wurde.

Es kann sein, dass Freunde von mir außerhalb der Ukraine ähnliche Schwierigkeiten haben, sich vorzustellen, dass wir immer noch in Kiew sind. Was bedeutet es überhaupt, sich einer – wenn auch nur relativen – Gefahr auszusetzen? Von außen, wenn man es unfreundlich betrachtet, könnte es sogar manchmal wie eine Pose wirken, die Unklarheit oder Unentschlossenheit ausstrahlt.

Diese Unklarheit wurde von Russland im Jahr 2014 ausgenutzt, um die Menschen in den besetzten Gebieten des Donbass, die nach dem Krieg nicht weggezogen sind, als prorussisch darzustellen. Gefahr und Unzugänglichkeit funktionierten damals wie ein Schild, der dazu führte, dass Medien alles Wahrscheinliche und Unwahrscheinliche über diese Gebiete berichteten.

Meine Verwandten wollen aus Kiew wegfahren, wir hatten die Abreise bereits geplant. Aber als der Tag der Abfahrt sich mitleidlos näherte, hörte ich immer mehr Klagen und Einwände.

Hier in Kiew, wenn man täglich Freunde, Bekannte und Fremde trifft und dem einen oder anderen hilft, kann man mit den Ereignissen und Nachrichten, die eigentlich unerträglich sind, noch irgendwie leben. Die Unruhe der Tage und der ständige Luftalarm strukturieren die Zeit und mischen sich mächtig in den Gedankenstrom ein, der immer wieder versucht, etwas Schmerzhaftes auszuwählen, um an diesem Schmerzpunkt wie an einer Haltestelle stehenzubleiben.

Meine Mutter sagte heute zu mir, dass sie seit dem Anfang des Krieges noch nie geweint hat. Und mein Vater weinte beinahe, als er erfuhr, dass am 20. März in der Kleinstadt Kreminna, die etwas nördlicher als Hirske auch in der Oblast Luhansk liegt, ein Seniorenhaus von einem Panzer zerschossen wurde. Fast alle Bewohner des Hauses, 56 Menschen, kamen ums Leben.

Ich hörte meiner Mutter zu und verstand, dass ich diese undenkbare Nachricht verpasst hatte, und fühlte mich unwohl. Ich spürte Wut und wollte selbst weinen. Dabei konnte ich die Nachricht gar nicht fassen. Vor meinen Augen sah ich das Gesicht meines Vaters und stellte mir vor, wie er diese Nachricht liest, und nur durch diese Vorstellung konnte ich etwas Brennendes und Trübes empfinden.

Wir entschieden, unsere Abreise um einige Tage zu verschieben, und uns vielleicht diesmal etwas besser vorzubereiten. Wir nahmen uns vor, möglichst bald nach Kiew zurückzukommen.

Auf dem Rückweg vom Bahnhof trafen meine Mutter und ich zwei Leute vom Militär, die vor einem Lebensmittelgeschäft saßen und Kaffee tranken. Sie haben uns ein Bild gezeigt, wo ein Junge, der erst 14 war, in einer Uniform neben Soldaten posierte.

»Wir fahren heute zu unseren Stellungen, um ihn zu holen«, erklärte einer der Soldaten. »Er ist zu jung, folgt aber seinem Vater und will mit ihm Schulter an Schulter kämpfen. Sein Vater und er haben offenbar alles verloren, das Haus, die Familie, und jetzt will er nur noch kämpfen. Das ist verständlich, aber wir werden das nicht erlauben.« Sie waren offenbar nicht nur auf ihre Aufgabe stolz, sondern auch auf die Entschlossenheit dieses Jungen. Dabei lächelten sie sogar etwas zart und hatten gute Laune, die auch uns angesteckt hat.

Samstag, 26. März

Ein Spalt im Fenster

Am Abend konnte ich mein Küchenfenster nicht mehr schließen. Ein verstecktes Metallelement funktionierte nicht mehr, und das Fenster schloss sich nur unvollständig. Es blieb ein Spalt, man hörte draußen den Wind wehen, und ich befürchtete, wenn es wieder irgendwo in der Umgebung brennt, würde meine Wohnung dem Rauch ausgesetzt. Es war bereits Abend und ich wollte die Fenster verdunkeln. Ich nahm dazu dicke Bettbezüge, und mit derart freundlich und vertraut aussehenden Decken, die vor den Fenstern hängen, wird meine Küche zu einem sicheren Ort, an dem ich den Abend verbringen kann. Die Scheiben waren verdunkelt, das Licht fast gelöscht, aber durch den Spalt drang immer noch Luft. Ich entschied, meinen Nachbar Andrij anzurufen, einen Arzt, um ihn um Hilfe zu bitten. Er war aber zu dieser Zeit in unserem Schutzbunker, wo er fast jede Nacht verbringt und für alle, die sich dort unten aufhalten, medizinische Hilfe anbietet. Unser Telefonat hat mich ein wenig beruhigt, obwohl es auch etwas absurd war.

Ich dachte, ich hätte heute viele Bilder gemacht, aber als ich mir das Archiv anschaute, bemerkte ich, wie wenige es waren

Ich dachte, ich hätte heute viele Bilder gemacht, aber als ich mir das Archiv anschaute, bemerkte ich, wie wenige es waren

Foto: Yevgenia Belorusets

»Mach dir keine Sorgen«, sagte er. »Die Öldepots brennen nicht mehr und es wird regnen. Dank diesem Spalt wird deine Wohnung in der Nacht endlich gelüftet!«
»Was denkst du, wann ist das alles zu Ende?«, fragte ich. Es war die übliche rhetorische Frage.
»Es ist doch klar: Bald werden sie nichts mehr tun können. Wir werden sie vertreiben.«
»Ich habe gehört, Bojarka ist beschossen worden. Wie geht es deiner Mutter?« Seine Mutter lebt in dem Ort etwas außerhalb von Kiew.
»Ein Teil einer Rakete ist nicht weit von ihrem Haus eingeschlagen. Aber es geht ihr gut.« Auf den Fotos, die ich aus der Gegend finden konnte, sahen die Folgen dieser Attacke so aus, als ob jemand von einer Hauswand ein Stück abgebissen hätte wie von einem Apfel. Es hätte die albtraumhafte Illustration zu der Stelle in den grimmschen Märchen sein können, wo das Knusperhäuschen vorkommt. »Kannst du dir vorstellen, dass sie bei Bojarka in kleinen Gruppen herumlaufen und die Pendlerzüge beschießen?«, fragte er. »Damit sind jetzt die Saboteur-Gruppen beschäftigt.«
»Das steht aber gar nicht in den Nachrichten«, bemerkte ich.
»Man schreibt noch nicht darüber, aber meine Verwandten aus Bojarka berichten es.«

Andere Verwandte von Andrij leben in den gerade besetzten Dörfern in der Nähe von Tschernihiw. Sie erzählen ihm, dass die russischen Soldaten Wohnungen und Geschäfte überfallen und auf der Suche nach Alkohol plündern. Man sieht sie oft schwer betrunken auf den Straßen. Sie versammeln sich, um Wohnhäuser oder Busse zu beschießen. Sie beschießen die Züge, die die Kleinstädte verbinden.

Sie dringen immer wieder in die Wohnungen und Häuser der Dorfbewohner ein, sprechen sie an, und dann wird oft klar, dass die Okkupanten nichts Genaues über den Ablauf des Krieges wissen. Ihre Smartphones sind ihnen weggenommen worden. Russische Militärs behaupten, Kiew sei bereits zur Hälfte besetzt, Odessa stehe angeblich längst unter russischer Kontrolle und es gebe noch viele weitere Erfolge an der Front. Sie fragen nach den Ortschaften und benutzen veraltete Landkarten von 2015, wo viele Ortsbezeichnungen noch anders lauteten. Dann versuchen die Okkupanten immer wieder, Andrijs Verwandten und anderen Dorfbewohnern die Handys wegzunehmen. Das tun sie, um den Menschen die Verbindung zur Außenwelt zu nehmen, und vielleicht auch, um selbst an Informationen zu kommen.

Andrij klang munter und ironisch, seine Verwandten rufen immer wieder bei ihm an und berichten über alles, was in ihrem Dorf abläuft.

Das Fenster hatte ich vergessen. Ich erinnerte mich erst wieder daran, als ich in der Nacht den Luftalarm hörte und den stürmischen Wind, der auch weit entfernte Explosionsgeräusche in meine Wohnung trägt.

Ich dachte, ich hätte heute viele Bilder gemacht, aber als ich mir das Archiv anschaute, bemerkte ich, wie wenige es waren. Ich war in einer der größten Unterführungen von Kiew, im Zentrum an der Chreschtschatyk-Straße, wo ich einen Teil meiner Kindheit verbracht habe. Alle Ausgänge wurden überwacht und die Unterführung, die immer voll mit kleinen Geschäften und eilig laufenden Menschen war, stand leer und speicherte die Geräusche des Krieges wie eine Muschel das Meeresrauschen. Mit zitternden Händen begann ich eine Stelle in der Unterführung zu filmen. Ich dachte, so ein kleines Video kann viel über die Ereignisse im Land sagen. Ich fürchtete aber, dass die Aufnahme von jemandem missverstanden werden konnte, und zählte jede Sekunde.

Ich wollte weiter über Irina aus Hirske schreiben, eine Bekannte aus der Kleinstadt im Osten des Landes, mit der ich gestern zu reden begann. Aber ich finde keine Worte dazu. Ihre Schwiegermutter wohnte mit ihrem Mann in Mariupol, gegenüber dem Drama-Theater, sammelte altes Porzellan, Juwelen und Schmuckstücke.

Die Frau ihres Sohns arbeitete als Ärztin im Krankenhaus auf der Entbindungsstation, die beschossen wurde. Über diesen Beschuss wurde weltweit gesprochen. Eine ihrer schwangeren Patientinnen starb. Einige Tage nach dem Beschuss der Klinik trafen Bomben auch den Keller, in dem die Mutter sich versteckt hielt. Fast alle, die in diesem Keller waren, kamen ums Leben, auch die Mutter. Der Vater hat überlebt und will Mariupol erst dann verlassen, wenn er seine Frau begraben hat. Aber der Beschuss ist so heftig, dass ein Begräbnis nicht möglich ist. Von der Liebe einer Frau zum Porzellan, von den Erinnerungen ist fast nichts geblieben, nur eine Erzählung, die eigentlich nicht erzählbar ist.

Das, was gerade in der Ukraine passiert, was wir alle erleben, wird unser Dasein für immer bestimmen. Aber nicht nur unseres. Man muss den Mut finden, den Aggressor zu stoppen. Diese Verbrechen wird sich die Welt nie verzeihen.

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