Anwohnerin in Hostomel bei Kiew, einem jüngst von der ukrainischen Armee befreiten Ort

Anwohnerin in Hostomel bei Kiew, einem jüngst von der ukrainischen Armee befreiten Ort

Foto: OLEG PETRASYUK / EPA

Tagebuch aus Kiew, 5. April Wird meine Heimat zur riesigen Gedenkstätte für Kriegsverbrechen?

Yevgenia Belorusets reist nach Berlin – nach fast sieben Wochen in der ukrainischen Hauptstadt. Und fragt sich: Was, wenn das alles noch Jahre so weitergeht? Für den SPIEGEL beschreibt die Autorin den Alltag in ihrem Heimatland.
Dienstag, 5. April

Von Kiew nach Warschau

Der Tag verging in beschleunigtem Tempo. Ich habe Kiew verlassen und verreise zum ersten Mal seit Beginn des Kriegs. Im Eisenbahnwaggon hörte ich Russisch und Ukrainisch. Es ist ein Zug, der direkt von Kiew nach Warschau geht und seit genau einem Monat existiert. Am 5. März entstand diese Verbindung als Gratisfahrt zur Evakuierung von Schutzsuchenden. Die Plätze waren kostenlos, die Menschen schliefen nicht nur in den kleinen Liegeabteilen, die mit drei engen Betten versehen sind, sondern auch auf dem Boden, im Korridor.

Inzwischen kann man für den Zug auch Tickets kaufen. Jeder hat ein echtes kleines Bett und niemand schläft mehr auf dem Boden zwischen Taschen und Koffern. Es fahren nicht mehr allzu viele Menschen in diese Richtung, und am Kiewer Bahnhof herrscht auch keine Panik mehr. Die Bahnsteige waren leerer als vor einer Woche.

Meine Eltern sind in Kiew geblieben. Sie meinten, ich solle die Verbindung erst einmal überprüfen und schauen, ob ein derartiges Unternehmen auch für sie möglich wäre. Ich prüfte den Weg also zusammen mit meiner Cousine und ihrer Freundin, die auf eine Gelegenheit gewartet hatte, um in Gesellschaft wegzufahren.

Irgendwann auf dem Weg zwang ich mich, aus dem verstaubten Wagenfenster die Landschaft zu fotografieren, um nicht zu vergessen, was ich in diesem Moment erlebe. Vergebens. Die Erlebnisse und Erinnerungen scheinen nicht aufzuhalten zu sein. Die App auf meinem Mobiltelefon, die über den Luftalarm in Kiew berichtet, ging mehrmals in der Nacht an. Wie sehr viele Ukrainer, die verreist sind, wollte ich die Warnungen nicht ausschalten.

Zum Schreiben kam ich fast nicht, weil ich mit meinen Abteilnachbarinnen die Zeit verbringen wollte. Einschlafen konnte ich auch nicht, weil ich den leisen, fremden Stimmen im Waggon zuhörte, die sich etwas erzählten. Diese Erzählung verband die Wegreisenden mit den Orten, die sie mit jeder Minute mehr und mehr hinter sich ließen, wie ein Faden, der sich dehnte, aber nicht abzureißen schien.

»Warum so viele Sachen – ein Riesenkoffer und vier große, geräumige Tüten nur für dich allein?«, fragte eine Frau ihre Nachbarin.

»Oh! Ich wollte so vieles mitnehmen, meine ganze Wohnung«, antwortete diese, »jetzt kann ich diesen Koffer kaum mehr heben. Leider habe ich zwei meiner Lieblingsbecher in Kiew zurückgelassen! Dafür habe ich aber meinen Strohhut mit der roten Schleife dabei und die roten Samtschuhe, die man sowohl zur Arbeit wie auch ins Theater tragen kann.«

Ausharren im Höhlenkloster

Dabei hatte die junge Frau, die Dascha hieß und mit einer verträumten Stimme sprach, offenbar gerade keine Arbeit und auch keine Pläne, bald ins Theater zu gehen. Auf Russisch und Ukrainisch nennt man die Gegend, die Dascha verlassen hat, »das Theater der Kriegshandlungen«, auf Deutsch Kriegsschauplatz. Zu so einem Theater trägt man selten rote Samtschuhe. Dascha wohnte am Rand von Kiew, in der 20. Etage eines Wohnblocks. In den ersten Wochen des Kriegs übernachtete sie zusammen mit ihren zwei Katzen in der Badewanne, weil sie nur da irgendwann in der Nacht einschlafen konnte.

Eine Freundin rief an und lud Dascha ein, zusammen mit ihr in ein Zimmer in einem Pilgerhotel in der Kiewer Lawra Petschersk einzuziehen, einem bekannten Höhlenkloster. Die Familie dieser Freundin wohnte in einer malerischen Gegend nahe Tschernihiw. In den vergangenen Wochen lebte die Familie mit zwei noch vor dem Krieg eingereisten kleinen Kindern unter russischer Besatzung. Es gab kein Wasser mehr in der Gegend, keine Elektrizität, und die Lebensmittelvorräte gingen allmählich zu Ende. Alle drei bis vier Tage gingen die Mitglieder der Familie zu ihren Nachbarn, um ihre Handys an einem Generator aufzuladen. Dann meldeten sie sich kurz telefonisch bei ihrer Tochter und tauchten wieder für einige Tage ab.

Irgendwann unterwegs im Zug zwang ich mich, aus dem verstaubten Wagenfenster die Landschaft zu fotografieren, um nicht zu vergessen, was ich in diesem Moment erlebe

Irgendwann unterwegs im Zug zwang ich mich, aus dem verstaubten Wagenfenster die Landschaft zu fotografieren, um nicht zu vergessen, was ich in diesem Moment erlebe

Foto: Yevgenia Belorusets

Dascha zog zu ihrer Freundin in ein kleines Hotelzimmer in der Lawra um, in eine »Stadt für sich«, wie sie sagte. Das Leben in der Lawra verlief nach einem strengen kirchlichen Zeitplan mit langen Morgengottesdiensten. Niemand hielt es für nötig, bei Luftalarm die Schutzbunker aufzusuchen. Die Pilgerhotels und Wohnhäuser dieses riesigen Klosters waren gefüllt mit Schutzsuchenden.

Unberührt vom Krieg

Ein weiteres Kloster, das seit 2014 als Wohnort für Flüchtlinge dient und zu den wichtigsten ukrainisch-orthodoxen Heiligtümern gehört, befindet sich im Donbass, in der kleinen Stadt Swjatohirsk. Dascha besuchte den Ort im Oktober auf einer Pilgerreise und lernte Familien aus Donezk kennen, die seit Beginn des Donbass-Kriegs in dem Kloster lebten, weil diese Gegend ihnen vertraut war und sie sich weigerten, in die West- oder Zentralukraine zu ziehen. Jetzt ist das Kloster wegen der neuen Flüchtlingsströme erneut überfüllt. Die Stadt steht unter Beschuss und es ist nicht klar, wie erfolgreich die Evakuierung laufen wird.

Swjatohirsk ist nur 30 Kilometer von Slowjansk entfernt, das zum nächsten Angriffsziel erklärt wurde, und es ist nicht klar, wie erfolgreich die Evakuierung laufen wird – und ob sie überhaupt stattfinden kann. Wenn die Nachbarstädte von Swjatohirsk in den Jahren von 2014 bis 2016 unter starkem Beschuss standen, fuhren die Gläubigen trotz der Gefahr zum Kloster, auch weil die vom orthodoxen Tagesablauf geprägte Atmosphäre etwas vom Krieg Unberührtes in sich barg. Vor drei Wochen stand aber auch diese Lawra unter Beschuss, und die Gebäude, in denen die Geflüchteten Schutz fanden, wurden stark beschädigt.

Im Zug bekam Dascha plötzlich eine gute Nachricht. Die Familie ihrer Freundin, die sich seit einer Woche nicht mehr gemeldet hatte, hat offenbar die Okkupation überlebt! Mit Nachdruck in der Stimme berichtete Dascha, wie ein russischer Soldat einer Frau aus dieser Familie einmal sogar dabei geholfen hatte, die weiter entfernt lebenden Nachbarn zu besuchen, die krank waren. Er soll sie begleitet haben. Dann, nahezu übergangslos, wurde Dascha traurig. Eine andere Freundin war kürzlich aus Irpin nach Kiew geflohen, nachdem die Stadt befreit worden war, und hatte anscheinend sexuelle Gewalt erlebt: »Es ist eine besondere Frau, eine begabte Fotografin, die eine sehr leise Stimme hat und ein zarter Mensch ist«, erzählte Dascha. »Sie kann darüber fast nicht reden, sie steht unter derart großem Schock, dass ich sie kaum wiedererkenne. Sie ist in diesen Wochen viel, viel älter geworden. Sie erzählt nichts, aber mir wurde klar, was sie da erlebt haben muss.«

In Warschau, kurz nach der Ankunft, spazierte ich durch die Stadt, die ich als betrübt und unruhig wahrnahm. Ich konnte nicht glauben, dass es hier keinen Krieg gibt, und las in einigen Gesichtern die gleiche Sorge wie bei den Menschen in Kiew. Vielleicht sah ich auch immer wieder meine eigenen Landsleute, die auch durch die Straßen liefen, genau wie ich.

Ich sah eine Gruppe von Männern in blauen Uniformen, die sich unterhielten. Mit Verwunderung bemerkte ich, dass sie keine Waffen trugen. »So ungeschützt…«, dachte ich. »Wie trauen sie sich das nur?« Dann wurde mir bewusst, dass es hier in Warschau zum Glück keinen Krieg gibt.

Jeder Tag dieses Kriegs ist einer zu viel

Die Luft war kühl wie in Kiew, wahrscheinlich werde ich in einem Stadtteil übernachten, wo es nicht viele Spaziergänger gibt. Jenen Teil der Straßen, der leer ist, erkenne ich als einen vertrauten und verständlichen. In Gedanken verglich ich diese Straßen mit jenen in Kiew, die vor dem Krieg voller Menschen waren und während des Kriegs merkwürdig leer.

In Kiew fand der Alltag zuletzt fast immer in einem Versteck statt. Das eigentliche Leben spielte sich hinter Hofpforten und den Türen von Freiwilligenzentralen ab, in Krankenhäusern, Schutzbunkern und Wohnungen.

Von Wellen der Hoffnung und Verzweiflung wochenlang ergriffen, schwankten viele Kiewer zwischen der Trauer über verletzte und verstorbene Freunde und Bekannte und fast fieberhafter Beschäftigung mit den akuten Notwendigkeiten des Kriegs. Dabei ahnten viele nicht, dass direkt um Kiew herum, in Butscha, Irpin, Vorzel und Borodjanka, etwas unsagbar Schreckliches stattfindet. Wir lebten in einem zerrissenen Kokon aus Trauer, durch die Risse kamen ständig neue Nachrichten an. Ich traf Geflüchtete aus Butscha und aus Irpin, sie erzählten mir ihre Geschichten, aber das ganze Bild war bis in die letzten Tage immer noch nicht ganz deutlich und sogar unvorstellbar.

Als ich dieses Tagebuch begann, war ich überzeugt davon, dass ich es nur einige Tage lang führen würde. Mein Glauben in die Unmöglichkeit eines so sinnlosen Kriegs war stark. Jetzt fahre ich weiter und entferne mich kilometerweise von der noch immer andauernden Gewalt, während ich aus dem Fenster des Zuges auf eine ausgedehnte Landschaft eines anderen Landes schaue und plötzlich auch um sie Angst habe.

Die Umgebung von Kiew, eine feierliche, wunderschöne Landschaft, wo ich einmal ein kleines Haus haben wollte, verwandelt sich vor unseren Augen in eine riesige Gedenkstätte. Russland publiziert in den staatlichen Medien Manifeste, die einen Massenmord an uns allen rechtfertigen. Die Welt überlegt, was als Nächstes zu tun ist. Einige internationale Experten spielen Wahrsager und vermuten, dass der Krieg noch Jahre dauern kann. Auf diese Weise wird, so scheint mir, indirekt der Massenmord legitimiert. Jeder Tag dieses Kriegs ist einer zu viel.

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