Krieg in Osteuropa Ukrainische und russische Streitkräfte kämpfen um Kiew

Die Ukraine meldet in der Nacht Angriffe des russischen Militärs und Explosionen in der Hauptstadt Kiew. Auch andernorts soll es »schwere Kämpfe« geben. Präsident Selenskyj ruft die Bevölkerung zur Verteidigung auf.
Wohngebiet in Kiew

Wohngebiet in Kiew

Foto: GLEB GARANICH / REUTERS

Im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine geht es mittlerweile um die Kontrolle der Hauptstadt Kiew. In der Nacht zu Samstag sind mehreren Berichten zufolge Schüsse, Explosionen und Kämpfe in der ukrainischen Hauptstadt Kiew gemeldet worden. Die ukrainische Armee erklärte am frühen Samstagmorgen, russische Truppen hätten eine Kaserne der ukrainischen Streitkräfte im Westen von Kiew beschossen. Sie rückten vom Nordwesten und Nordosten auf Kiew vor.

Der nächtliche Angriff habe einem Posten auf der Kiewer Siegesstraße gegolten, erklärten die ukrainischen Landstreitkräfte auf ihrer Facebook-Seite. Die Siegesstraße ist eine Hauptverkehrsader der Hauptstadt. Nähere Angaben zum Ort der Gefechte machte die Armee nicht.

Der Angriff sei zurückgeschlagen worden. Die Kaserne liegt etwa sieben Kilometer vom Zentrum der Millionenstadt entfernt. Fotos zeigten hellen Feuerschein über der Stelle der Kämpfe. Auf Videos, die in sozialen Netzwerken geteilt wurden, waren Explosionen und Schüsse zu hören.

Zuvor waren von einem Amt für Behördenkommunikation Angriffe auf ein Heizkraftwerk im Nordosten der Hauptstadt gemeldet worden. Das Kraftwerk liegt im äußersten Nordosten der Millionenstadt auf dem rechten Ufer des Flusses Dnipro.

Selenskyj ruft Bewohner zur Verteidigung auf

Auch von anderen Stellen gab es Berichte über Explosionen und Schüsse aus automatischen Waffen; im Stadtteil Obolon im Norden gebe es Kämpfe. Die Orte liegen alle in der Stoßrichtung des russischen Vormarsches auf die ukrainische Hauptstadt.

Aufgrund der Kämpfe in verschiedenen Landesteilen flohen bereits Zehntausende Ukrainer angesichts der Gewalt in die Nachbarstaaten. Nach Angaben des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR verließen in den 48 Stunden nach Beginn des Einmarsches bereits mehr als 50.000 Menschen die Ukraine. Die meisten von ihnen seien nach Polen oder Moldau geflohen, so UNHCR-Chef Filippo Grandi.

Präsident Wolodymyr Selenskyj indes rechnet mit einem bevorstehenden russischen Großangriff auf Kiew. Er rief die Bewohner auf, die Stadt zu verteidigen. »Viele Städte unseres Staates sind unter Beschuss«, sagte Selenskyj weiter. Besonders wichtig sei aber Kiew: »Wir können die Hauptstadt nicht verlieren.«

Heftige Angriffe auf Militärflughafen südlich von Kiew

Heftige Kämpfe gab es den Angaben nach bei dem Ort Wassylkiw etwa 40 Kilometer südlich von Kiew. Mit einer Luftlandeaktion versuchen russische Truppen dem Anschein nach, dort den Militärflughafen Wassylkiw unter ihre Kontrolle zu bringen. Bei den heftigen Kämpfen seien ukrainische Soldaten getötet und verletzt worden, sagte die Bürgermeisterin der Kleinstadt, Natalija Balassynowytsch, in der Nacht zu Samstag ukrainischen Medien. Es seien viele russische Fallschirmjäger gelandet. »Wir haben Verluste. Wir haben viele Verletzte. Es sind leider 200«, sagte sie. Die Armee sprach in einer Erklärung davon, es seien »schwere Kämpfe« im Gange.

Am Donnerstag hatte es einen ähnlichen Landeversuch auf dem Flugplatz Hostomel nordwestlich der ukrainischen Hauptstadt gegeben, der aber nach Kiewer Armeeangaben abgewehrt wurde. Bei den Kämpfen um Wassylkiw gab die ukrainische Armee an, eine russische Transportmaschine vom Typ Iljuschin Il-76 mit Fallschirmjägern abgeschossen zu haben. »Rache für Luhansk 2014«, schrieb Generalstabschef Walerij Saluschnyj auf Twitter.

Putin nennt Sanktionen des Westens »Demonstration der völligen Ohnmacht«

Russland hatte am Donnerstagmorgen mit einem Großangriff auf die Ukraine begonnen. Russische Bodentruppen waren anschließend binnen weniger Stunden bis in den Großraum Kiew vorgedrungen. Am ersten Tag der Kämpfe waren nach Angaben Kiews 137 Menschen getötet und Hunderte weitere verletzt worden. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums wurden 2800 russische Soldaten getötet. Moskau machte zu der Opferzahl auf russischer Seite bislang keine Angaben.

Russlands Staatschef Wladimir Putin richtete sich in einer Fernsehansprache am Freitag direkt an die ukrainische Armee und forderte sie zum Sturz Selenskyjs auf. »Nehmt die Macht in eure Hände«, sagte er. Die ukrainische Regierung bestehe aus »Terroristen«, einer »Bande von Drogenabhängigen und Neonazis«.

Westliche Staaten brachten unterdessen weitere Sanktionen gegen Russland  auf den Weg. Die EU, Großbritannien und die USA beschlossen am Freitag gezielte Strafmaßnahmen gegen Putin und Lawrow. Kanada und Australien wollten dem folgen. Russland bezeichnete die Sanktionen als »eine Demonstration der völligen Ohnmacht der Außenpolitik« des Westens. »Wir haben die Linie erreicht, nach der es kein Zurück mehr gibt«, sagte die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa.

mst/dpa/AFP