Beschuss oder gezielte Sprengung? Was über den Angriff auf Kriegsgefangene bekannt ist – und was nicht

Beschuss oder gezielte Sprengung? Bei einer Attacke auf ein Gefängnis in Oleniwka bei Donezk sind wohl Dutzende ukrainische Kriegsgefangene umgekommen. Moskau und Kiew machen sich gegenseitig verantwortlich. Antworten auf die wichtigsten Fragen.
Eine zerstörte Baracke in Oleniwka

Eine zerstörte Baracke in Oleniwka

Foto: AP

Dutzende Menschen sind am Freitag in der Ostukraine gestorben, als ein Gefängnis unter Kontrolle der russischen und prorussischen Besatzer angegriffen wurde. Die russische und die ukrainische Seite machen sich gegenseitig für den Tod der Kriegsgefangenen in dem Lager in Oleniwka bei Donezk verantwortlich. Die Fakten und die Vorwürfe im Überblick.

Wer waren die Kriegsgefangenen?

Nach russischen Angaben waren in Oleniwka ukrainische Kriegsgefangene inhaftiert, unter ihnen Mitglieder des Asow-Regiments. Teile des umstrittenen Asow-Regiments  hatten sich im Frühjahr im Asow-Stahlwerk in Mariupol verschanzt, mussten schließlich aber aufgeben und kamen in russische Gefangenschaft.

Über die Zahl der Toten und Verletzten in Oleniwka gibt es unterschiedliche Angaben. Nach Angaben beider Seiten wurden offenbar mehr als 50 Menschen bei dem Angriff getötet. Nach unterschiedlichen Angaben der russischen Seite sollen zwischen 75 und 130 Gefangene verletzt worden sein. Die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft sprach von 130 Verletzten.

Am Samstag veröffentlichte Russlands Verteidigungsministerium eine Liste mit Namen von 50 Menschen, die bei dem Angriff gestorben sein sollen und den Namen von 73 Personen, die verletzt worden seien. Insgesamt hätten sich 193 Kriegsgefangene in dem Lager aufgehalten, hieß es. Mit Stand Samstagmorgen seien 48 ukrainische Gefangene tot geborgen worden, teilte das Ministerium mit. Zwei weitere seien auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben. Den Verletzten werde medizinisch geholfen. Die Angaben ließen sich nicht unabhängig verifizieren.

Blick in das Innere einer zerstörten Baracke in Oleniwka

Blick in das Innere einer zerstörten Baracke in Oleniwka

Foto: AP

Medien zeigten nach dem Angriff Bilder von einem ausgebrannten Schlafsaal mit Leichen, an der Fassade sind Einschusslöcher zu sehen. Andere Bilder zeigen Körper, die mit Planen abgedeckt waren.

Was sagt Moskau?

Russland macht die ukrainische Seite für den Angriff verantwortlich. Dem Verteidigungsministerium zufolge soll dabei angeblich ein von den USA gelieferter Himars-Mehrfachraketenwerfer eingesetzt worden sein. »Die gesamte politische, strafrechtliche und moralische Verantwortung für das Blutbad an den Ukrainern trägt persönlich Selenskyj, sein verbrecherisches Regime und Washington als Unterstützer«, teilte das russische Verteidigungsministerium am Samstag mit.

Auch vor dem Uno-Sicherheitsrat, dem wichtigsten Gremium der Vereinten Nationen, hat Russland diese Sichtweise vorgebracht. Der stellvertretende russische Uno-Botschafter Dmitri Poljanski sagte am Freitag bei einer Sicherheitsratssitzung, dass die Menschen durch Waffen getötet worden seien, die die USA Kiew geliefert hatten.

Die von Russland gesteuerten Separatisten präsentierten angebliche Bruchstücke von Himars-Raketen aus US-amerikanischer Produktion.

Was sagt Kiew?

Der Ukraine zufolge hat die russische Seite den Angriff geführt. Was genau passiert sein soll, darüber gibt es unterschiedliche Angaben. Außenminister Dmytro Kuleba sagte, die russische Seite habe die Haftanstalt beschossen. Er forderte von allen Partnern der Ukraine, Russland zum »Terrorstaat« zu erklären.

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Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte in seiner abendlichen Videobotschaft, es handle sich um ein »vorsätzliches russisches Kriegsverbrechen«, für das es »Vergeltung« geben werde. Es gebe »ausreichend Beweise, dass dies ein geplantes Verbrechen war«. Selenskyj sprach von einem »Terroranschlag, der von russischen unmenschlichen Monstern« verübt worden sei.

Die ukrainischen Geheimdienste gehen nicht von Beschuss, sondern von einer gezielten Sprengung der Haftanstalt durch russische Kräfte aus. »Die Explosionen ereigneten sich in einem neu errichteten Gebäude, das speziell für die Gefangenen aus Asow-Stahl hergerichtet wurde«, behauptete der ukrainische Militärgeheimdienst.

Mit der Explosion habe angeblich die russische Söldnertruppe Wagner Spuren von Unterschlagung beim Bau vor einer anstehenden Inspektion verwischen wollen, hieß es. Das russische Verteidigungsministerium in Moskau habe davon nichts gewusst.

Der Inlandsgeheimdienst SBU ging ebenfalls von einer gezielten Sprengung aus und präsentierte ein angeblich abgehörtes Telefonat aus dem abtrünnigen Gebiet. »Nicht einer der Augenzeugen hat gehört, dass irgendeine Rakete zur Besserungsanstalt geflogen ist«, teilte die Behörde mit. Es habe kein charakteristisches Pfeifen gegeben.

Der ukrainische Verteidigungsminister Olexij Resnikow verglich die Tat von Oleniwka mit dem sowjetischen Massaker in Katyn, wo 1940, also während des Zweiten Weltkrieges, Tausende polnische Gefangene erschossen und in Massengräbern verscharrt wurden.

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Der Chef des ukrainischen Präsidentenbüros, Andrij Jermak, deutete auf Twitter an, die russische Seite könnte das Gefängnis beschossen haben, um Beweise zu vernichten. Die russische Seite lüge ständig, um »Beweise zu verbergen«, schrieb er.

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Auch in sozialen Netzwerken spekulierten Menschen, dass Russland den Angriff zu verantworten und dabei zum Ziel gehabt habe, angebliche Misshandlungen der Kriegsgefangenen zu vertuschen oder angebliche Beweise zu vernichten. Auch kursierten Gerüchte, dass bei dem Angriff auf die Baracken keine russischen oder prorussischen Wachleute gestorben seien, was verdächtig sei. Diese Vorwürfe ließen sich bislang nicht unabhängig prüfen.

Wie reagiert die internationale Gemeinschaft?

Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell schrieb auf Twitter, er sei »entsetzt« über die Berichte, wonach Russland »Dutzende von ukrainischen Kriegsgefangenen getötet hat, die sich ergeben hatten, vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz registriert wurden und nach internationalem humanitärem Recht unter dem Schutz Russlands standen«. Die EU verurteile »auf das Schärfste die von den russischen Streitkräften und ihren Stellvertretern begangenen Gräueltaten«, hieß es zudem in einem offiziellen Statement Borrells.

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Die britische Botschafterin in der Ukraine, Melinda Simmons, forderte, der Angriff müsse untersucht werden. »Es sieht so aus, als sei dies Teil eines zunehmend besorgniserregenden Musters schlimmster Menschenrechtsverletzungen und möglicher Kriegsverbrechen, die im besetzten Osten der Ukraine ungestraft begangen werden«, schrieb Simmons auf Twitter.

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Ein breites internationales Echo wie es beispielsweise nach dem Massaker von Butscha gab, blieb aber bislang aus. Bisher äußerten sich nur vereinzelt Politikerinnen und Politiker westlicher Länder.

Wie geht es nun weiter?

Der ukrainische Präsident Selenskyj forderte am Freitagabend auf Telegram, »die Vereinten Nationen und das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, die das Leben und die Gesundheit unserer Kriegsgefangenen garantieren sollten, müssen umgehend reagieren«.

Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba sagte, dass die Uno dabei geholfen hätte, im Frühjahr die Verteidiger aus dem Asow-Stahlwerk in Mariupol herauszuholen. Sie kamen dann in russische Gefangenschaft. Die Vereinten Nationen müssten nicht nur den Beschuss des Gefangenenlagers verurteilen, sondern auch vor Ort das schreckliche Verbrechen aufklären. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz müsse sich um die Lage der übrigen Gefangenen kümmern.

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Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) schrieb in einem Statement, es habe um Zugang zu dem Ort gebeten, »um den Gesundheitszustand aller Personen festzustellen, die zum Zeitpunkt des Anschlags vor Ort waren«. Man sei in Kontakt mit den Familien der Kriegsgefangenen. Viele wüssten noch nicht, ob ihre Angehörigen noch lebten, verletzt oder tot seien.

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Das IKRK hat demnach angeboten, die Evakuierung der Verletzten zu unterstützen und medizinische Hilfsgüter, Schutzausrüstung und forensisches Material zu liefern. Die Priorität sei, die Leben der Verletzten zu retten und dafür zu sorgen, dass die Leichen der Getöteten »auf würdige Weise behandelt werden«.

Die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft hat unterdessen eine Voruntersuchung des Angriffs eingeleitet.

Mit Material der Nachrichtenagenturen dpa und afp

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