Humanitäre Katastrophe in Afrika Die Welt blutet aus immer mehr Wunden – doch die Pflaster gehen aus

Nicht nur in der Ukraine sterben Kinder wegen Russlands Krieg, auch in Somalia. Weil Hilfen, Waren und Gelder jetzt in die Ukraine fließen, drohen verheerende Konsequenzen für andere Krisen weltweit.
Aus Somalia berichtet Heiner Hoffmann
Ubah (4) hat die Dürre in Somalia nicht überlebt: In der Nacht nach dieser Aufnahme ist sie gestorben

Ubah (4) hat die Dürre in Somalia nicht überlebt: In der Nacht nach dieser Aufnahme ist sie gestorben

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Joost Bastmeijer / DER SPIEGEL

Globale Gesellschaft

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Eine Jugendliche hockt auf dem staubigen Boden, ihr langes Gewand bedeckt ihren gesamten Körper bis über die Füße. Unter ihrem Kleid tropft das Blut, alle wissen es, doch niemand soll es sehen. Die junge Frau hat ihre Tage. Doch hier im Camp gibt es weder Binden noch Tampons, es gibt ja nicht einmal etwas zu essen. Also kauert sie über dem Boden, über Tage, wie angewurzelt, und hofft darauf, dass es bald vorbei ist.

Um sie herum wehen bunte Planen aus Plastik im Wind, gespannt über kuppelförmig zusammengebundene Äste. Es ist ein Camp für Vertriebene, die somalische Regierung hat ihnen im Süden des Landes ein Stück Land zur Verfügung gestellt, ab und zu kommt ein Wassertruck vorbei. Um den Rest müssen sich die Bewohnerinnen und Bewohner selbst kümmern. Sie alle waren einmal Viehhirten, doch die große Dürre hat ihre Tiere dahingerafft. Mehr als vier Millionen der rund 16 Millionen Einwohner Somalias sind betroffen.

Zwischen den Zelten mit den Plastikplanen finden sich einige kleine Hügel. Es sind Gräber – früher waren sie einmal am Rande des Camps, doch jeden Tag kommen Dutzende neue Menschen hier an und bauen sich ihre Behausungen. Die Zelte wachsen um die Toten herum.

Notdürftig zusammengezimmerte Zelte: Das Vertriebenencamp Luglow bei Kismaayo

Notdürftig zusammengezimmerte Zelte: Das Vertriebenencamp Luglow bei Kismaayo

Foto: Joost Bastmeijer / DER SPIEGEL

An diesem Dienstag im März ist wieder ein Begräbnis, ein Mann läuft mit einer Art Stoffrolle auf dem Arm von den Zelten weg in Richtung Busch. Ein paar Hundert Meter entfernt wartet ein knappes Dutzend weiterer Männer, sie haben schon ein Loch gegraben. Die Stoffrolle ist so dünn, kaum vorstellbar, dass darin ein Leichnam eingewickelt sein kann. Der tote Körper ist der eines vierjährigen Kindes, die kleine Ubah ist vor wenigen Stunden, kurz nach dem Morgengebet, verstorben.

Am Tag zuvor hatte der SPIEGEL Ubah und ihre Mutter noch begleitet, es waren erschreckende Szenen. Das Mädchen auf dem Arm ihrer Mutter, jeder einzelne Knochen zeichnete sich ab, nur mit Mühe konnte das Kind noch die Arme heben. Es war gerade ein mobiles Ärzteteam zu Besuch im Camp, sie maßen Ubahs Oberarmweite, das Maßband zeigte so tief in den roten Bereich, dass die Skala an ihre Grenzen stieß.

»Es geht ihr von Tag zu Tag schlechter, sie kann nichts mehr bei sich behalten«, sagte Juhara Ali, ihre Mutter. Ubah war schon vorher krank, war seit ihrer Geburt teilweise gelähmt. »Früher hat sie Milch von unseren Tieren getrunken, das hat sie stark gemacht«, erzählt Ali. Doch als die Tiere starben, kam der Hunger. Der fünfköpfigen Familie blieb nur die Flucht. Fünf Tage und Nächte liefen sie ins Camp, nach dem zweiten Tag ging das Essen aus. Und auch als sie endlich ankamen, hatte der Hunger kein Ende: Keine Hilfsorganisation bringt regelmäßig Essen vorbei, an guten Tagen bekommen sie eine Mahlzeit. An schlechten gar nichts.

Juhara Ali mit ihrer Tochter Ubah bei der ärztlichen Untersuchung

Juhara Ali mit ihrer Tochter Ubah bei der ärztlichen Untersuchung

Foto: Joost Bastmeijer / DER SPIEGEL

Die Ärzte verweisen Ubah in das nächste Krankenhaus in der etwa 15 Kilometer entfernten Hafenstadt Kismaayo. Doch es ist zu spät, Ubah überlebt die Dürre nicht. »Ich werde sie als glückliches Mädchen in Erinnerung behalten, sie hat immer mit ihren Geschwistern gelacht«, sagt die Mutter. 15 Menschen, vor allem Kinder, sind laut Behörden in der Region in der vergangenen Woche an Hunger gestorben.

Etwa 500 Kilometer nördlich, in der somalischen Hauptstadt Mogadischu, werden Säcke verladen. Die amerikanische Fahne prangt auf ihnen, darunter der Aufdruck »USAID«. In den Säcken sind Erbsen, Weizen oder Sorghum, eine Getreideart. Die Säcke sollen Leben retten, doch das Lagerhaus des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) ist nicht einmal zur Hälfte gefüllt.

»Wir können für die Leute in den Camps nichts machen, wir lassen sie einfach im Stich«, sagt El-Khidir Daloum, der Landesdirektor des WFP. Der Grund ist banal: Es fehlt schlicht das Geld. Von dem Bedarf an humanitärer Hilfe, den verschiedene Organisationen für Somalia ausgerechnet haben, sind gerade einmal drei Prozent gedeckt. 97 Prozent fehlen, und das heißt: Menschen sterben an den Folgen des Hungers, so wie Ubah.

Und neuerdings fehlen auch Waren, selbst die, die schon bezahlt wurden. Knapp die Hälfte der Lebensmittel, die das WFP in Somalia an Dürreopfer verteilt, wurden bislang aus der Ukraine importiert. Am 10. März hätte wieder eine solche Ladung ankommen sollen, 1.188 Tonnen Erbsen, gedacht für die Hungerregionen in Äthiopien und Somalia. Abfahrtshafen: Odessa, eine ukrainische Hafenstadt, in der jetzt Krieg tobt, so wie im Rest des Landes. Irgendwann erreichte die WFP-Planer in Mogadischu die Nachricht: verschoben auf den 15. März. Auch diese Deadline verstrich, die Ladung bleibt verschollen. Die Menschen in Somalia hungern weiter.

In anderen Fällen wissen die WFP-Logistiker wenigstens, was mit der Fracht passiert ist. »Es gab einige Warenlieferungen, die uns von Gebern zugesichert worden waren. Doch auf dem Meer wurden diese kurzfristig in Richtung Ukraine umgeleitet«, erzählt Daloum. Die Zentrale des WFP in Rom bestätigt, dass Lieferungen kurzfristig in die Ukraine statt wie geplant in andere Krisenregionen geschickt wurden. Das habe aber keine Auswirkungen auf die Versorgung in diesen Ländern gehabt, da noch Reserven in den Lagern vorhanden seien. Doch aufgrund des Kriegs in der Ukraine ist Nachschub immer schwieriger zu beschaffen. Der Hunger in Europa tritt in Konkurrenz zum Hunger in Afrika. Wladimir Putins Opfer finden sich inzwischen überall auf der Welt.

Eine andere Folge des Krieges: drastisch gestiegene Preise

Und das Welternährungsprogramm und zahlreiche weitere Organisationen haben noch mit einer anderen Folge des Krieges zu kämpfen: den drastisch gestiegenen Preisen. Für das gleiche Budget bekommen sie nun viel weniger Waren und können folglich viel weniger Menschen helfen. In einigen afrikanischen Ländern wie Somalia waren die Preise in den vergangenen Monaten ohnehin schon förmlich explodiert, inzwischen sind selbst Grundnahrungsmittel für viele Menschen unerschwinglich. Die Dürre in der Heimat und der Krieg in der Ferne sind eine toxische Mischung.

Immerhin der Wassertruck kommt im Camp ab und zu vorbei

Immerhin der Wassertruck kommt im Camp ab und zu vorbei

Foto: Joost Bastmeijer / DER SPIEGEL

Mehrere geplante Vor-Ort-Besuche von hochrangigen Geldgebern in Somalia wurden in den vergangenen Tagen abgesagt, berichtet WFP-Landeschef Daloum: »Das heißt: Wir sind nicht mehr auf dem Radar. Das ist unfair. Wir haben tiefes Mitgefühl mit den Leuten in der Ukraine, die haben das nicht verdient. Aber die Menschen in Somalia haben das auch nicht verdient.«

»Es ist momentan extrem schwierig, Gelder einzuwerben. Viele potenzielle Geldgeber verweisen darauf, dass der Krieg in der Ukraine viele Ressourcen verschlinge«, erzählt eine andere hochrangige Uno-Mitarbeiterin. »Wir sollen immer weiter priorisieren, aber so langsam gehen uns die Kriterien aus.« Inzwischen schauen die Helfer schon, wo es am ehesten wieder regnen könnte. Dort haben die Menschen immerhin eine Überlebenschance – und dort fokussieren nun einige Organisationen die verbliebene Unterstützung.

»Die schlimmste humanitäre Katastrophe der Welt«

»Der Krieg in der Ukraine hat in der Tat die Aufmerksamkeit von der katastrophalen Dürre in Somalia weggelenkt«, schreibt auch die Uno-Nothilfeagentur OCHA. Das wurde am Mittwochabend auch auf der anderen Seite des Golfs von Aden, im Jemen, deutlich. Dort wütet noch immer ein verheerender Bürgerkrieg, die Vereinten Nationen bezeichnen die Lage im Land als die »schlimmste humanitäre Katastrophe der Welt«.

Eine große Geberkonferenz sollte die erhofften Geldmittel einwerben, um das Leid zumindest etwas zu lindern. Man dürfe trotz des Kriegs in der Ukraine die Not in anderen Teilen der Welt nicht vergessen, warnten die Veranstalter im Vorfeld. Doch am Ende kam gerade einmal ein Drittel der erhofften 3,9 Milliarden Euro zusammen. »Enttäuscht« zeigte sich die Uno über das Ergebnis.

Ein Hilfskonvoi liefert Material zur Unterbringung ukrainischer Flüchtlinge

Ein Hilfskonvoi liefert Material zur Unterbringung ukrainischer Flüchtlinge

Foto: Swen Pförtner / dpa

Schon vor dem Krieg in der Ukraine wurde es für internationale Organisationen immer schwieriger, Geldmittel einzuwerben. Laut EU-Kommission ist der Bedarf an humanitärer Hilfe auf einem Allzeithoch – und ständig kommen neue Krisen hinzu. Zwar seien die Mittel für die Ukraine bislang nicht aus Budgets abgezweigt worden, die für andere Regionen gedacht seien. Doch die Schere zwischen den vorhandenen Geldmitteln und dem globalen Bedarf wird immer größer.

Der Klimawandel macht bereits jetzt ganze Landstriche in Afrika faktisch unbewohnbar, nach Jahrzehnten des Aufschwungs sind plötzlich Hungersnöte zurück auf dem Kontinent. Und nun noch eine humanitäre Katastrophe im Herzen Europas, verursacht durch Putins erbarmungslose Invasion. Die Welt blutet aus immer mehr Wunden, doch den wohlhabenden Ländern gehen die Pflaster aus.

Der März ist ein entscheidender Monat, in mehreren Staaten werden die öffentlichen Haushalte vorgestellt, so auch in Deutschland und den USA. Aus Washington kommen fatale Signale: Zwar werden 4,1 Milliarden US-Dollar zusätzlich für die Opfer des Ukrainekriegs veranschlagt, doch gleichzeitig soll die restliche humanitäre Hilfe im Vergleich zum Vorjahr um eine Milliarde Dollar gekürzt werden. Zahlreiche Organisationen laufen bereits dagegen Sturm.

Auch in Deutschland wurde in dieser Woche der Haushalt vorgestellt, mit einem ähnlichen Ergebnis: Die Nothilfe soll insgesamt zwar leicht erhöht werden, wohl auch wegen des Kriegs. An anderer Stelle soll aber wohl deutlich gespart werden: Das Entwicklungsministerium (BMZ) muss mit Einbußen in Höhe von 800 Millionen Euro rechnen, sollte sich bei den anstehenden Nachverhandlungen nicht noch etwas ändern.

Besonders betroffen von den Kürzungen wäre die sogenannte Übergangshilfe – sie umfasst Maßnahmen, die über eine akute Nothilfe hinausgehen. Von diesen Mitteln werden etwa Brunnen gebohrt, dürreresistente Landwirtschaft unterstützt oder Jobmöglichkeiten für Vertriebene geschaffen.

Im Jahr 2020 lagen diese Mittel im Bundeshaushalt noch bei einer Milliarde Euro, davon ist 2022 nur noch etwas mehr als die Hälfte übrig. »Diese Entwicklung macht uns in Anbetracht der zunehmenden Krisen große Sorgen«, kritisiert die Nichtregierungsorganisation ONE. Auch innerhalb des Entwicklungshilfeministeriums sorgt der neue Haushalt nach SPIEGEL-Informationen für Unmut.

Bald stehen die nächsten großen Geberkonferenzen an: Ende des Monats für Afghanistan, im Mai für Syrien. Schon vor Putins Einmarsch in die Ukraine wurde die Schere zwischen dem riesigen humanitären Bedarf und den bereitgestellten Geldmitteln immer größer. Diese Kluft hat sich nun noch mal vergrößert. Die russischen Panzer und Bomben zerstören nicht nur Wohnblöcke in Kiew und Mariupol. Der Krieg in der Ukraine tötet auch Kinder in Somalia.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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