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Acht Milliarden – Russlands Krieg Wie gefährlich ist die Lage am AKW Saporischschja?

Seit Wochen wird am größten Atomkraftwerk Europas gekämpft. Laut internationalen Nuklearexperten besteht an den Meilern von Saporischschja die Gefahr eines Strahlenunfalls. So wurde der Ort zum Instrument der Erpressung.
Ein Podcast von Olaf Heuser

Kann man in einem Kernkraftwerk arbeiten, das immer wieder beschossen wird? Während russische Soldaten die Anlage besetzen, die Arbeiter bedrohen, foltern, töten? Während die Angestellten in ständiger Sorge um Familie und Freunde leben? Und während immer wieder Notsituationen eintreten, in denen fachliche Fehler zum GAU führen könnten, zum Größten Anzunehmenden Unfall?

Die ukrainischen Techniker im Atomkraftwerk Saporischschja müssen seit Anfang März unter diesen Bedingungen arbeiten. Sie müssen einzelne Reaktoren herunterfahren, wenn sie vom Stromnetz getrennt werden, und müssen gleichzeitig sicherstellen, dass die Kraftwerksblöcke ausreichend mit Strom versorgt werden, um die Kühlung der Brennelemente zu gewährleisten. Und sie müssen es aushalten, wenn Geschosse das Gelände treffen, auf dem Behältnisse für strahlenden Abfall gelagert werden.

Die Angst dieser Menschen vor einer nuklearen Katastrophe ist real. Sollte es zu einem schweren Unfall kommen, wären diese Menschen direkt gefährdet; doch auch in Deutschland treibt die Angst vor radioaktiven Strahlen die Diskussion um Laufzeitverlängerungen. Denn beide Kriegsparteien nutzen diese Angst im Krieg der Informationen.

»Das AKW ist nicht nur eine Anlage im Krieg, die im Sinne eines Objekts Opfer von Kriegshandlungen ist«, sagt Anna Veronika Wendland, die als Technik- und Europahistorikerin zur nuklearen Arbeits- und Reaktorsicherheit in Ost- und Westeuropa forscht. »Sie ist auch ein Faustpfand, eine Geisel in der Hand der Besatzer. Sie ist ein Instrument, um Angst zu erzeugen.«

Unverhohlen drohte der russische Ex-Premier Dimitri Medwedew vor wenigen Wochen damit, dass auch die Europäische Union solche Kraftwerke betreibe und auch dort etwas passieren könnte. Aber auch die Ukraine nutzt die Angst vor atomaren Unfällen zu Propagandazwecken. Noch während die Inspektoren der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) das AKW Saporischschja untersuchten, warnte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erneut vor jener gefährlichen Situation, die durch die Kämpfe entstehen könnte.

»Im Grunde steigen sie auf die russische Angstkommunikation ein«, sagt die Historikerin Wendland. »Die Russen möchten, dass die Ukrainer so reagieren. Und es wäre sicherlich angebrachter, eher dann differenzierende und beruhigende Aussagen der eigenen Bevölkerung gegenüber zu machen, anstatt zu sagen: wir schrammen hier ständig am Super-GAU vorbei.« Die Kommunikation sei einerseits eine Gratwanderung, denn man laufe Gefahr, zu verharmlosen, um die Menschen zu beruhigen. »Auf der anderen Seite darf man sich aber auch nicht mittragen lassen von dieser Spirale, die die Russen ja ganz gezielt auslösen.«

Wie wirkt dieses Instrument der Angst in Deutschland? Wie muss man sich die Situation der ukrainischen Techniker im AKW Saporischschja vorstellen? Und wie gefährlich ist die Lage vor Ort? Darüber spricht Anna Veronika Wendland in dieser Folge des SPIEGEL-Auslandspodcasts »Acht Milliarden«.

Die aktuelle Episode hören Sie hier:

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