»Ohne euch« Selenskyj rechnet in lyrischer Wutrede mit Russland ab

Präsident Selenskyj gilt als Medienprofi. Nun haben ihn Stromausfälle in der Ostukraine zu einem eigenwillig anmutenden Gedicht motiviert. Hauptadressat seiner Widerstandspoesie: Moskau.
Wolodymyr Selenskyj bei einer Rede im August: »Glaubt ihr immer noch, wir sind ein Volk?«

Wolodymyr Selenskyj bei einer Rede im August: »Glaubt ihr immer noch, wir sind ein Volk?«

Foto: Ukraine Presidency / ZUMA Wire / IMAGO

200 Tage ist die russische Invasion in der Ukraine her, ein Ende des Krieges kaum absehbar. Dann hat am Wochenende die ukrainische Armee in einer überraschenden Offensive die Besatzer in großen Teilen der Ostukraine zurückgedrängt. Präsident Wolodymyr Selenskyj nutzte den Augenblick, um eine an ein Gedicht erinnernde Wutrede zu veröffentlichen.

»Glaubt ihr immer noch, wir sind ein Volk?«, fragt er an Russland gerichtet in dem auf Facebook und Telegram veröffentlichten Text. »Glaubt ihr immer noch, ihr könnt uns einschüchtern?«, heißt es weiter. Russland habe nichts verstanden, nicht erkannt, wofür die Ukraine einstehe. Dann fordert er auf, es ihm »von den Lippen« abzulesen: »Ohne Benzin oder ohne euch? Ohne euch. Ohne euch oder ohne Licht? Ohne euch. Ohne Wasser oder ohne euch? Ohne euch. Ohne Essen oder ohne euch? Ohne euch.«

»Ohne euch«

Im Kern werde die Ukraine jede Entbehrung eher hinnehmen, als an der Seite Russlands stehen zu wollen. Kälte, Dunkelheit und Hunger seien weniger »tödlich als deine ›Freundschaft und Bruderschaft‹«. Am Ende, schließt Selenskyj sein Gedicht, werde die Ukraine wieder mit Licht und Essen existieren – »ohne euch«.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Facebook, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Der ukrainische Präsident bezieht seinen in der Nacht zum Montag veröffentlichten Eintrag unmittelbar auf einen großflächigen Stromausfall in der Ostukraine. Kiew machte russische Angriffe auf Infrastruktur für die Blackouts verantwortlich, mutmaßlich als Gegenaktion zu den Geländegewinnen der Ukrainerinnen und Ukrainer vom Wochenende. Selenskyi bezeichnete die Russen daraufhin als »Terroristen«, die es nicht auf militärische Ziele abgesehen hätten, sondern die Menschen in der Ukraine ohne Strom und Heizung zurücklassen wollten.

Die Ukraine hatte zuvor die Rückeroberung von mindestens 30 Ortschaften in der östlichen Region Charkiw gemeldet. Demnach gelang es den ukrainischen Streitkräften auch, die für den Nachschub der russischen Truppen wichtige und schon zu Beginn des russischen Angriffskriegs besetzte ostukrainische Stadt Kupjansk zurückzuerobern.

Selenskyi gilt als Medienprofi, der mit der russischen Invasion in seinem Amt deutlich gewachsen ist. Der ehemalige Komiker begleitet als Staatsoberhaupt den Krieg mit täglichen Videobotschaften, in denen er die Ukrainerinnen und Ukrainer zum Durchhalten motivieren will und den Westen um Hilfe bittet. Viele Ansprachen und Social-Media-Aktionen von Selenskyj zielen auch unmittelbar auf russische Soldaten oder deren Familien ab – um sie dazu zu bewegen, nicht länger Krieg auf Geheiß von Kremlchef Wladimir Putin zu führen.

DER SPIEGEL

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hatten wir eine Passage des Textes mit »ohne dich« übersetzt. Richtig ist »ohne euch«. Wir haben die Zitate geändert.

mrc
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.