Krieg in Osteuropa – die aktuelle Lage Zahl der Ukraine-Geflüchteten in Deutschland an einem Tag verdoppelt, die BBC beendet ihre Aktivitäten in Russland

An Tag neun der russischen Ukraine-Invasion zählte die Bundespolizei 18.436 Kriegsflüchtlinge, die tatsächliche Zahl könnte noch höher liegen. In Mariupol droht eine humanitäre Katastrophe. Die BBC beendet ihre Berichterstattung aus Russland. Der Überblick.
Ankunft von Ukraine-Geflüchteten in Berlin

Ankunft von Ukraine-Geflüchteten in Berlin

Foto: Jens Schicke / IMAGO
  • Das russische Feuer auf das ukrainische Atomkraftwerk bei Saporischschja in der Nacht zum Freitag hat in ganz Europa große Sorge ausgelöst – zudem greift Russland offenbar weitere Städte an. Auch in mehreren Dörfern seien zivile Gebäude angegriffen worden, meldet der ukrainische Rettungsdienst.

  • Während Putins Truppen vorrücken, kommen immer mehr ukrainische Geflüchtete in Deutschland und der EU an.

  • Außerdem gerät die Medienlandschaft in Russland immer mehr unter staatliche Kontrolle. Die BBC beendet vorerst ihre Berichterstattung innerhalb der Grenzen der Föderation. Ein Überblick über die Entwicklungen des Tages.

Hilfe für die Menschen in der Ukraine – hier können Sie spenden

Militärische Lage

Beim Feuer auf das Atomkraftwerk in Saporischschja gehen Großbritannien und Frankreich von einem vorsätzlichen Angriff aus. »Dies ist das erste Mal, dass ein Staat ein (mit Brennstäben) bestücktes und funktionierendes Atomkraftwerk angegriffen hat. Und das ist eindeutig durch das Völkerrecht und die Genfer Konventionen verboten«, sagte die britische Uno-Botschafterin Barbara Woodward vor einer Dringlichkeitssitzung des Uno-Sicherheitsrats in New York. Die russischen Truppen konnten die Anlage, die einen Großteil der Ukraine mit Energie versorgt, einnehmen.

Ansonsten fokussierten sich die Aktionen des russischen Militärs wieder auf umkämpfte Städte und Dörfer. Putins Truppen haben offenbar versucht, die südukrainische Stadt Mykolajiw am Schwarzen Meer einzunehmen, seien aber nach Angaben der Stadtverwaltung wieder zurückgedrängt worden.

Aus Mariupol kam erneut ein verzweifelter Hilferuf des Bürgermeisters. Er forderte per Fernsehansprache militärische Hilfe und die Errichtung eines humanitären Korridors. Die Stadt habe aktuell weder Wasser noch Strom. Außerdem gehen den Menschen die Lebensmittel aus. »Wir werden einfach zerstört«, sagte Bürgermeister Wadym Bojtschenko. Mariupol ist aktuell von russischen Truppen umzingelt.

Der ukrainische Rettungsdienst meldete außerdem auf seiner Facebook-Seite Angriffe auf Dörfer in der Nähe der Großstädte – etwa in Markhalivka südlich von Kiew.

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Situation der Zivilbevölkerung

In Kiew sind seit Beginn von Russlands Angriffskrieg fast 400 Babys geboren worden. Dies teilte der Bürgermeister der Stadt Vitali Klitschko mit. Hier können Sie die ganze Meldung lesen.

In Deutschland kommen immer mehr Geflüchtete aus der Ukraine an. Ihre Zahl hat sich innerhalb eines Tages verdoppelt. Bis Freitagmittag hatte die Bundespolizei 18.436 Ankünfte festgestellt, wie ein Sprecher des Bundesinnenministeriums in Berlin sagte. Die tatsächliche Zahl dürfte höher liegen.

Für die Familien, die in der Ukraine bleiben, erwartet das Uno-Kinderhilfswerk Unicef am Samstag den ersten Lastwagenkonvoi mit Hilfsgütern. An Bord seien Medikamente sowie Wasser-, Sanitär- und Hygienekits, berichtete Unicef-Sprecher James Elder aus der westukrainischen Stadt Lwiw (Lemberg) per Videoschalte nach Genf. Schon vorher seien aus Beständen in den Nachbarländern unter anderem Sauerstofftanks an Krankenhäuser in Kiew geliefert worden. Unicef habe entlang der Fluchtrouten Zelte als sichere Zufluchtsorte für Minderjährige und ihre Mütter eingerichtet.

Reaktionen des Westens

Zum Beschuss des ukrainischen Atomkraftwerks Saporischschja sagte CDU-Chef Friedrich Merz, er halte einen Eingriff der Nato in den Ukrainekrieg für möglich, wenn es weiter gezielte Angriffe auf Atomkraftwerke geben sollte. »Es kann eine Situation geben, in der dann auch die Nato Entscheidungen treffen muss, Putin zu stoppen«, sagte Merz am Freitag dem Radiosender NDR Info. So weit sei es aber noch nicht, betonte er. Wenn allerdings Atomkraftwerke angegriffen würden, »wenn möglicherweise sogar die Reaktorblöcke getroffen werden sollten, dann sind wir unmittelbar bedroht von den Auswirkungen dieses Krieges«. In diesem Fall müsse die Nato darüber nachdenken, ob das auch ein Angriff auf das eigene Territorium sei.

Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn hatte eher deeskalierende Worte für die Gesamtsituation. Den ukrainischen Wunsch nach einer vom Westen durchgesetzten Flugverbotszone über der Ukraine wies er zurück. Eine solche No-Fly-Zone müsste von den Vereinten Nationen beschlossen werden, und es stelle sich die Frage, wer diese Zone kontrollieren würde, sagte der dienstälteste Chefdiplomat der Nato-Staaten am Freitag am Rande von Beratungen des Bündnisses in Brüssel. Ein militärisches Einwirken der Nato wäre »eine Weltkatastrophe«, warnte er.

Österreichs ehemaliger Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) beendete wegen des Ukrainekriegs seine Tätigkeit im Aufsichtsrat des russischen Ölkonzerns Lukoil. »Für mich, der sich immer für konstruktive Beziehungen zwischen der EU und Russland eingesetzt hat, ist mit dem kriegerischen Überfall auf die Ukraine, den brutalen Kampfhandlungen und Bombardierungen der Zivilbevölkerung die rote Linie überschritten«, teilte Schüssel, der von 2000 bis 2007 Regierungschef gewesen war, der österreichischen Nachrichtenagentur APA mit. Er habe in den vergangenen Tagen noch intensiv an einer Erklärung Lukoils zur Beendigung des Krieges mitgearbeitet, sagte der konservative ehemalige Politiker. In Deutschland wird stattdessen die Debatte über die Posten von Ex-Kanzler Gerhard Schröder bei russischen Energiekonzernen weitergeführt.

Reaktionen in Russland

Moskau will die Verbreitung angeblicher Falschinformationen über die russischen Streitkräfte bei der Invasion in der Ukraine mit drastischen Strafen belegen. Das Parlament stimmte in Moskau für eine entsprechende Gesetzesänderung. Es drohen demnach hohe Geldstrafen und bis zu 15 Jahre Haft – etwa, wenn man die Ereignisse in der Ukraine als »Krieg« bezeichnet. Moskau bezeichnet den Krieg als »militärische Sonderoperation«.

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Nach dem Erlass des neuen Mediengesetzes stoppt die BBC jegliche Form von Berichterstattung auf dem Gebiet der Russischen Föderation. Das gab die Sendeanstalt via Twitter bekannt. »Diese Gesetzgebung scheint den Prozess des unabhängigen Journalismus zu kriminalisieren«, wird BBC-Generaldirektor Tim Davie in dem Tweet zitiert. »Das lässt uns keine andere Option, als die Arbeit aller Journalisten von BBC News und ihrer Mitarbeiter in der Russischen Föderation zu stoppen, während wir die vollen Auswirkungen dieser unerwünschten Entwicklung untersuchen.« Lesen Sie hier die ganze Meldung.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Texts hieß es in der Überschrift und im Teaser, die BBC würde Russland verlassen. Der britische Sender dementiert inzwischen diese Angaben. Die Berichterstattung aus Russland werde zwar gestoppt, aber die Mitarbeiter bleiben im Land. Wir haben die Angaben angepasst.

col/dpa/AFP
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.