Bericht über russischen Komplott Ukrainischer Politiker Murajew weist Vorwürfe aus London zurück

Russland suche schon Politiker für eine kremltreue Marionetten-Regierung in Kiew, warnt man in London. Der prorussische Politiker Jewhenij Murajew sei dafür im Gespräch. Der nennt die Vorwürfe Unsinn.
Von Christian Esch, Kiew
Jewhenij Murajew (M.) in Charkiw

Jewhenij Murajew (M.) in Charkiw

Foto: VYACHESLAV MADIYEVSKYY / REUTERS

Das britische Außenministerium hat eine außerordentliche Warnung veröffentlicht. Die russische Regierung überlege bereits, wen es nach einer möglichen Invasion und Besetzung der Ukraine an der Spitze einer prorussischen Regierung in Kiew installieren könne, so die Mitteilung vom Samstagabend. Als möglicher Kandidat werde der ehemalige ukrainische Parlamentsabgeordnete Jewhenij Murajew erwogen.

Murajew selbst nennt die Spekulationen aus London »völligen Unsinn«. Die Nachricht, dass er als Marionettenfigur für eine russische Besetzung Kiews vorgesehen sei, habe ihn im Urlaub am Meer erreicht, sagt er dem SPIEGEL am Telefon. Um welches Urlaubsland es sich handelt, will er nicht sagen, »aber jedenfalls nicht Russland. Da ist mir die Einreise nämlich verboten, ich stehe seit 2018 unter persönlichen russischen Sanktionen. Ich wurde zur Bedrohung für Russlands Verteidigungsfähigkeit erklärt. Und deshalb habe ich jetzt so einige Fragen an die britischen Dienste.«

Nicht nur Murajew, auch andere Stimmen in der Ukraine äußern zumindest Zweifel an der Londoner Mitteilung. Warum Moskau ausgerechnet einen Mann, den es selbst mit Sanktionen belegt hat, nun als Premier für ein Besatzungsregime betrachten sollte, ist nur eine von vielen Fragen, die sich stellen.

Parteichef und Eigentümer eines Nachrichtenkanals

Im prorussischen Lager zählt Murajew mit 45 Jahren zur jüngeren Generation. Er kommt aus Charkiw, der Großstadt an der russischen Grenze im Osten, ist Chef der kleinen Partei »Naschi« (»Unsere«) und Eigentümer des Nachrichtenkanals »Nasch«.

Dort und auf seinem YouTube-Kanal äußert er sich gern auch mit abseitigen politischen Ansichten. So hält er die Gleichberechtigung Homosexueller, genmanipulierte Nahrungsmittel, biologische Forschungslabore und die Impfpflicht für Glieder einer Kette – alle dienten sie einem »Systematischen Genozid«, um die Weltbevölkerung zu reduzieren.

Von Moskau mit Sanktionen belegt

Murajew gehört klar zur zweiten Reihe der Politiker im prorussischen Lager. Zur ersten Reihe zählen etwa der Oligarch und Putin-Vertraute Wyktor Medwedtschuk, der seit Monaten unter Hausarrest steht. Mit ihm hat sich Murajew 2018 überworfen. Vermutlich ist das der Grund, warum Moskau ihn mit Sanktionen belegt hat.

»Russland versuchte damals, die prorussischen Kräfte mit Sanktionen in einer Partei zu konsolidieren«, sagt der Politologe Wolodymyr Fesenko. »Wer nicht mitmachte, auf den wurde mit Sanktionen Druck ausgeübt.« Murajew hatte sich der neuen Partei »Oppositionsplattform – für das Leben« nicht angeschlossen. 2019 kam er nicht mehr ins Parlament.

Ausgerechnet mit Putins engstem Vertrauten in der ukrainischen Politik verbindet Murajew deshalb eine Gegnerschaft. »Ich habe keine finanziellen oder anderen direkten Verbindungen nach Russland. Medwedtschuk dagegen hat allen gezeigt, wie er nach Russland fliegt, sich in der Duma oder mit dem Präsidenten und dem Premier trifft«, sagt er.

Murajew selbst nennt seine Positionen »proukrainisch und zentristisch«, nicht prorussisch. Aber er ist ein erklärter Gegner des derzeitigen Westkurses. Die Euromaidan-Revolution ist für ihn ein »Staatsstreich«, die russische Truppenkonzentration jenseits der ukrainischen Grenzen gefalle ihm zwar nicht, sei aber auch keine Bedrohung. »Wessen Recht verletzt es, wenn Truppen auf eigenem Territorium versammelt werden?«, fragt er. Landesweit sind mit solchen Positionen keine Mehrheiten zu holen, in Umfragen liegt Murajew unter sechs Prozent.

Politologe Fesenko vermutet, die Londoner Regierung könne schlicht einer Fehlinformation der Moskauer Geheimdienste aufgesessen sein. »In der prorussischen Opposition gibt es konkurrierende Gruppen, die versuchen, einander auf dem Umweg über Moskau hereinzulegen.«

Wie die anderen vier Namen auf die Liste des britischen Außenministeriums kamen, ist ungewiss. Der bekannteste unter ihnen ist Mykola Asarow, 74, unter Janukowytsch Premierminister der Ukraine, der 2014 nach Russland floh. Murajew sagt, er habe ihm dabei geholfen. »Die anderen kenne ich gar nicht persönlich«, sagt Murajew über die weiteren Personen auf der Liste. Es handelt sich um Andrij Kljujew, ehemaliger Stabschef von Janukowytsch, sowie die Politiker Serhij Arbusow und Wolodymyr Siwkowytsch.

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