Selbstmordmissionen, Plünderungen, Bedrohungen Ausländische Kämpfer berichten von Machtmissbrauch innerhalb der Internationalen Legion

Sie wollten für die Ukraine kämpfen, stattdessen sollten sie einem Bericht zufolge Geschäfte plündern oder wurden in den sicheren Tod geschickt. Internationale Kämpfer in der Ukraine fühlen sich von Kiew im Stich gelassen.
Freiwillige Kämpfer auf einem Übungsplatz in Polen

Freiwillige Kämpfer auf einem Übungsplatz in Polen

Foto:

Michal Dyjuk / AP

Haben Kommandeure der Internationalen Legion in der Ukraine ihre Macht missbraucht? Kämpfer dieser Legion, die für Freiwillige aus dem Ausland geschaffen wurde, die sich der Verteidigung der Ukraine verschreiben wollen, erheben im »Kyiv Independent« schwere Vorwürfe  gegen drei Vorgesetzte. Sie berichten von Diebstahl von ukrainischen Gütern, von sexueller Belästigung, davon, ohne Unterstützung in Einsätze gegen russische Truppen geschickt worden zu sein.

»Wir sind hierhergekommen, um diesen Menschen zu helfen, für ihr Land zu kämpfen, gegen diese Invasion«, zitiert das Onlinemedium etwa einen Zugführer aus Brasilien. »Wir sind nicht hierhergekommen, um genau das zu tun, was die verdammten Russen tun, wenn sie auf ukrainischem Boden sind.« Aus diesen Gründen, so der Soldat, hätten einige Mitglieder seiner Einheit der Legion den Rücken gekehrt.

Für die investigative Recherche sprach »Kyiv Independent« nach eigenen Angaben mit mehr als einem Dutzend ehemaliger und aktueller Legionäre. Zudem bezieht sich das Medium auf einen 78-seitigen Bericht, den die Kämpfer über die Probleme innerhalb der Spezialeinheit zusammengestellt und den Behörden übergeben haben, sowie Stellungnahmen, die an das Büro von Präsident Wolodymyr Selenskyj gesendet wurden, auf dessen Anweisung die Legion gegründet worden war. Geändert hatte sich offenbar nichts, deswegen wandten die Kämpfer sich nun an die Medien.

»Wir wurden buchstäblich zurückgelassen«

Ein amerikanischer Kämpfer etwa beschreibt dem Onlinemedium Einsätze nahe der südlichen Stadt Mykolajiw. Als sie unter schweren Beschuss durch die Russen geraten seien, so der Mann, hätten die übrigen Truppen den Rückzug angetreten, seine Truppe aber habe die Frontlinie allein und ohne Verstärkung halten müssen. »Wir wurden buchstäblich zurückgelassen, und sie wollten uns nicht evakuieren.« Ein Kamerad sei dabei getötet, drei weitere schwer verletzt worden.

Damit aber offenbar nicht genug. Kurz nachdem sie dem Beschuss entkommen seien, habe eine andere Gruppe derselben Einheit den Befehl erhalten, dieselbe Stellung einzunehmen. »Wir sagten dem Kommandeur, dass diese Stellungen von den Russen entdeckt wurden. Wenn wir dorthin zurückgehen, sind wir alle tot«, sagte der Soldat. Die Warnung sei ignoriert worden. Die Folge demnach: vier Tote, mehrere Verletzte und ein gefangener Soldat.

Ukrainische Soldaten und Kämpfer der Internationalen Legion nahe Charkiw

Ukrainische Soldaten und Kämpfer der Internationalen Legion nahe Charkiw

Foto: Bernat Armangue / AP

Vom Geheimdienst geleitet

Die Internationale Legion zum Schutz der Ukraine besteht den Angaben zufolge aus zwei Flügeln. Der eine werde von den ukrainischen Bodentruppen beaufsichtigt, der andere vom ukrainischen Militärgeheimdienst GUR. Die Vorwürfe beziehen sich auf jenen GUR-kontrollierten Teil, der demnach bis zu 500 Mitglieder umfasst und etwa ein Drittel der gesamten Legion ausmacht. Im Zentrum: drei Personen, denen neben dem offiziell als Leiter geführten Major die inoffizielle Befehlsmacht obliege.

Besonders schwer wiegen dabei die Vorwürfe gegen einen gewissen Sascha Kutschynski. Ein starker Trinker, wie es heißt, der seine Untergebenen misshandele, Sanitäterinnen belästige, Kämpfer bedrohe, die sich seinen illegalen Befehlen verweigerten, und sich durch Waffenhandel bereichere, so die Legionäre. Er sei es gewesen, der die Kämpfer in den Tod geschickt habe, er habe sie auch angewiesen, Geschäfte zu plündern.

»Soldaten meiner Einheit sollten in das Einkaufszentrum einbrechen, um Möbel und Elektronik und alle möglichen Wertgegenstände einzusammeln«, beschrieb ein kanadischer Kämpfer »Kyiv Independent« einen von mehreren Vorfällen. Ein kubanischer Soldat teilte dazu mit: »Die Einheimischen haben gesehen, wie wir die Möbel verladen haben, was mir sehr unangenehm war. Es fühlte sich an, als ob wir sie ausrauben würden. Dafür bin ich nicht in die Ukraine gekommen.« Ein französischer Kämpfer schrieb: »Ich schämte mich, den Befehl auszuführen und vor den Augen der Anwohner, die unter dem Krieg litten, Möbel und Wertgegenstände aus den Geschäften zu entfernen.«

Dem »Kyiv Independent« liegt nach eigenen Angaben ein Video dieses Vorfalls vor, in dem mehrfach die Rechtmäßigkeit von »Saschas« Anordnungen infrage gestellt wird:

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Besonders brisant: Sascha Kutschynski ist offenbar nicht der richtige Name des berüchtigten Mannes. Den Recherchen zufolge handelt es sich um ein ehemaliges Mitglied einer kriminellen Organisation aus Polen, Piotr Kapuscinski, der in seiner Heimat wegen Betrugs gesucht und 2014 geflohen war. Zwei Jahre später tauchte er demnach in der Ukraine wieder auf, wo er unter anderem wegen sexueller Nötigung bekannt ist und wegen Raubes zwei Jahre ins Gefängnis musste. Einen Auslieferungsantrag lehnte Kiew ab. Im vergangenen Jahr stand ihm erneut eine Haftstrafe bevor, sieben Jahre wegen Waffenbesitzes. Weil er bei Kriegsbeginn aber der Armee beitrat, wurde der Fall eingestellt. Nach ukrainischem Recht darf ein Ausländer keine Führungsaufgaben in der Armee wahrnehmen. Kapuscinski schaffte es offenbar trotzdem.

Mit den Vorwürfen konfrontiert sagte der Mann dem »Kyiv Independent«: »Das ist Sache der Militärstaatsanwaltschaft, sich mit diesen Fragen zu befassen. Kein Kommentar. Ich bin beschäftigt.«

Vom »Kyiv Independent« als Piotr Kapuscinski identifiziert: Ein Kommandant der Internationalen Legionäre, dort bekannt als Sascha Kutschynski

Vom »Kyiv Independent« als Piotr Kapuscinski identifiziert: Ein Kommandant der Internationalen Legionäre, dort bekannt als Sascha Kutschynski

Foto: Legion's fighters / The Kyiv Independent

Der laut den Recherchen für die Einheit verantwortliche Militärnachrichtendienst GUR hat gegenüber »Kyiv Independent« nicht auf die Vorwürfe reagiert. Auch eine Anfrage des SPIEGEL dazu blieb zunächst unbeantwortet. Aus dem Präsidialamt wurde lediglich der Eingang der Beschwerden bestätigt. Sie seien an die Strafverfolgungsbehörden weitergeleitet worden – denen den Kämpfern zufolge längst Anzeigen wegen Machtmissbrauchs, Betrugs und Körperverletzung vorliegen.

Tatsächlich war der Mann, der sich Sascha Kutschynski nennt, dem Bericht zufolge wegen seiner Verfehlungen bereits durch den Sicherheitsdienst der Ukraine (SBU) sowie später auch von der Militärstaatsanwaltschaft befragt worden. Passiert ist offenbar nichts. Im Gegenteil: Kutschynski habe die Vorwürfe zurückgewiesen und seinen Posten behalten.

Einige der Kämpfer haben der Legion inzwischen den Rücken gekehrt. Andere sind geblieben, weil sie der Ukraine weiter helfen wollen, sich gegen die Invasion zu behaupten. Das gehe jedoch nur, wenn die Legion unter neuer Führung reformiert werde.

sak
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