Gräueltaten in der Ukraine Selenskyj befürchtet »noch schrecklichere Dinge« als in Butscha

Der ukrainische Präsident kritisiert Russland scharf für die Verbrechen in Butscha. Es könnten »noch mehr Tote und Misshandlungen« bekannt werden, sagt Wolodymyr Selenskyj. Zudem macht er Angela Merkel Vorwürfe.
Wolodymyr Selenskyj am Sonntagabend: »Warum wurden gewöhnliche Zivilisten in einer gewöhnlichen friedlichen Stadt zu Tode gefoltert?«

Wolodymyr Selenskyj am Sonntagabend: »Warum wurden gewöhnliche Zivilisten in einer gewöhnlichen friedlichen Stadt zu Tode gefoltert?«

Foto: Ukrainian Presidential Press Office / AP / dpa

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel zu einer Reise in die von schweren Gräueltaten erschütterte Stadt Butscha eingeladen. In dem Kiewer Vorort könnten sich Merkel – ebenso wie der ehemalige französische Präsident Nicolas Sarkozy – ein Bild von ihrer gescheiterten Russlandpolitik der vergangenen Jahre machen, sagte Selenskyj am Sonntagabend in einer Videobotschaft.

Im Jahr 2008 hätten die Nato-Staaten, darunter Deutschland, der Ukraine eine Aufnahme in Aussicht gestellt, dann aber aus Rücksicht auf Russland einen Rückzieher gemacht.

»Ich lade Frau Merkel und Herrn Sarkozy ein, Butscha zu besuchen und zu sehen, wozu die Politik der Zugeständnisse an Russland in 14 Jahren geführt hat«, sagte Selenskyj. »Sie werden die gefolterten Ukrainer und Ukrainerinnen mit eigenen Augen sehen.«

Die Bilder aus Butscha, wo nach dem Abzug russischer Truppen zahlreiche Leichen von Bewohnerinnen und Bewohnern auf den Straßen gefunden worden waren, sorgten am Sonntag international für Entsetzen. Die Ukraine macht für das Massaker russische Truppen verantwortlich, die Butscha bis vor Kurzem besetzt hatten.

Moskau bestreitet das und erklärte, kein Einwohner Butschas habe unter irgendeiner Gewalt russischer Soldaten leiden müssen. Bei den Fotos und Videos aus Butscha handele es sich vielmehr um eine weitere Inszenierung des Regimes in Kiew für die westlichen Medien. Alle russischen Einheiten hätten Butscha am 30. März verlassen.

»Denn das ist die Natur des russischen Militärs, das in unser Land gekommen ist. Sie sind Unwesen, die nicht wissen, wie sie es anders machen sollen.«

Wolodymyr Selenskyj

Selenskyj sagte am Sonntagabend, er befürchte, dass sich noch »schrecklichere Dinge auftun könnten« als das, was bisher über die Verbrechen in Butscha bekannt geworden ist. Andere Regionen des Landes stünden noch unter russischer Kontrolle. Dort könnten »noch mehr Tote und Misshandlungen« bekannt werden.

»Denn das ist die Natur des russischen Militärs, das in unser Land gekommen ist. Sie sind Unwesen, die nicht wissen, wie sie es anders machen sollen«, sagte Selenskyj. Er wolle, dass jede Mutter eines russischen Soldaten die Leichen der getöteten Menschen in Butscha und anderen Städten sehe.

DER SPIEGEL

»Was haben sie getan? Warum wurden sie getötet? Was hat ein Mann getan, der mit dem Fahrrad die Straße entlangfuhr?«, fragte Selenskyj. »Warum wurden gewöhnliche Zivilisten in einer gewöhnlichen friedlichen Stadt zu Tode gefoltert? Warum wurden Frauen erdrosselt, nachdem sie ihnen die Ohrringe aus den Ohren gerissen hatten? Wie konnten sie Frauen vergewaltigen und sie vor den Augen der Kinder töten? Ihre Körper auch nach ihrem Tod verspotten? Warum haben sie die Körper von Menschen mit Panzern überfahren? Was hat die ukrainische Stadt Butscha Ihrem Russland getan?«

Die US-Firma Maxar veröffentlichte am Sonntag Satellitenbilder, die einen knapp 14 Meter langen Graben auf dem Gelände einer Kirche in Butscha zeigen. Dort wurden nach ukrainischen Angaben die Leichen Hunderter von russischen Truppen getöteter Zivilisten begraben.

Maxar-Satellitenbild aus Butscha: Die Aufnahme entstand dem Unternehmen zufolge am 31. März

Maxar-Satellitenbild aus Butscha: Die Aufnahme entstand dem Unternehmen zufolge am 31. März

Foto: MAXAR TECHNOLOGIES / via REUTERS

Selenskyj kritisiert EU-Sanktionen als unzureichend

Merkel war von 2005 bis 2021 Bundeskanzlerin. Obwohl sie Putins Brutalität kannte, stoppte Merkel die umstrittene Gaspipeline Nord Stream 2 nicht (lesen Sie hier mehr dazu ). Merkel hatte Ende Februar den russischen Angriff auf die Ukraine verurteilt und sich hinter die Bemühungen ihres Nachfolgers Olaf Scholz gestellt, Präsident Wladimir Putin zu stoppen.

Scholz hatte nach den Vorfällen in Butscha am Sonntag neue Sanktionen gegen Russland in Aussicht gestellt. »Wir werden im Kreis der Verbündeten in den nächsten Tagen weitere Maßnahmen beschließen«, kündigte der SPD-Politiker am Sonntag an, ohne weitere Details zu nennen. Die angekündigten weiteren Sanktionen der EU gegen Russland würden Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck zufolge zügig kommen.

Selenskyj sagte in seiner Videobotschaft am Sonntag, die angekündigten Sanktionen des Westens gegenüber Russland seien nicht ausreichend.

ngo/aar/dpa/Reuters
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