Ukrainer und Russen in Thailand »Was nützt ein Paradies, wenn Krieg ist«

Auf der thailändischen Insel Koh Phangan leben viele Auswanderer aus Russland und der Ukraine. Hier erzählen zwei von ihnen, wie sie den Krieg aus der Ferne erleben – und wie sie mit ihren Nachbarn jetzt klarkommen.
Aufgezeichnet von Maria Stöhr, Koh Phangan
Die Ukrainerin Ievegniia Mykhailowa sorgt sich von Thailand aus um ihre Familie zu Hause. Die Fotos, sagt sie, seien aus einer glücklicheren Zeit

Die Ukrainerin Ievegniia Mykhailowa sorgt sich von Thailand aus um ihre Familie zu Hause. Die Fotos, sagt sie, seien aus einer glücklicheren Zeit

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Ein Ort ist so lange ein Paradies, wie man so tun kann, als zöge die Welt an ihm vorbei.

Koh Phangan ist für viele zu einem Paradies geworden, die Insel im Golf von Thailand, grüner bergiger Dschungel, kleine Buchten, kein Flughafen. Nur Boote bringen Menschen hierher. Auf Koh Phangan kommen viele zusammen, die das Ziel haben, lange zu bleiben.

Aussteiger hat man sie mal genannt, weil sie ja offenbar vieles hinter sich gelassen haben: ihre alte Welt, ihren Alltag, die Konflikte. In der Hoffnung, auf Phangan etwas Besseres, vielleicht sich selbst zu finden.

Eine der vielen Buchten auf Koh Phangan, Golf von Thailand

Eine der vielen Buchten auf Koh Phangan, Golf von Thailand

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Adam Schreck / AP

Viele dieser Langzeitreisenden auf Koh Phangan kommen aus der Ukraine und Russland.

So auch Ievegeniia Mykhailowa, 41 Jahre, Ukrainerin. Seit vier Jahren lebt sie auf Koh Phangan. Und Anna Abramenko, 38 Jahre, Russin. Vor drei Jahren zog sie auf die thailändischen Insel. Beide haben dem SPIEGEL Fotos zugeschickt, von sich selbst auf Phangan, es sind Fotos aus einer glücklicheren Zeit, wie sie sagen.

Ievegniia Mykhailowa stammt aus der Ukraine und lebt seit vier Jahren auf Koh Phangan

Ievegniia Mykhailowa stammt aus der Ukraine und lebt seit vier Jahren auf Koh Phangan

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Die Frauen erzählen, was ihnen durch den Kopf geht, seit dem 24. Februar, dem Tag, an dem Putin einen brutalen Angriffskrieg gegen die Ukraine begann. Von dem Moment, an dem sie verstanden, dass die Wut und die Angst, die ein Krieg auslöst, jeden Ort der Welt erreichen können, so entlegen er eben noch schien.

Ievegeniia Mykhailowa, die Ukrainerin, beginnt zu erzählen:

»2014 ist mein Leben zum ersten Mal auseinandergefallen. Als Putin die Krim angriff. Doch nie hätte ich gedacht, dass er so etwas noch einmal wagen könnte, dass er noch weitergehen könnte. Und nun? Ist am 24. Februar 2022 mein Leben zum zweiten Mal in sich zusammengebrochen. Ich spüre die Bedrohung der Ukraine körperlich. Meine Landsleute, die Unabhängigkeit meiner Heimat – alles ist akut bedroht durch einen von Macht trunkenen Diktator.

Putin bringt meine Landsleute um. Daran zu denken macht mich fertig. Ich habe Verwandte in Odessa, Cherson, Mykolajiw, Kiew, Charkiw, Winnyzja. Ich tue mein Bestes, um sie aus der Ferne zu stützen , stehe in ständigem Kontakt, ich höre ihre Schreie durch das Telefon, die Kinder haben Angst , sie verstehen nicht, was los ist. Wie auch? Sie schlafen in Kellern, Unterführungen, in Bunkern .

Ich habe die Ukraine verlassen, als ich 30 Jahre alt war. Lebte in der Dominikanischen Republik, dann zog ich nach Thailand. Ich war glücklich hier. Doch was nützt ein Paradies, wenn Krieg ist? In diesen Tagen fühle ich mich hilflos. Ich könnte denken: Gut, dass ich in Sicherheit bin, aber fühle mich nicht sicher, nicht emotional, nicht gedanklich, mein Körper fühlt sich auch hier angegriffen. Denn die Ukraine, das bin ich, das ist meine Familie, das sind meine Freunde, Lehrer, Kultur, mein Leben.

Ich sehe aus der Ferne zu, wie ukrainische Männer plötzlich mit dem Militär kämpfen. Ich sehe im Internet, wie Mütter mit ihren Kindern flüchten. Manche von ihnen sind meine besten Freundinnen. Wie die Frauen, die bleiben, den Männern Proviant einpacken, für sie beten, damit sie abends zurückkehren. So ist also der Krieg.

»Ich könnte denken: Gut, dass ich in Sicherheit bin, aber ich denke, ich lasse mein Volk im Stich.«

Ievegeniia Mykhailowa

Dem russischen Volk mache ich keine Vorwürfe. Ich glaube, niemand wollte diesen Krieg. Nur Putin. Jetzt ist die Zeit aufzustehen gegen die Willkür und die Wirren des Diktators. Auch die Russinnen und Russen wollten diesen Krieg nicht, das will ich wirklich gerne glauben. Deshalb an die, die trotz aller Gefahr demonstrieren: Bleibt mutig! Auch eure Zukunft hängt an dem, was in der Ukraine geschieht.«

Anna Abramenko zog von der russischen Stadt Perm nach Koh Phangan

Anna Abramenko zog von der russischen Stadt Perm nach Koh Phangan

Foto: privat

Anna Abramenko, die von Russland nach Koh Phangan auswanderte, hat statt eines Interviews eine lange Mail geschickt. Sie sagt, sie könne nur schriftlich Worte finden für das, was in ihrem Kopf los ist. Sie schickt später weitere Chatnachrichten im Facebook-Messenger. Zum Beispiel, dass ihre Mutter in der russischen Stadt Perm beinahe von Polizisten festgenommen worden sei, weil sie mit ihrem Handy den Anti-Kriegs-Protest auf der Straße gefilmt hatte.

Abramenko schreibt:

»Ich bin 1983 geboren, in einer Millionenstadt im Uralgebirge, an der Scheide zwischen Europa und Asien. Kindheit in der Sowjetunion, mit 15 Jahren ging ich für ein Austauschjahr in die USA. Ich kehrte zurück nach Russland, fing an zu arbeiten. Aber dann, 2009, machten mein Mann und ich uns mit 500 Dollar in der Tasche auf zu einer großen Reise.

Mit dem Zug vom Ural nach Kasachstan, Usbekistan, Kirgisistan, China, Himalaja, Kathmandu, ganz Indien, danach Thailand, Malaysia und Indonesien. Wir konnten nicht aufhören. Die Reise wurde zu unserem Zuhause. Wir wurden zur ersten Generation russischer junger Leute, die begannen, sich frei in der Welt zu bewegen und sich als Auswanderer, nicht als Dissidenten, in anderen Ländern niederzulassen.

»Die Ukraine und Russland – wir sind doch zwei Länder wie Geschwister. Wie kann Putin das tun?«

Anna Ambramenko

Zunächst auf der Flucht vor dem langen russischen Winter, dann mehr und mehr vor dem System, das in Russland herrscht. Ich empfinde es als ein System der Unfreiheit, in dem nicht gesagt werden darf, was gedacht wird, in dem die Mächtigen die normalen Leute unterdrücken. Ich suchte einen Ort auf der Welt, an dem ich frei sein konnte. Ich fand: Koh Phangan.

Koh Phangan ist für mich wie eine bessere Welt in Miniatur. Hier erlebe ich Unterstützung und Respekt zwischen Russen und Ukrainern – schon immer, aber jetzt besonders. Die ganze Community tut ihr Bestes, wir helfen uns gegenseitig, hören der anderen Seite zu, versuchen, so menschlich wie möglich zu sein, als Gegenpunkt zu dem Horror, der jetzt zwischen unseren Ländern passiert.

Ich arbeite hier als digitale Nomadin, betreibe Digital Marketing für den russischen Markt. Weil die Wirtschaft in Russland abrauscht, sind meine Einnahmen um 50 Prozent zurückgegangen.

Lange konnte ich hier vieles ausblenden, was zu Hause geschah. Das ist vorbei. Was russische Truppen in der Ukraine anrichten, ist eine Tragödie. Ich bin entsetzt, kann es nicht fassen, es tut so weh. Ich war 2014 auf dem Maidan, als dort noch die Flüchtlingszelte standen und ukrainische Freunde gerade erst anfingen, sich vom Krieg zu erholen. Ich habe Verwandte und Freunde überall in der Ukraine. Die Ukraine und Russland – wir sind doch zwei Länder wie Geschwister. Meine ukrainischen Freunde versuchen zu fliehen, ihre Kinder mitzunehmen, ihr Leben und das Leben ihrer Angehörigen zu retten. Die Menschen flehen um Hilfe und bitten darum, das Blutvergießen zu beenden.

Es schmerzt mich auch, dass Putins Propaganda und die Zensur so gut in der russischen Bevölkerung verfangen. Die Bevölkerung ist in zwei Teile geteilt. Die einen gehen in Massen auf die Straßen trotz aller Gefahr und werden in Massen verhaftet und mit Polizeiwagen abtransportiert, weil sie das rufen: Frieden! Kein Krieg!

»Russland ist nicht Putin!«

Ein anderer Teil der Russen glaubt blind den sprechenden Puppen aus dem Fernsehen. Die Propaganda spaltet Familien. So viele, auch Bekannte von mir, verbreiten Fake News im Internet.

Ich bin eine Russin mit ukrainischem Nachnamen. Bitte, vergesst das nicht: Russland ist nicht Putin! Ich bin gegen die Isolierung meiner Landsleute, bitte macht nicht das ganze Volk für die Gräuel Putins verantwortlich. Lasst uns im Dialog bleiben. Lasst uns gemeinsam für den Frieden eintreten. In allen Sprachen dieser Welt, an allen Orten dieser Welt. In Europa, auf Koh Phangan – oder wo auch immer du dies gerade liest.«

In der vergangenen Woche wurden auf Koh Phangan eilig ein paar Friedensdemos anberaumt und eine Party mit dem Namen »Russian Ukrainian Love Edition – Make Music not War«. Es ist der Versuch einer russisch-ukrainischen Inselgemeinschaft, sich nicht ganz so hilflos zu fühlen. Und nicht zuletzt: den Dialog und den Frieden zwischen den beiden Nationalitäten wenigstens auf Koh Phangan zu wahren.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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