Ukrainische Hafenstadt »Wie vom Erdboden verschluckt«

Russische Truppen dringen weiter nach Mariupol vor: Straßenkämpfe verhindern die Suche nach Überlebenden. Satellitenbilder zeigen die Zerstörungen am Theater der Stadt.
Prorussische Truppen fahren mit einem Panzerfahrzeug nach Mariupol ein

Prorussische Truppen fahren mit einem Panzerfahrzeug nach Mariupol ein

Foto: STRINGER / REUTERS

Russische Streitkräfte sind am Samstag weiter in die belagerte und nach wochenlangen Angriffen verwüstete ukrainische Hafenstadt Mariupol vorgedrungen. Bei schweren Kämpfen wurde ein großes Stahlwerk lahmgelegt. Neue Satellitenbilder zeigen zudem die Zerstörungen am Theater der Stadt.

Das Gebäude war ukrainischen Angaben zufolge am Mittwoch angegriffen und weitgehend zerstört worden. Kiew und Moskau gaben sich dafür gegenseitig die Schuld. Behördenangaben zufolge hatten zum Zeitpunkt des Angriffs mehr als tausend Menschen in dem Theater Schutz gesucht. Die Menschenrechtsorganisation »Human Rights Watch« sprach von mindestens 500 Zivilisten.

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Das Theater war offenbar als zivile Schutzeinrichtung markiert gewesen. Auf Satellitenbildern des privaten US-Unternehmens Maxar vom Montag war zu sehen, dass an Vorder- und Rückseite des Gebäudes in großen Buchstaben das Wort »Kinder« auf Russisch auf den Boden geschrieben worden war. Auf einem Satellitenbild des US-Unternehmens Maxar, das der BBC-Journalist Shayan Sardarizadeh nun auf Twitter gepostet hat, ist zu erkennen, welche schweren Schäden der Angriff an dem Gebäude angerichtet hat.

»Wie vom Erdboden verschluckt«

Die russischen Truppen versuchen unterdessen offenbar, die seit Wochen hart umkämpfte Stadt mit allen Mitteln einzunehmen. Berichten zufolge sind an dem Kämpfen auch prorussische Truppen beteiligt, die keine Markierungen an ihren Uniformen tragen. Der BBC zufolge beklagt der Bürgermeister der Stadt, Vadym Boichenko, dass die Straßenkämpfe auch die Suche nach weiteren Überlebenden in den Trümmern des zerstörten Theaters unmöglich mache. Es gebe »kein noch so kleines Stück Land in der Stadt, das nicht vom Krieg gezeichnet ist«, sagt Boichenko.

Bei den Kämpfen zerstörte Häuserblocks in Mariupol

Bei den Kämpfen zerstörte Häuserblocks in Mariupol

Foto: IMAGO/Alexey Kudenko / IMAGO/SNA

Die Einnahme von Mariupol wäre für die russischen Truppen ein großer Sieg, nachdem sie seit nunmehr drei Wochen größtenteils außerhalb der großen Städte festsitzen.

»Kinder und alte Menschen sterben. Die Stadt ist zerstört und wie vom Erdboden verschluckt«, sagte Michail Vershnin, ein Polizeibeamter aus Mariupol, der Nachrichtenagentur Associated Press zufolge in einem Video. Der Clip zeigt ihn demnach auf einer von Schutt und Trümmern übersäten Straße.

Menschen auf einer von Trümmern übersäten Straße in Mariupol

Menschen auf einer von Trümmern übersäten Straße in Mariupol

Foto: STRINGER / REUTERS

Keine Hilfe zu erwarten

Die russischen Streitkräfte haben die Stadt bereits vom Asowschen Meer abgeschnitten. Ihr Fall würde die Krim, die Russland bereits 2014 annektiert hat, mit den von Moskau unterstützten Separatistengebieten im Osten der Ukraine verbinden. Gleichzeitig kämpfen ukrainische und russische Streitkräfte um das Stahlwerk Azovstal in Mariupol, sagte Vadym Denysenko, Berater des ukrainischen Innenministers, am Samstag in einer Fernsehsendung. »Eine der größten Stahlhütten Europas wird gerade zerstört.«

Oleksiy Arestovych, ein Berater des ukrainischen Präsidenten, erklärte, die nächstgelegenen Kräfte, die den Verteidigern von Mariupol helfen könnten, würden bereits gegen die »überwältigende Kraft des Feindes« kämpfen oder seien mindestens hundert Kilometer von der Stadt entfernt. Es gebe derzeit »keine militärische Lösung für Mariupol«, sagte er am späten Freitag. Das sei nicht nur seine Meinung, sondern auch »die Meinung des Militärs«.

Tausende Zivilisten aus Mariupol evakuiert

Kiew und Moskau meldeten die Evakuierung Tausender weiterer Zivilisten aus besonders umkämpften Gebieten in der Ukraine, darunter auch aus Mariupol. Am Samstag seien mehr als 4100 Menschen aus der Stadt geflohen, schrieb der stellvertretende Leiter des ukrainischen Präsidialamtes, Kyrylo Tymoschenko, auf Telegram. Knapp 2500 weitere Zivilisten seien aus den Regionen Kiew und Luhansk über sogenannte Fluchtkorridore in Sicherheit gebracht worden.

mak/jso/AP/dpa
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