SPIEGEL-Umfrage Ansehen der EU leidet massiv wegen Impfstoffbeschaffung

Zu langsam, zu wenig, zu ineffizient: Bei der Bestellung von Impfstoffen in der Europäischen Union gibt es große Probleme. Eine Umfrage des SPIEGEL zeigt, welche dramatischen Folgen dies für das Ansehen der EU hat.
EU-Kommissionschefin von der Leyen: Bevölkerung lastet Impfdesaster ihr an

EU-Kommissionschefin von der Leyen: Bevölkerung lastet Impfdesaster ihr an

Foto: Francisco Seco / AP

Dass bei der Beschaffung von Corona-Impfstoffen durch die EU alles gut gelaufen ist, wird nicht einmal mehr in Brüssel behauptet – zu offenkundig sind die Probleme bei der Lieferung, zu schleppend laufen deshalb vielerorts die Impfkampagnen an. Jüngst musste EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im Europaparlament eingestehen, dass man etwa bei der Zulassung der Vakzinen spät dran gewesen sei.

Der Befund, dass die EU ihre aktuell wichtigste Aufgabe vergeigt hat, ist da nur folgerichtig. Bemerkenswert ist aber, wie sehr dies die Einstellung der Bürgerinnen und Bürger zur Europäischen Union verändert hat. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag des SPIEGEL zeigt nun, wie massiv das Ansehen der EU in der Bevölkerung gelitten hat.

Bei insgesamt rund zwei Dritteln der Befragten hat das Bild der Europäischen Union wegen der Impfstoffbeschaffung gelitten. Konkret antworteten 22 Prozent, es habe sich »eher verschlechtert«. Nahezu doppelt so viele (42 Prozent) gaben sogar an, es habe sich »eindeutig verschlechtert«.

Dagegen antworteten gerade einmal rund 6 Prozent der Befragten, ihr Bild von der EU habe sich angesichts der Impfstoffbeschaffung eher oder eindeutig verbessert.

Die Kritik an der EU kommt aus allen politischen Lagern. Selbst unter Anhängern von Union, SPD, Grünen und Linken gaben mehr als die Hälfte an, ihr Bild von der Europäischen Union habe sich verschlechtert. Bei Unterstützern anderer Parteien war der Anteil noch größer.

Von der Leyen im Zentrum der Kritik

Besonders EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen kommt bei den Bürgerinnen und Bürgern nicht gut weg. Die Aussagen der CDU-Politikerin im Europaparlament lasen sich teils, als wolle sie vor allem die Verantwortung auf die Impfstoffhersteller abschieben.

In Deutschland sind derzeit gerade einmal 2,5 Millionen Menschen geimpft worden. Davon haben sogar nur 1,2 Millionen die zweite Impfung erhalten. Das entspricht 1,4 Prozent der Bevölkerung. Eine Herdenimmunität wird ab einem Anteil von 60 bis 70 Prozent voll immunisierter Menschen erwartet. Zum Vergleich: In Israel ist bereits fast ein Drittel der Bevölkerung geimpft.

Dieser Rückstand fällt offenbar auf von der Leyen zurück. Laut der SPIEGEL-Umfrage hat das Bild der CDU-Politikerin bei zwei Dritteln der Befragten wegen der Impfstoffbeschaffung gelitten. Die Hälfte der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sagte sogar, ihr Bild von der Kommissionschefin habe sich »eindeutig verschlechtert«.

Auch im Fall von der Leyen ist die Kritik parteiübergreifend. Selbst Anhänger der Unionsparteien gaben mehrheitlich an, ihr Bild der Kommissionspräsidentin habe sich verschlechtert. Bei den Unterstützern anderer Parteien hat von der Leyens Image teilweise noch deutlich stärker gelitten.

Dennoch ist wohl kaum mit personellen Konsequenzen zu rechnen. Erst kürzlich stellten sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hinter von der Leyen und verteidigten die Impfstoffbeschaffung auf EU-Ebene. Die grundsätzliche Entscheidung hierfür »ist und war richtig«, sagte Merkel in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Macron.

Auch Merkel hat indes jüngst Fehler in der zweiten Corona-Welle eingeräumt. Die erste Welle im vergangenen Frühjahr habe Deutschland weit weniger getroffen als andere Staaten, sagte sie bei einer Regierungserklärung im Bundestag. »Dann waren wir nicht vorsichtig genug und nicht schnell genug.«

Das Vorgehen gegen Ende des Sommers und zu Beginn des Herbstes sei zu zögerlich gewesen. Deutschland habe damals nicht rechtzeitig und konsequent genug das öffentliche Leben wieder heruntergefahren.

Lesen Sie hier Hintergründe zur Civey-Methodik.

bmo