Hilfsprogramme »Es gab eine Art Wohltätigkeitsgeschäft«

Warum hungern im Süden Madagaskars mehr als eine Million Menschen? Die Umweltministerin des Landes kritisiert internationale Hilfsorganisationen: Von Spenden seien teure Autos gemietet worden.
Ein Interview von Heiner Hoffmann
Essensausgabe des Welternährungsprogramms in Behara im Süden Madagaskars

Essensausgabe des Welternährungsprogramms in Behara im Süden Madagaskars

Foto: Njaka Rajaonisaona / DER SPIEGEL
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

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SPIEGEL: Frau Raharinirina, wie ernst ist die Lage im Süden Madagaskars?

Raharinirina: Die Situation wird immer schlimmer, vor allem durch die Auswirkungen des Klimawandels. Die Temperaturen steigen, und die Prognosen zeigen, dass es in den kommenden Jahrzehnten immer weniger Regen geben wird. Wir müssen dringend eingreifen. Aber wir haben das Gefühl, dass es eine Art Klima-Ungerechtigkeit gibt: Wir Inselstaaten sind vom Klimawandel besonders betroffen, obwohl wir kaum etwas dazu beitragen. Wir bräuchten eine Begrenzung der Erderwärmung und Ausgleichszahlungen von reicheren Ländern, damit wir die Folgen der Klimakrise auffangen können. Der Klimagipfel in Glasgow sollte diese Ungerechtigkeit eigentlich adressieren, aber er war eine echte Enttäuschung. Wir fragen uns, ob Afrika auf internationaler Ebene überhaupt jemanden interessiert.

Zur Person
Foto: Njaka Rajaonisaona / DER SPIEGEL

Baomiavotse Vahinala Raharinirina, 41, ist seit 2020 Umweltministerin von Madagaskar. Die promovierte Umweltökonomin hat zuvor als Beraterin für nachhaltige Entwicklung gearbeitet.

SPIEGEL: Der Süden Madagaskars ist in hohem Maße abhängig von Hilfe von außen – von Essensrationen und Bargeldauszahlungen. Wie lange kann das gut gehen?

Raharinirina: Unsere Regierung verfolgt einen neuen Ansatz, der langfristiger wirken soll. Wir planen Großprojekte wie eine Wasserpipeline, die in den nächsten Monaten gebaut wird. Wir haben auch Pläne für eine widerstandsfähigere Landwirtschaft, für Bildung und Gesundheit. Wir wollen Nachhaltigkeit mit Nothilfe verbinden. Dafür werben wir international Gelder ein. Ja, wir sind immer noch von internationaler Hilfe abhängig – aber wir tun unser Bestes, um die Menschen in die Lage zu versetzen, für sich selbst zu sorgen. Wir wollen auch die internationale Hilfe besser koordinieren. Denn wir haben festgestellt, dass 30 Prozent der Hilfe für Ausgaben wie Autovermietung und Beraterhonorare draufgehen. Die Steuerzahler und Spender aus dem globalen Norden möchten aber, dass die Hilfe direkt denjenigen zugutekommt, die unter dieser Situation im Süden leiden. Es wurden auch viele Leute entlassen oder verhaftet, weil sie Gelder veruntreut hatten.

Abhängig von internationaler Hilfe: Bewohnerinnen von Behara im Süden Madagaskars

Abhängig von internationaler Hilfe: Bewohnerinnen von Behara im Süden Madagaskars

Foto: Njaka Rajaonisaona / DER SPIEGEL

SPIEGEL: Viele Menschen im Süden des Landes fühlen sich von der Regierung im Stich gelassen. Die Infrastruktur ist in einem verheerenden Zustand.

Raharinirina: In den vergangenen 40 Jahren gab es im Süden Madagaskars eine Art Wohltätigkeitsgeschäft, davon haben viele profitiert – sowohl die früheren Regierungen als auch die Hilfsorganisationen. Unser Ziel ist nun, immer weniger von dieser Hilfe abhängig zu sein. Wir wollen Straßen, Krankenhäuser und Schulen bauen.

SPIEGEL: Viele nennen den Süden den »Friedhof der Hilfsprojekte«.

Raharinirina: Ja, da wurden jahrzehntelang viele Projekte auf den Weg gebracht, und nie wurde was draus. Wir möchten jetzt mehrere Behörden im Süden ansiedeln, um künftig besser zu kontrollieren. Ich bin jetzt seit 22 Monaten in dieser Regierung und war selbst siebenmal im Süden, um zu überprüfen, was mein Team vor Ort macht.

SPIEGEL: Sie haben die geplante Pipeline angesprochen. Wie nachhaltig ist dieses Vorhaben? Kritiker befürchten, damit würde das Wasser nur andernorts weggenommen und das Problem verlagert, schließlich regnet es überall weniger.

Raharinirina: Die Idee ist, Wasser aus einer Region zu entnehmen, die weniger Probleme hat. Damit könnten wir 160.000 Hektar Fläche im Süden bewässern und wieder Landwirtschaft ermöglichen. Die meisten dieser Menschen wollen für sich selbst sorgen, sie wollen nicht davon abhängig sein, dass ihnen jemand fünf Kilo Reis oder Mais vorbeibringt. Aber es stimmt, wir müssen auch die Quelle der Pipeline schützen, sie liegt in einem Naturschutzgebiet. Und wir müssen uns in den internationalen Verhandlungen dafür einsetzen, den Regen zurückzubringen – indem wir die Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzen. Das Problem im Süden Madagaskars kann nur in internationalen Verhandlungen gelöst werden.

SPIEGEL: Kürzlich kam eine Studie internationaler Experten zu dem Schluss, dass nicht der Klimawandel die Hauptursache für den Hunger im Süden ist, sondern die schlechten Bedingungen und die Armut vor Ort.

Raharinirina: Bei dieser Studie handelt es sich nicht um ein akademisches, sondern um ein politisches Werk. Man kann nicht einfach nur zwei oder drei Jahre an Vorhersagen betrachten. Die Experten liegen falsch, wenn sie die Folgen des globalen Klimawandels mit der mangelnden Infrastruktur vor Ort vermischen. Für mich ist das ein neuer klimaskeptischer Ansatz.

Weite Teile Madagaskars sind mittlerweile abgeholzt, unter anderem wegen der weitverbreiteten Viehzucht

Weite Teile Madagaskars sind mittlerweile abgeholzt, unter anderem wegen der weitverbreiteten Viehzucht

Foto: Njaka Rajaonisaona / DER SPIEGEL

SPIEGEL: Aber sind nicht tatsächlich viele Faktoren hausgemacht? Die Wälder zum Beispiel wurden massiv abgeholzt.

Raharinirina: Ja, wir werden uns künftig stärker für den Schutz des Waldes einsetzen, daran müssen wir arbeiten. Die Abholzung in dieser Region ist allerdings schon zurückgegangen.

SPIEGEL: Wird es wegen der Dürre viele Klimaflüchtlinge geben?

Raharinirina: Wir haben schon seit vier Jahren Klimaflüchtlinge, und die Situation ist wirklich alarmierend, es ziehen Abertausende Menschen aus dem Süden in den Westen und Norden, und oft bevölkern sie dort andere Schutzgebiete. Das ist eine echte Gefahr für unsere biologische Vielfalt, darüber haben wir auch auf dem Uno-Klimagipfel gesprochen. Wir erinnern immer wieder daran, dass Madagaskar fünf Prozent der weltweiten Artenvielfalt ausmacht. Diese fünf Prozent sind sehr wichtig. Wenn wir also in der Klimakrise und beim Umgang mit Klimaflüchtlingen keine Unterstützung bekommen, werden wir einen Teil dieser einzigartigen Artenvielfalt verlieren.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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