Sexskandal um Orbán-Vertrauten Flucht aus dem Fenster

In Brüssel wurde ein ungarischer Abgeordneter bei einer Orgie mit nackten Männern aufgegriffen. Das Problem daran: Es herrscht Corona-Lockdown – und der Politiker gilt als nationalkonservativer Vordenker.
Partygänger József Szájer: Hatte Drogen im Rucksack – und wohl nicht nur nationalkonservative Ideen im Kopf

Partygänger József Szájer: Hatte Drogen im Rucksack – und wohl nicht nur nationalkonservative Ideen im Kopf

Foto: Jean-Francois Badias / AP

József Szájer hat sich in seiner Verzweiflung aus dem Fenster und an der Dachrinne herabgehangelt. Er war wohl hastig und nur spärlich bekleidet, in seinem Rucksack fand die Polizei Drogen. Anwohner hatten die Ordnungshüter alarmiert, denn Lärm war am vergangenen Freitagabend aus der Wohnung über einer Kneipe in der Brüssler Rue des Pierres zu hören gewesen. Also rückten die Beamten aus und sprengten die Party mit rund zwei Dutzend Gästen, die meisten wohl Männer, die meisten wohl nackt.

Dass ein vom Volk gewählter Abgeordneter in seiner Freizeit eine Orgie besucht, ist zunächst mal seine Sache. Szájer muss das seiner Frau erklären, Tünde Handó ist Richterin am Verfassungsgericht in Budapest.

Blöd ist, wenn auch noch gerade Lockdown-Regeln gelten. In Brüssel dürfen sich maximal vier Personen treffen. Politiker sollten Vorbilder sein.

Und hochnotpeinlich wird es, wenn sich herausstellt, dass der Ertappte ein nationalkonservativer Fidesz-Mann ist, einer, der seinen Landsleuten einbläut, dass die Ehe heilig und Homosexualität verwerflich ist. Dass seine Partei in Ungarn äußerst restriktive Drogengesetze eingeführt hat, fällt da schon kaum mehr ins Gewicht.

Bußgeld wegen Drogenbesitzes

Nach dem missglückten Fluchtversuch begleitete die Polizei Szájer nach Hause, wo er sich mit einem Diplomatenpass ausweisen konnte. Es blieb zunächst bei einer Verwarnung, es droht aber ein Bußgeld von 250 Euro, die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Drogenbesitzes. Szájer trat am Sonntag als Abgeordneter zurück.

»Im Namen unserer gesamten politischen Gemeinschaft möchten wir uns bei József Szájer bedanken, der maßgeblich dazu beigetragen hat, dass der ungarische bürgerliche Konservatismus und die Christdemokratie ihren rechtmäßigen Platz in der europäischen politischen Szene einnehmen konnten«, postete seine Partei eine etwas sperrige Nachricht zum Abschied.

Und das ist gar nicht mal übertrieben: Szájer, 59 Jahre alt, gehört zu den Gründungsmitgliedern des Fidesz, gilt als Vertrauter von Premier Viktor Orbán. Er selbst brüstet sich damit, die neue ungarische Verfassung, die Fidesz 2011 im Eilverfahren durchgedrückt hat, auf seinem Tablet im Flugzeug zwischen Brüssel und Budapest entworfen zu haben.

Sie enthält unter anderem eine Berufung auf das Christentum und setzt fest, dass die Ehe der Bund von Mann und Frau zu sein habe. Diese Vorschrift verhindert, dass in Ungarn gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften juristisch gleichgestellt werden.

Skandal trifft Fidesz in einem ungünstigen Moment

Dass ausgerechnet Szájer sich auf solch einer Party blicken lässt, mutet klischeehaft an. Die größten Hasser von Schwulen sind womöglich selbst welche. Zudem hatte der Fidesz unlängst seine Gangart gegenüber der LGBT-Gemeinschaft noch verschärft.

Eine Ergänzung der Verfassung soll festlegen, dass »die Mutter eine Frau ist und der Vater ein Mann«, die Anerkennung von Transgendermenschen wird erheblich erschwert. Man müsse eben Kinder vor »neuen, modernen ideologischen Trends in der westlichen Welt schützen«, diese gefährdeten ja schließlich eine »gesunde Entwicklung«, so die Begründung.

Der Szájer-Skandal trifft Fidesz in einem ungünstigen Moment. Soeben hat das Land zusammen mit Polen das europäische Budget für die nächsten Jahre blockiert und Milliarden an Coronahilfen für die gesamte EU dazu. Ungarn hat sich damit zum Außenseiter in der EU gemacht – und das, obwohl die Zustimmungsraten zur Mitgliedschaft in dem Bündnis kontinuierlich hoch liegen.

Dass die Wähler die Geduld mit der siegesgewohnten Fidesz-Partei verlieren könnten, hat die Partei schon einmal erlebt. 2018 war ein Sexskandal um den Bürgermeister von Györ aufgeflogen. Filmaufnahme zeigten Zsolt Borkai beim Sex mit Prostituierten auf einer Jacht im Mittelmeer. Bei den Kommunalwahlen im Oktober 2019 musste Fidesz heftige Verluste hinnehmen – und verlor sogar die Hauptstadt an die Opposition.