Ex-"Index"-Chefredakteur Dull über Ungarn unter Orbán "Brutale Diffamierungskampagne"

Szabolcs Dull hat keinen Job mehr, weil er seinen Job gemacht hat: Der ungarische Journalist hat den Kampf um die Pressefreiheit vorerst gegen Premier Orbán verloren. Die Folgen sind unabsehbar.
Ein Interview von Walter Mayr
Journalisten haben es unter ihm immer schwerer: Ungarns Premier Viktor Orbán

Journalisten haben es unter ihm immer schwerer: Ungarns Premier Viktor Orbán

Foto: ATTILA KISBENEDEK/ AFP

SPIEGEL: Herr Dull, Sie sind einer der bekanntesten Kritiker von Premierminister Viktor Orbán. Warum wurden Sie gefeuert?

Szabolcs Dull: Sagen wir es so: Wir haben unter anderem Dinge geschrieben, über die sich Viktor Orbán und seine Partei Fidesz nicht gefreut haben. Beispielsweise wurde über den Fall des Fidesz-Politikers Zsolt Borkai, von dem ein Sexvideo auf einer Luxusjacht kursierte, in regierungsnahen Medien so gut wie gar nicht berichtet. Wir, das meistgelesene Medium des Landes, haben keine Interviews mehr bekommen. Praktisch wurden so mehr als eine Million Leser ignoriert.

SPIEGEL: Wie kam es zur Zuspitzung des Konflikts?

Dull: Über den Köpfen der Redaktion begann schon vor Jahren ein undurchschaubarer Prozess: Oligarchen kamen und gingen, kauften und verkauften die Redaktion. Unser Grundsatz aber blieb: Wir wollen unabhängig berichten können und zwar mit den Leuten, die wir uns aussuchen. Zuletzt aber mehrte sich der Einfluss von außen auf die Redaktion. Ich habe öfters meine Vorbehalte geäußert, auch öffentlich, dass wir unsere Werte und das Weiterbestehen der Redaktion in Gefahr sehen.

SPIEGEL: Ihnen wird vorgeworfen, betriebliche Interna öffentlich gemacht und den wirtschaftlichen Erfolg von Index.hu gefährdet zu haben.

Dull: Ich habe nie gegen ein Gesetz verstoßen, nie Geschäftsgeheimnisse oder vertrauliche Informationen öffentlich gemacht. Dass jetzt im Nachhinein gegen mich eine Diffamierungskampagne gestartet wird, ist leider typisch für das heutige Ungarn.

SPIEGEL: Miklós Vaszily, der Orbán-nahe Unternehmer, der sich im März eingekauft hat, war vor Jahren schon daran beteiligt, "Origo" - eine andere kritische Website - und einen TV-Sender auf Linie zu bringen. Ein Teil von Orbáns Strategie?

Dull: Das müsste man Orbán fragen oder Vaszily. Aber es ist offensichtlich kein Zufall, wenn jemand die Hälfte von Indamedia kauft. Übrigens war es auch schon den früheren, linken Regierungen ein Dorn im Auge, dass "Index.hu" wirklich frei und unabhängig gearbeitet hat. Aber erst Viktor Orbán hat das meistgelesene Medium des Landes als "Fake-News-Fabrik" bezeichnet. In den letzten Jahren sind nach und nach Redaktionen aufgelöst worden, deren Ziel es war, sachlich zu informieren. Das ist schlecht, auch für die ungarische Gesellschaft.

SPIEGEL: Warum gibt es keine regierungskritischen Geldgeber, die solche Maßnahmen wie bei "Origo" oder jetzt bei "Index.hu" verhindern?

Dull: Das ist eine gute Frage. Schon seit Längerem zeigt sich, dass diejenigen, die ein unabhängiges Medium betreiben wollen, schnell in eine schwierige Lage geraten. Bei "Index.hu" zum Beispiel durfte keine einzige Anzeige der Regierung erscheinen. Das bewirkt, dass auch andere potenzielle Werbekunden wegbleiben - weil sie das Gefühl haben, es sei in ihrem eigenen Interesse, sich von so einem solchen Medium fernzuhalten. Inzwischen läuft übrigens auch gegen den Eigentümer eines anderen regierungsunabhängigen Portals, nämlich "24.hu", eine brutale Diffamierungskampagne.

SPIEGEL: Sie wurden am Tag nach dem EU-Gipfel entlassen, bei dem sich Orbán dafür feiern ließ, eine Koppelung von Milliardenhilfen an Rechtsstaatlichkeitprinzipien verhindert zu haben. Gibt es da einen Zusammenhang?

Dull: Das ist in der Tat bemerkenswert. Wir hatten zwar keinen Kommentar zum Brüsseler Gipfel veröffentlicht, aber wir haben wohl unter den ungarischen Medien am besten darüber berichtet. Ausschlaggebend dafür, dass ich gefeuert wurde, war aber wohl eher, dass ich im Juni unser hauseigenes Barometer für die redaktionelle Unabhängigkeit für alle sichtbar auf die Warnstufe "in Gefahr" umgestellt hatte.

SPIEGEL: Welche Mitschuld an den Entwicklungen in Ungarn tragen die EU-Kommission unter Ursula von der Leyen und die Europäische Volkspartei (EVP), zu der Orbáns Partei Fidesz trotz Suspendierung noch immer gehört?

Dull: Ich denke nicht, dass es meine Aufgabe ist, Politikern und Parteien Schuld zuzuweisen. Was hätte es schon geändert, wenn Europa die Partei Fidesz oder Premierminister Orbán anders behandeln würde? Wir bei "Index.hu" hätten es einfach gern gehabt, dass es eine wirklich freie und unabhängige Presse gibt. Ich glaube, es sollte alles getan werden, um solche Werte schützen.

SPIEGEL: Viktor Orbán spielt seit drei Jahrzehnten eine maßgebliche Rolle auf Ungarns politischer Bühne. Allem Protest aus dem In- und Ausland zum Trotz, gibt ihm das Volk immer wieder die Stimme. Warum?

Dull: Man sollte nicht bestreiten, dass Orbán eine Politik macht und Werte vertritt, wie sie mehrere Millionen Menschen in Ungarn schätzen. Daneben haben seine Erfolge auch wahltechnische Gründe wie die Zersplitterung der Opposition.

SPIEGEL: Die internationale Nichtregierungsorganisation "Reporter ohne Grenzen" sprach mit Blick auf Ungarn bereits 2019 von einer staatlichen Kontrolle der Medien, die in der EU-Geschichte ihresgleichen suche. Sehen Sie das ähnlich?

Dull: Erstens: In den regierungskontrollierten Medien wird eine brutale, koordinierte Diffamierungskampagne lanciert - gegen mich, der gefeuert wurde. Zweitens: Es ist immer wieder vorgekommen, dass bei Regierungspressekonferenzen uns die Kollegen gebeten haben, die wirklich wichtigen Fragen zu stellen - weil es ihren Medien nicht erlaubt sei. Diese Tendenz hat von Jahr zu Jahr zugenommen. Da stehen zwar viele Kameras und Mikrofone, aber der Schein trügt.

"Die Werte, die wir bisher vertreten haben, werden wohl nicht mehr gelebt werden."

Szabolcs Dull

SPIEGEL: Es gab mehrere offen regierungskritische Persönlichkeiten, die in den sozialen Medien in den letzten Tagen schrieben, die Redaktion hätte nicht aus der belagerten Burg fliehen, sondern weiterkämpfen sollen.

Dull: Ich habe nach meiner Entlassung mich von meinen Kollegen verabschiedet und dabei gerade dieses Bild verwendet - dass sie die belagerte Burg weiter verteidigen sollen. Aber viele haben wohl gedacht, dass sie unter den neuen Bedingungen ihre investigative Arbeit nicht mehr ausüben können.

SPIEGEL: Was wird nun aus "Index.hu"?

Dull: Das müssen Sie andere fragen. Die Werte, die wir bisher vertreten haben, werden wohl nicht mehr gelebt werden. Ich für meinen Teil trauere erst mal dem hinterher, was "Index.hu" bisher war.

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