Uno-Bericht Wie die Pandemie die Migration verändert hat

Die Coronakrise hat weltweit die Mobilität eingeschränkt – mit extremen Auswirkungen für Migranten und Geflüchtete, wie ein Uno-Bericht zeigt. Auch Deutschland spürt die Folgen.
Arbeitsmigranten warten in Indien an einer Busstation, um während eines landesweiten Lockdowns in ihre Heimatorte zurückzukehren (im März 2020)

Arbeitsmigranten warten in Indien an einer Busstation, um während eines landesweiten Lockdowns in ihre Heimatorte zurückzukehren (im März 2020)

Foto: ANUSHREE FADNAVIS / REUTERS
Globale Gesellschaft

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Auch während der Pandemie ist die weltweite Zahl der Migrantinnen und Migranten weiter angestiegen. Allerdings mit deutlich anderen Routen – und langsamer als erwartet. Das ist das Ergebnis des neuen Jahresberichts der Internationalen Organisation für Migration (IOM).

Die Uno-Organisation bilanziert, dass sich die Mobilität auf der ganzen Welt »radikal verändert« habe. »Dieser Bericht ist anders als jede andere Ausgabe«, hieß es dementsprechend nun zur Veröffentlichung.

Für das Jahr 2020 zählt der Report rund 281 Millionen Migranten weltweit – zwei Millionen weniger, als noch vor der Pandemie erwartet worden waren. Im Jahr 2019 waren es 272 Millionen Menschen, im Jahr 1970 erst 84 Millionen.

Regional sieht die Uno-Organisation teils deutliche Unterschiede. Besonders in Asien und Europa sei die Zahl der Migranten in den vergangenen Jahrzehnten überdurchschnittlich stark angestiegen. Fast 20 Prozent der weltweiten Migranten kämen aus gerade einmal sechs asiatischen Ländern: Neben Indien, China und Bangladesch gehörten dazu auch Pakistan, die Philippinen und Afghanistan.

Die IOM verweist außerdem auf die sehr unterschiedlichen Formen von Migration. Neben Flucht vor Krieg und Gewalt untersucht der Bericht auch die Entwicklung von Arbeitsmigration. Sie mache mit 60 Prozent weltweit den größten Teil der Wanderungsbewegungen aus.

Als zunehmend wichtiger werdendes Problem nennt der Uno-Bericht außerdem klimabedingte Migration, etwa in Ländern wie China, Bangladesch, Haiti oder auch den USA.

Pandemie verändert alles

Die aktuelle Coronapandemie habe nun zu einer historisch beispiellosen Situation geführt. »Wir sind Zeugen einer paradoxen Situation, die es in der Geschichte der Menschheit noch nie gegeben hat«, sagte IOM-Generaldirektor António Vitorino. »Während Milliarden von Menschen durch Covid-19 in ihrer Bewegungsfreiheit gebremst wurden, wurden zig Millionen andere innerhalb ihrer eigenen Länder vertrieben.« Zu den häufigsten Ursachen dafür zählt der Bericht neben militärischen und politischen Konflikten auch die Flucht vor den Folgen der Pandemie.

Deutlicher Anstieg der Binnenmigration

Als Beispiele für die Auswirkungen der Coronapandemie nennt die IOM die Situation in mehreren Ländern. In Fidschi beispielsweise hätten die Reisebeschränkungen die Tourismusindustrie »zerstört«, mit der das Land in der Vergangenheit 40 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftete.

In Bangladesch hätten die Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und der Anstieg der Arbeitslosigkeit wiederum zu einer »unberechenbaren« Situation geführt. Geldtransfers von Arbeitsmigranten in die Heimat, einst die zweitgrößte Einkommensquelle des Landes, seien seit Beginn der Pandemie kaum noch möglich gewesen.

Dieses Problem sei in anderen Ländern ebenfalls zu beobachten gewesen. Während 2019 von Arbeitsmigranten noch 719 Milliarden Dollar überwiesen wurden, sank die Zahl im vergangenen Jahr auf 702 Milliarden, so der Bericht. Viele Betroffene seien aufgrund der aktuellen Lage in ihre Heimatländer zurückgekehrt. Mancherorts habe diese Migration zu neuen Problemen geführt. Rückkehrer hätten das Virus weiterverbreitet, aus Angst davor seien dann wiederum Grenzen geschlossen worden. Als Beispiel nennt die IOM das Schicksal Zehntausender Nepalesen, die zeitweise an der Grenze ihres Heimatlandes mit Indien festsaßen.

Wanderarbeiter bei der Aussaat auf einem Feld in der chinesischen Provinz Sichuan

Wanderarbeiter bei der Aussaat auf einem Feld in der chinesischen Provinz Sichuan

Foto: Barcroft Media / Getty Images

Auch Deutschland spürt die Folgen

Als westliches Fallbeispiel für Auswirkungen der Pandemie nennt der Bericht explizit Deutschland. Die Einschränkungen hätten auch hier zu einem Mangel an Arbeitskräften geführt, erinnert die IOM. Insbesondere in der Landwirtschaft fehlten im vergangenen Jahr kurzfristig Zehntausende Erntearbeiter. Über Sonderregelungen wurde schließlich die Einreise von Migranten aus Osteuropa ermöglicht.

Der Bericht erinnert auch daran, wie unterschiedlich die Reisemöglichkeiten global gestaltet sind. Während Menschen aus Ländern mit »sehr hohem Entwicklungsstand« in rund 85 Prozent aller Staaten visumfrei einreisen könnten, sei dies für einen Großteil der Menschen aus weniger entwickelten Ländern kaum möglich. Irreguläre Migration sei für diese Menschen oft die realistischste Option, so die IOM. Diese ungleichen Bedingungen benennt die Uno-Organisation mit einem recht eindeutigen Begriff: »Geburtslotterie«.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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