Klimapioniere Die Frau, die New York City vor dem Untergang bewahren will

Stürme, Fluten, Hitzewellen: New York steht an der Front des Klimawandels. Doch die Aktivistin Karen Imas sieht die 840 Kilometer Ufer und Küsten der größten US-Stadt auch als Chance. Was ist ihr Plan?
Von Marc Pitzke, New York
Foto: [M] Marc Pitzke / DER SPIEGEL

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»Sandy« kannte kein Erbarmen. Als der Hurrikan 2012 über New York City hinwegfegte, ging Hunters Point als eines der ersten Stadtviertel unter. Am East River, direkt gegenüber der futuristischen Skyline von Midtown, waren nicht nur die Ufer überflutet. Noch Hunderte Meter landeinwärts schwappte das Wasser durch die Straßen und in die Keller, Tiefgaragen und U-Bahn-Schächte.

Neun Jahre später ist in Hunters Point wenig zu spüren vom apokalyptischen Chaos jener Nacht, in der allein in New York City 43 Menschen starben. Kinder spielen im Schatten der alten Dockgerüste, Jogger ziehen ihre Runden um die Wolkenkratzer, Fähren bringen Pendler nach Manhattan. Die Luft riecht nach Sandelholz und Salz.

»Die Ruhe ist trügerisch«, sagt Karen Imas. Sie steht auf der Promenade, einen Kaffee in der Hand, Gesicht in der Herbstsonne. »Wir sind nicht vorbereitet auf das Klimadesaster.« Am anderen Ufer glitzert die Fassade der Uno-Zentrale, ebenfalls direkt am Wasser.

Eine Stadt geht unter: Hurrikan »Sandy« in New York City (2012)

Eine Stadt geht unter: Hurrikan »Sandy« in New York City (2012)

Foto: Preston Rescigno/ AFP

Während die Welt beim Uno-Klimagipfel in Glasgow über die Senkung von Treibhausgasemissionen verhandelt, kämpft Imas daheim. Sie ist Vizepräsidentin der Waterfront Alliance, einer New Yorker Umweltkoalition aus Anwohnern, Geschäftsleuten, Architekten und Wissenschaftlern, und versucht unter anderem, die Folgen der Krise zu dämpfen – hier in Queens, wo sie seit ihrer Kindheit lebt, aber auch in den anderen, vom Untergang bedrohten Uferzonen der 8,8-Millionen-Metropole, vor allem in Lower Manhattan, in Brooklyn und in Staten Island.

»Ich war immer am Wasser«

New York City steht ganz vorne an der globalen Klimafront. Regen, Flut, Hitze: »Die Krise ist hier keine abstrakte Idee mehr«, hat Imas selbst erlebt. »Sie ist hier, sie ist jetzt, wir müssen handeln.«

Ihre Eltern kamen als Einwanderer aus der heutigen Ukraine »auf der Suche nach einem besseren Leben«. Die Familie ließ sich in Forest Hills nieder, einem Immigrantenviertel im Herzen von Queens, Fluss und Meer nur eine U-Bahn-Fahrt entfernt. »Ich wuchs in der Nähe von Parks und Stränden auf«, sagt Imas. »Ich war immer am Wasser.«

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Anfang November trifft sich die Staatengemeinschaft im schottischen Glasgow zur 26. Uno-Klimakonferenz, der COP26. Auf dem zweiwöchigen Treffen geht es darum, die Ziele der Länder zu erhöhen und gemeinsame Regeln für den Kampf gegen die Klimakrise zu definieren. Lesen Sie hier alle Artikel zum Gipfel.

Selbst die Stuyvesant High School in Manhattan, auf die sie ging, liegt direkt am Hudson River. Die Schule entkam den Wassermassen, die »Sandy« 2012 in die Stadt drückte, nur knapp. Nach dem Studium an der Columbia University arbeitete Imas als Lobbyistin und in der PR-Branche. 2018 stieß sie zur Waterfront Alliance, wo sie, wie sie sagt, ihre wahre Berufung gefunden habe. Bis heute wohnt sie in Forest Hills, nun nimmt sie ihre eigenen Kinder, eine achtjährige Tochter und einen zwölfjährigen Sohn, ans Ufer mit, in den Flushing Meadows Corona Park oder zum Rockaway Beach, einen der längsten Stadtstrände der USA: »Die City gilt als Betonwüste, aber wir leben mit dem Wasser.«

Und wie gefährlich das sein kann, gerade für eine Stadt, die auf Sumpf und Feuchtgebieten gebaut ist, zeigte »Sandy« der jetzigen Generation mit tödlicher Gewalt. Nie zuvor hatte ein Sturm New York so schwer getroffen: Zwölf Stunden lang tobte der Hurrikan über der Region, flutete rund 90.000 Gebäude und verursachte fast 20 Milliarden Dollar Sachschaden.

Wenn es stürmt, steht das Wasser knietief

»Sandy« gilt heute als Wendepunkt in der US-Klimapolitik. Die bis dahin ambitioniertesten Umweltpläne der USA wurden damals formuliert. New York schwor, den Schadstoffausstoß in der Stadt bis 2050 um 80 Prozent zu senken, gleichzeitig einigte man sich auf eine wohlklingende Klimastrategie namens »OneNYC «, die die Konsequenzen der Erderwärmung mit den wirtschaftlichen Ungleichheiten verknüpft.

Hurrikan »Ida«: Flutverwüstung in Queens im September

Hurrikan »Ida«: Flutverwüstung in Queens im September

Foto: Mary Altaffer / AP

Die 2007 gegründete Waterfront Alliance  spielte dabei eine zentrale Rolle. Als Schnittstelle zwischen Bürgern und Kommunalpolitikern, zwischen den typisch New Yorker Nachbarschaftsversammlungen, den »community boards«, und der City Hall, erarbeitet die Koalition aus mehr als 1000 Organisationen detaillierte Konzepte, um New Yorks fast 840 Kilometer Ufer, Strände und Küsten zu schützen, zu wahren – und in der Klimakrise als natürliche Bollwerke zu nutzen.

Zum Beispiel in Hunters Point, wo der Stadtteil Queens als Halbinsel in den East River ragt. Das frühere Industriegebiet, auch durch sein 15 Meter hohes Pepsi-Cola-Neonschild am Ufer bekannt, ist heute eines der begehrtesten Wohnviertel New Yorks. Trotzdem bleibt es den Elementen ausgeliefert: Wenn es stürmt, steht das Wasser knietief – und falls der Meeresspiegel weiter steigt, versinken ohnehin beträchtliche Teile des Viertels.

Aussichtsdecks als Deichpuffer

Deshalb hat die Stadtverwaltung hier gemeinsam mit Immobilienentwicklern, Bürgergruppen und Verbänden wie der Waterfront Alliance eine vorbildliche Uferzone geschaffen. Architektur und Landschaftsdesign durchliefen akribische Prüf- und Planungsphasen, bei denen alle Ebenen der Kommune beteiligt wurden. Nun verwachsen auf der Landzunge klimaresistente Flora, energiesparendes Bauen, Artenvielfalt und clevere Ideen, etwa ein »Schwammpark«, dessen Gras das Wasser aufsaugt und in den Fluss zurückleitet, bevor es die Straßen erreicht. Promenaden und Aussichtsdecks liegen bis zu 20 Meter über dem East River und dienen zugleich als Deichpuffer.

Der jüngste Abschnitt ist der Hunters Point South Park. Kiefern, Weideneichen, Dünengras, Granitfelsen, eine Kajak-Anlegerampe, die Sturmwasser abfangen kann: Hier hat alles doppelten Nutzwert, halb Spaß, halb Wasserschutz. Imas nennt das »eine Ehe aus grüner und grauer Infrastruktur«.

Gleichzeitig sind andere wichtige Klimaprojekte der Stadt ins Stocken geraten. Allen voran eine bis zu 119 Milliarden Dollar teure Deichmauer, die von New Jersey bis Long Island mitten durchs Meer gehen sollte, um die Hafenbucht – samt Freiheitsstatue und Ellis Island – vom offenen Atlantik abzuschotten. Konzipiert nach »Sandy« liegt diese Vision, wie so viele andere, neun Jahre später immer noch auf Eis, ausgebremst von Zank und Zweifel.

»Irgendwann kam ich nicht mehr weiter«

Wieder andere Vorhaben kommen erst jetzt langsam in Gang. Darunter die Flutbefestigung der südlichsten Strandstreifen, des Battery Parks und die bei Anwohnern umstrittene, rund 1,5 Milliarden Dollar teure Anhebung des East River Parks in Manhattan um bis zu drei Meter.

An der Klimafront: Manhattan während des Hurrikans »Irene« (2011)

An der Klimafront: Manhattan während des Hurrikans »Irene« (2011)

Foto: Seth Wenig/ AP

Das Klima wartet nicht. Im September ertranken beim Hurrikan »Ida« elf New Yorker in ihren Kellerapartments in Queens. Die meisten waren arme Einwanderer, die sich keine flutsicheren Wohnungen leisten konnten. Auch Karen Imas kämpfte sich an jenem Abend mit ihren Kindern durch kniehohes Schlammwasser über den Queens Boulevard. »Irgendwann kam ich nicht mehr weiter«, erinnert sie sich. »In dem Moment war unsere Herausforderung unverkennbar.«

Diese Herausforderung stellt sich auch dem nächsten Bürgermeister , dem gerade gewählten Demokraten Eric Adams, der sein Amt am 1. Januar antritt. Dessen 17-Punkte-Plan  für »eine grünere Stadt, eine bessere Zukunft« enthält bisher freilich wenig Neues. Zumindest hat er einen Plan, sagt Imas: »Das ist ein Schritt in die richtige Richtung.« Sie hofft, dass die Stadt mindestens ein Prozent ihres Billionenhaushalts für die Pflege der Ufer und Parks bereitstellt. Zurzeit sind es 0,6 Prozent.

Auch deshalb fürchtet Imas, dass sich die Klimakatastrophe auf lange Sicht nicht stoppen lässt, weder weltweit noch in der größten Stadt Amerikas. »Ich gebe zu, ich habe Angst um die Zukunft meiner Kinder«, sagt sie. »Was wird aus ihnen, wenn sie hier bleiben?«

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